Sterben und Tod RHEINPFALZ Plus Artikel Trauerbegleiter helfen beim Abschiednehmen und Loslassen

Ein geliebter Mensch ist tot, das eigene Leben geht aber weiter.
Ein geliebter Mensch ist tot, das eigene Leben geht aber weiter.

Wenn ein Mensch stirbt, bricht für Angehörige häufig die Welt zusammen. Nicht alle finden alleine den Weg zurück ins Leben. Ausgebildete Trauerbegleiter können helfen, mit dem Verlust fertig zu werden. Auch eine dreifache Mutter hat sich mit dem Sterben und dem Tod auseinandergesetzt.

Im Corona-Schutzabstand von 1,5 Metern sitzen einige Frauen und ein Mann um die Tische und blicken auf eine Auswahl Fotos, viele mit einem Text versehen – zwei leere Stühle am Ufer eines Sees, ein dunkler Wald, an dem an der ein oder anderen Stelle ein Lichtstrahl zu sehen ist, ein Herbstblatt. Sie werden gebeten, sich eine Karte auszuwählen. Eine Karte, die sie anspricht. Eine Karte, die ihre Gefühle, ihre momentane Situation ausdrückt – ihre Traurigkeit, ihre Ängste, Wut, vielleicht aber auch ihre Hoffnung, dass das Leben noch schöne Seite haben kann. Die Menschen, die sich an diesem Donnerstag in einem Saal des Diakonissenhauses in Speyer treffen, haben alle eines gemeinsam: Sie haben in jüngster Zeit einen nahen Angehörigen verloren, der im Speyerer Hospiz im Wilhelminenstift gestorben ist.

Die Stimme versagt

Eine ältere Dame hat sich eine Karte ausgesucht – eine trauernde Frauenfigur, die sich an einen Stein lehnt, wohl einen Grabstein. Als sie den Text vorlesen will, versagt ihre Stimme. Sie schüttelt den Kopf, gibt den Text an eine der Trauerbegleiterinnen weiter. Jutta Kinsler beginnt zu lesen: „Bei manchem Abschied empfinden die Dagebliebenen auch Erleichterung, dann etwa, wenn der Sterbeprozess lang und schwer war ... Das lange Leiden eines geliebten Menschen kann sehr belastend sein ... “ Die Frau nickt. Dieser Text drückt genau das aus, was sie derzeit empfindet.

Jutta Kinsler kann sich in die Gefühlswelt der Trauernden hineinversetzen. Es ist gerade einmal drei Jahre her, da hat sie ihren Mann Gerhard verloren. Gestorben ist er im Speyerer Hospiz. Noch genau kann sie sich an die Zeit des Hoffens und Bangens nach der Diagnose Hirntumor erinnern. An das Auf und Ab, bis ihr Mann Anfang 2017 auf die Palliativstation verlegt wurde. Einige Wochen später, im März, erhielt er ein Zimmer im Speyerer Hospiz. Die Krankheit war schon weit fortgeschritten, zu diesem Zeitpunkt konnte er schon nicht mehr sprechen.

„Diese Zeit im Hospiz war ein Glücksfall – für meinem Mann, für unsere Kinder, für mich“, sagt die dreifache Mutter im Rückblick. Nicht nur, dass ihr Mann rundum gut versorgt war, auch um die Angehörigen wird sich gekümmert. „Die Gespräche mit Pflegekräften oder der Pfarrerin haben mir Trost und Kraft gegeben. Sie haben darauf geachtet, dass ich mich nicht übernehme und Hilfe angeboten. Ich habe mich einfach geborgen gefühlt“, beschreibt es die 53-Jährige.

Kein schlechtes Gewissen haben

Sie lernte, dass sie kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn sie sich Gedanken macht, was nach dem Tod ihres Mannes ist und was sie wie regeln muss. Sie konnte über ihre Zweifel sprechen, ob ihr Mann wirklich wusste, wie es um ihn stand. „Ich wollte einfach nichts versäumen“, sagt Jutta Kinsler. Am 21. April ist ihr Mann gestorben, in ihren Armen. Mit einer Schwester hat sie ihn gewaschen, einen Fliederzweig geholt, ein Holzkreuz und eine Kerze aufgestellt. „Ich war sehr dankbar, dies noch tun zu können.“

Diese Zeit im Hospiz hat bei ihr den Wunsch keimen lassen, etwas von dem zurückzugeben, was sie dort empfangen hat. Sie wusste aber auch, dass es dazu noch zu früh war. Zunächst besuchte sie selbst eine Trauergruppe. „Das hat mir geholfen, meine Trauer zu akzeptieren, sie zuzulassen. Das Wichtigste aber war, zu erkennen: Es ist nicht mein Tod. Nach dem Tod des Partners geht das Leben weiter. “

Mutlosigkeit und Wut

Diese Erfahrung bestärkt Jutta Kinsler, sich nach einer Ausbildung zur ehrenamtlichen Trauerbegleiterin umzuschauen. Fündig wird sie im Kloster Lichtenthal bei Baden-Baden. In sechs Modulen zu je zwei Tagen will die Ausbildung grundlegendes Wissen zu Sterben, Tod und Trauer vermitteln, Handlungsmöglichkeiten anbieten sowie die persönliche Auseinandersetzung ermöglichen. Das Angebot richtet sich an ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter in Kirchengemeinden, Hospizen, Beratungsstellen und in anderen medizinischen und sozialen Einrichtungen, die sich für die Begleitung von Trauernden qualifizieren möchten.

Jutta Kinsler durchlief das Bewerbungsverfahren und begann im Januar 2019 mit dem ersten Kursmodul. Anfangs sei es aufgrund der eigenen Betroffenheit schon schwierig gewesen, gibt sie zu. Denn die Trauerphasen, über die gesprochen wurde, hatte sie am eigenen Leib erfahren – die Mutlosigkeit, das Alleinsein, die Ausweglosigkeit, die Wut, verlassen worden zu sein, die Existenzängste. Sie lernt die Arten von Trauer, Trauerritualen und -modellen kennen.

Extrem tränenreicher Abschnitt

Vermittelt werden Fähigkeiten zur Trauerbegleitung, Kommunikation, wie auch das aktive Zuhören, Gesprächsführung, Krisenintervention, Abgrenzung von Trauerbegleitung und Therapie und Selbstsorge.

Beim fünften Modul, in dem es um das Thema Abschied gestalten geht, gelangt Jutta Kinsler an einen Tiefpunkt. „Ich hatte das Gefühl, das packe ich nicht mehr“, erinnert sie sich. Sie tauscht sich mit Leuten aus ihrer Gruppe aus, kontaktiert die begleitende Psychologin. Dieser Abschnitt sei extrem schmerzvoll und tränenreich gewesen. „Aber ich habe erkannt: Ich muss durch dieses tiefe Loch hindurch, um wieder ans Licht zu kommen.“

Wunsch der Hinterbliebenen

Im November vergangenen Jahres schließt sie die Ausbildung ab. Dabei hat sie auch erkannt, dass sie keine persönliche Trauerbegleitung machen, sondern gerne ehrenamtlich in einem Trauertreff mitarbeiten möchte. Um diesen Zeitpunkt herum kommt auch der Anruf aus dem Speyerer Hospiz, ob sie sich vorstellen könne, eine Trauergruppe für Angehörige von im Hospiz Verstorbenen anzubieten.

Denn die Mitarbeiter dort erhalten immer wieder die Rückmeldung: „Die Zeit im Hospiz hat uns so gut getan. Wir kennen die Räumlichkeiten, die Mitarbeiter, doch nun nach dem Tod des Angehörigen können wir nicht mehr kommen.“ Mit dem Trauercafé – einem offenen Gesprächskreis für trauernde Menschen einmal im Monat – will das Hospiz dem Wunsch von Hinterbliebenen nachkommen.

Klare Regeln

Zwei Stunden lang können die Angehörigen an diesem Donnerstagnachmittag ihrer Trauer Platz geben. Sie können in einem geschützten Rahmen reden, schweigen, weinen, lachen, über Ängste sprechen. Dabei sind klare Regeln einzuhalten, erklärt Kinsler: „Jeder hört jedem zu. Nichts wird bewertet.“ Für viele ist diese Zeit kostbar. Sie spüren, sie sind nicht allein.

Die ältere Dame, die noch nicht über ihren Verlust sprechen kann, sagt beim Hinausgehen: „Es war so schön. Kann ich wieder kommen?“ Das ist so ein Moment, in dem Jutta Kinsler weiß: „Das ist genau das, was ich tun möchte.“

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