Politik Straßburg 1989 – Kohls schwierigster Europagipfel

War Kohls wissenschaftlicher Berater: Theo Schwarzmüller aus Hauenstein.
War Kohls wissenschaftlicher Berater: Theo Schwarzmüller aus Hauenstein.

Otto von Bismarck 1871 in Versailles, Konrad Adenauer 1962 in Reims, Helmut Kohl 1984 in Verdun – in dieser Reihe schicksalhafter Daten der deutsch-französischen Geschichte sieht der Hauensteiner Historiker Theo Schwarzmüller den europäischen Trauerakt für den verstorbenen Altkanzler Kohl heute im Straßburger EU-Parlament.

Dass Straßburg und Speyer die Orte der Trauerfeiern sind, „hat seinen tiefen Sinn“, sagt der 55-jährige Schwarzmüller, der Kohl bei der Arbeit an dessen Memoiren ab dem Jahr 2000 wissenschaftlich beraten hat. „Wer von meiner pfälzischen Heimat hinüberfährt ins Elsass, der kommt von Europa nach Europa“, habe Kohl oft und überzeugt gesagt. Der Altkanzler habe schon vor Jahren über sein späteres Begräbnis und Vermächtnis nachgedacht, so Schwarzmüller. „Er hat auch nach Bismarcks Grabstätte gefragt“, erinnert sich der Historiker, der Autor einer Biografie des Reichsgründers ist. Reichspräsident Friedrich Eberts Grab auf dem Bergfriedhof in Heidelberg besuchte Kohl auch mit Frankreichs Staatschef François Mitterrand. Das künftige Grab des Altkanzlers in Speyer liegt hinter der Friedenskirche St. Bernhard, deren Grundstein Konrad Adenauer und der große französische Außenminister Robert Schuman 1953 gemeinsam setzten. Kohl war beseelt von dem Ziel, Deutsche und Franzosen zu einen. Oft erinnerte der Ludwigshafener daran, wie er als 20-Jähriger an Festen im deutsch-französischen Grenzgebiet teilnahm. „Wir sangen europäische Lieder und verbündeten uns. Zwischen der Pfalz und dem Elsass räumten wir symbolisch Zollschranken beiseite“, schrieb Kohl 2007 zum 50. Jahrestag der Römischen Verträge. Straßburg wünschte sich Kohl, so Schwarzmüller, als echte europäische Hauptstadt, sogar als eine europäische Sonderzone. „Ähnlich wie den District of Columbia in den USA“, weiß Schwarzmüller. „Dass sich mit Emmanuel Macron ausgerechnet in Straßburg ein junger französischer Staatspräsident vor dem verstorbenen Kanzler der deutschen Einheit verneigt, ist eine große Geste“, sagt der Südwestpfälzer, der 2002 in einer Biografie über den Herxheimer Albert Finck, einen politischen Ziehvater Kohls, dessen lebenslange emotionale Beziehung zum Elsass herausgearbeitet hat. Schon 1950 habe der rheinland-pfälzische Kultusminister und CDU-Politiker Finck Kohl zu einem Treffen mit dem gebürtigen Moselfranken Schuman in Paris mitgenommen. Schuman hatte im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat gedient und wurde als Franzose im Zweiten Weltkrieg 1941 in Neustadt an der Weinstraße interniert, bevor er sich später der Résistance anschließen konnte. Aus der Zeit Albert Fincks als Mainzer CDU-Minister rührt auch eine Tradition, die Kohl bis ins hohe Alter pflegte: im elsässischen Niedersteinbach gut zu essen. Das Lokal „Le Cheval blanc“ der Familie Zinck gilt als sein Lieblingslokal, auf einer Stufe mit dem Deidesheimer Hof. Quiche lorraine und Hechtklöße, dazu einen Riesling, das waren Kohls Lieblingsspeisen bei Besuchen in dem Ort in den Nordvogesen westlich von Weißenburg. Über das Elsass und Lothringen schmuggelte der junge CDU-Politiker Kohl 1955 aus der Pfalz Flugblätter in das abgeriegelte Saargebiet: mit einem VW, den Kohls damalige Freundin Hannelore steuerte. Deren perfekte Französischkenntnisse und wohl auch ihr gutes Aussehen halfen, die Kontrollen französischer Soldaten an der Grenze zum heutigen Saarland zu überwinden. „Straßburg ist nicht irgendein französischer Grenzort, wie das dieser Tage in Berlin bisweilen abfällig anklingt, sondern liegt am Rhein und mitten in Europa“, unterstreicht Schwarzmüller. Für Kohl sei die einstige freie Reichsstadt und der Sitz des Europaparlaments vor allem auch der Ort, an dem 1989 die Weichen für die europäische Wirtschafts- und Währungsunion gestellt wurden. In seinen Memoiren schrieb Kohl über den Straßburger EG-Gipfel am 8. Dezember 1989: „In den vielen Jahren meiner Mitarbeit in europäischen Gremien gab es keine Sitzung, die in so einer angespannten und unfreundlichen Atmosphäre stattfand.“ Es war die Zeit, als sich plötzlich die Frage der deutschen Wiedervereinigung mit Macht stellte und weder die Briten unter Premier Margret Thatcher noch die Franzosen diese Idee unterstützen wollten. Ein europäischer Regierungschef aber war „ein Anwalt für die deutsche Einheit“, erinnerte sich Kohl in seinen Memoiren: der Spanier Felipe González. Eben jener Sozialist, der nach Kohls Tod sofort als Redner bei der Straßburger Trauerfeier genannt wurde. González wie auch Ex-US-Präsident Bill Clinton seien ganz in Kohls Sinn, weiß Theo Schwarzmüller aus eigenen Gesprächen mit dem Altkanzler. Zurück zum Straßburger Gipfel ’89: Die Regierungschefs beauftragten die EG-Kommission unter Jacques Delors, ein Strategiepapier zur deutschen Frage zu erarbeiten. „Deutsche Einheit und europäische Einigung sind zwei Seiten derselben Medaille“, war Kohl überzeugt. Kaum ein Ort war geeigneter, den Brückenschlag zu wagen: Auch Straßburgs langjähriger OB Pierre Pflimlin, 1984 bis 1987 Präsident des Europaparlaments, gehörte zu den Franzosen, die Kohl halfen, die Bedenken in Paris zu zerstreuen. Von Bismarcks Reichsgründung zu Kohls europäischer Einigung – das ist auf den ersten Blick ein langer Weg. Historisch betrachtet seien das gerade mal drei Generationen, betont Schwarzmüller. Helmut Kohls Vater Hans, ein gebürtiger Franke, habe den Reichsgründer noch im bayerischen Bad Kissingen erlebt, wo der Preuße gern urlaubte. Helmut Kohls und Otto von Bismarcks historische Größe zu vergleichen, verbiete sich jedoch, meint Schwarzmüller. Zu unterschiedlich seien die Zeiten, in denen beide wirkten: Schien im 19. Jahrhundert der Krieg ein akzeptables Mittel der Politik, war nach den Grauen des Zweiten Weltkriegs Frieden in Europa und auch im Grenzland Pfalz-Elsass höchstes Gebot.

22. November 1989: Helmut Kohl im Straßburger Europaparlament. Im Hintergrund Frankreichs Präsident François Mitterrand.
22. November 1989: Helmut Kohl im Straßburger Europaparlament. Im Hintergrund Frankreichs Präsident François Mitterrand.
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