Kalender RHEINPFALZ Plus Artikel Spektakuläre Geste: Willy Brandts Kniefall in Warschau

Eine nicht geplante Geste, die um die Welt ging: Willy Brandt kniet in Warschau.
Eine nicht geplante Geste, die um die Welt ging: Willy Brandt kniet in Warschau.

Das Bild ist bis heute unvergessen: Am 7. Dezember 1970 kniete der damalige Bundeskanzler Willy Brandt in Warschau vor dem Mahnmal für die Opfer des Aufstands im jüdischen Ghetto von Warschau.

„Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“ So beschrieb Willy Brandt später sein Motiv für eine Geste, die sich tief ins politische Gedächtnis vieler Deutscher und Europäer eingeprägt hat: der Kniefall des damaligen Bundeskanzlers am Mahnmal für die Toten des Warschauer Ghettos am 7. Dezember 1970.

Ende des kollektiven Verdrängens der Schuld

Brandts nach dessen eigenen Worten nicht geplantes Knieen auf den regennassen Stufen des Mahnmals war ein Zeichen der Demut. Er habe „für mein Volk um Verzeihung“ gebeten, sagte Brandt selbst einmal. Da übernahm ein bundesdeutscher Regierungschef Verantwortung für unaussprechliche Gräuel, die nur wenige Jahrzehnte zuvor im deutschen Namen und von Deutschen verübt worden waren. Ausgerechnet Brandt, der vor den Nazis nach Skandinavien geflohen war und von dort aus politisch und publizistisch gegen das Dritte Reich kämpfte. Brandt, der 1913 als Herbert Frahm auf die Welt kam, sich 1933 in Willy Brandt umbenannte und wegen seiner unehelichen Herkunft bis in die 60er Jahre von Kanzler Konrad Adenauer und anderen Unionspolitikern diffamiert wurde. „Dann kniet er, der das nicht nötig hat, für alle, die es nötig haben, aber nicht knien – weil sie es nicht wagen, oder nicht können oder nicht wagen können“, brachte damals „Spiegel“-Autor Hermann Schreiber die Bedeutung des Kniefalls auf den Punkt. Mit diesem Kniefall endete auch das weitgehende kollektive Verdrängen der Schuld, begann in der Bundesrepublik die oft schmerzhafte Aufarbeitung der Verbrechen, die während der Nazi-Zeit von den Deutschen verübt worden waren.

Der schwierige „Wandel durch Annäherung“

Anlass von Brandts Reise nach Warschau – es war der erste Besuch eine Bundeskanzlers in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg – war die Unterzeichnung des Warschauer Vertrags. Das Abkommen gehörte zusammen mit anderen Verträgen zu jener neuen Ostpolitik, der sich die seit 1969 regierende sozialliberale Koalition unter dem SPD-Politiker Brandt verschrieben hatte. Unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“ wurde versucht, das Verhältnis zu den Staaten des kommunistischen Ostblocks – zur DDR, aber auch zur Sowjetunion, zur Tschechoslowakei und eben zu Polen – schrittweise zu verbessern.

Die Ostpolitik, an der der SPD-Vordenker und Brandt-Vertraute Egon Bahr großen Anteil hatte, war nicht nur politisch äußerst schwierig. Schließlich gehörte die Bundesrepublik zum demokratischen, freiheitlichen Westen, während die anderen Länder allesamt hinter dem Eisernen Vorhang lagen, der diesen Westen vom kommunistischen Osten trennte. Mindestens ebenso schwer lastete die Geschichte auf dieser Politik. Das galt, neben der Sowjetunion, vor allem für Polen, mit dessen Überfall durch die Wehrmacht im September 1939 der Zweite Weltkrieg begonnen hatte. Im besetzten Polen wurden in deutschen Konzentrationslagern Millionen Juden ermordet. 1943 schlug die deutsche Besatzungsmacht den Aufstand im jüdischen Ghetto von Warschau brutal nieder; Zehntausende verbliebene Juden wurden in Vernichtungslager gebracht.

Heftige Kritik der CDU/CSU an Warschauer Vertrag

Innenpolitisch war die Ostpolitik von Willy Brandt und seines Außenministers Walter Scheel, die uns heute als weitsichtig und geradezu genial erscheint, damals äußerst umstritten. Das galt insbesondere für den Warschauer Vertrag, den die CDU/CSU als Beleg betrachtete, dass die Regierung Brandt den „Ausverkauf deutscher Interessen“ betrieb. Dieser Vorwurf richtete sich vor allem gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als Westgrenze Polens. Zugleich bekannten sich beide Seiten zur Unverletzlichkeit der Grenzen. Damit wurde der Verlust der Ostgebiete des ehemaligen Deutschen Reiches, wie von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs im Potsdamer Abkommen vereinbart, auch von westdeutscher Seite anerkannt. Brandt konterte die Kritik, die am lautesten von den Vertriebenenverbänden geäußert wurde, mit dem Hinweis, dass mit dem Vertrag nichts preisgegeben werde, was von Hitler und den Nazis „nicht längst verspielt“ worden sei.

1971 erhielt Brandt den Friedensnobelpreis

Auch Brandts Kniefall bot Anlass für Auseinandersetzungen. Als „übertrieben“ wurde die Geste von manchen kritisiert – ein wahrhaft bizarrer Vorwurf angesichts des ungeheuren Leids, das die Deutschen über Polen gebracht hatten und das auch nicht gegengerechnet werden sollte mit dem Leid und den Schrecknissen, die vertriebenen Deutschen ihrerseits widerfuhren.

In Kontrast zum heftigen innenpolitischen Streit stand das fast einhellige internationale Lob für die Ost- und Entspannungspolitik der Regierung Brandt. Gut ein Jahr nach dem Kniefall, am 11. Dezember 1971, nahm Brandt in seiner zeitweiligen Heimat Norwegen den Friedensnobelpreis entgegen.

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