Meinung SPD-Kanzlerkandidat: Mehr Nagelsmann wagen
Julian Nagelsmann unterscheidet sich von seinen Vorgängern im Amt des Fußball-Nationaltrainers insbesondere in einer Sache: Er setzt bei der Auswahl seines Spitzenpersonals auf das Momentum, auf Form, auf den Faktor Euphorie. Verdienste aus der Vergangenheit respektiert er. Sie sind aber nicht entscheidend. Sein Credo: Wer sich im Aufwind befindet, legt unbekümmert los.
Lars Klingbeil ist Fan des FC Bayern München. Jenes Vereins also, bei dem Julian Nagelsmann Trainer war. Klingbeil schätzt den DFB-Trainer. Im Gegensatz zu ihm setzt er aber bei der Auswahl seines Spitzenpersonals weder auf das Momentum noch auf Form oder Euphorie, sondern auf Verdienste aus der Vergangenheit. Mit der Festlegung auf Olaf Scholz als SPD-Kandidat fürs Kanzleramt folgt er dem Credo: Erst die Person, dann die Partei, dann das Land. Klingbeil wirkt mehr nach innen, als dass er auf Sieg spielt. Wobei „innen“ hier die Parteispitze meint, nicht die Basis. Aus den Ortsverbänden ist lautes Grummeln zu vernehmen. Und insbesondere Abgeordnete, die ein gutes Abschneiden ihrer Partei für den Wiedereinzug in den Bundestag benötigen, hätten sich über den beliebten Boris Pistorius als Kandidaten gefreut.
So richtig es für eine Partei ist, eine Nominierung für Spitzenämter nicht nur von persönlichen Zustimmungswerten abhängig zu machen, so falsch ist die bedingungslose Treue zu einem Kanzler, der das Scheitern einer Regierung nicht herbeigeführt hat, aber letztlich verantwortet. Lars Klingbeil ist ein kluger Stratege, ein Wahlkampf-Profi, ein Kanzlerkandidat der Zukunft. Bei der Organisation einer Mehrheit für Scholz aber hat er so gehandelt wie manch ein Vorgänger im Amt des SPD-Chefs: rückwärtsgewandt.
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