Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Spahn: In der Pandemie „vorsichtig bleiben“

„Wir werden mit dem Virus leben müssen, es geht nicht einfach weg“, sagt Jens Spahn im RHEINPFALZ-Interview (hier im Bild in Ber
»Wir werden mit dem Virus leben müssen, es geht nicht einfach weg«, sagt Jens Spahn im RHEINPFALZ-Interview (hier im Bild in Berlin). Er trat am Samstag bei einem Video-Wahlkampftermin für die CDU Rheinland-Pfalz auf.

Die aktuellen Lockerungen des Lockdowns gehen an die Grenze des Verantwortbaren – so beurteilt Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im RHEINPFALZ-Interview die ab Montag wirksamen Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern. Er wirbt für das Impfen und verurteilt scharf seinen Mannheimer Parteikollegen Nikolas Löbel, der durch ein Coronamasken-Geschäft viel Geld verdiente.

Herr Minister Spahn, an den Reaktionen vieler Leser haben wir gemerkt: Die jetzigen Bund-Länder-Beschlüsse leuchten vielen nicht ein. Woran liegt das?
Viele Bürgerinnen und Bürger sehen den Widerspruch zwischen weiterhin zu hohen Fallzahlen und den beschlossenen Lockerungen. Das ist eine schwierige Balance zwischen dem Bedürfnis nach Freiheit und gleichzeitig der Notwendigkeit, unsere Gesundheit zu schützen. Wir gehen mit den Beschlüssen an die Grenze dessen, was verantwortbar ist. Deswegen haben wir aber eine Bremse eingebaut. Wir wollen vorsichtig bleiben auf dem Weg aus dieser Pandemie.

Wo ist Ihre Position in der Debatte: Sehen Sie sich als Bremser oder Beschleuniger?
Weder noch. Ich suche den Ausgleich, ringe um Lösungen. Es gibt in dieser Pandemie keine absolute Wahrheit, sondern es geht darum, alle Interessen im Blick zu behalten: Gesundheitsschutz als vorrangige Aufgabe in dieser Pandemie, um Leid, Tod und Krankheit zu verhindern. Die wirtschaftliche Härte für den Künstler, den Gastronomen, den Einzelhändler und für viele Beschäftigte.

Und es sind harte Zeiten auch für Jüngere – gerade für Kinder. Sie müssen sehen, ein Sechsjähriger hat jetzt ein Sechstel seines Lebens in der Pandemie verbracht. Das alles auszubalancieren, die verschiedenen Aspekte von Freiheit und Sicherheit, das ist es, worum es mir geht. Das ist schwierig, manchmal langwierig. Und es ist im Übrigen der Grund, warum das Treffen der Ministerpräsidenten mit der Bundesregierung auch mal zehn Stunden dauert.

Was mir aber Zuversicht gibt: Nach allem menschlichen Ermessen wird dieses Frühjahr das zweite, aber auch das letzte in dieser Pandemie werden. Mit dem Impfen sind wir auf dem Weg raus aus der Krise.

Beim Impfen jedenfalls fordern Sie mehr Tempo und einen „prinzipiengeleiteten Pragmatismus“. Wird uns die deutsche Gründlichkeit gerade mal wieder zum Nachteil?
Jein. Wissen Sie, wir müssen ja schon schauen, wo das Impfen im Moment einen Unterschied macht, wer unseren Schutz am nötigsten hat. Wir haben gesehen, jeder zweite Todesfall hat Menschen über 80 getroffen. Ich erinnere auch an die furchtbaren Ausbrüche in Pflegeheimen. Da hat das Virus brutal zugeschlagen.

Deswegen ist aus meiner Sicht unbedingt richtig, zuerst diejenigen zu schützen, die besonders gefährdet sind: die Älteren, die Kranken, Menschen, die in bestimmten Berufen arbeiten. Das haben wir begonnen und wir sehen übrigens auch: Es wirkt. Die Infektionszahlen bei den über 80-Jährigen gehen deutlich zurück.

Aber jetzt ist mehr Impfstoff da, und dann können wir diesen auch einsetzen. Das heißt konkret: Wenn in einem Impfzentren Dosen übrig und auch Personen aus anderen Prioritätsgruppen greifbar sind, dann sollen die auch drankommen. Oder wenn bei Impfungen in einer Schule auch der Hausmeister geimpft werden möchte, dann soll das möglich sein. Es geht darum, pragmatisch zu sein, wo es angezeigt ist, und trotzdem zum Schutz der besonders Verwundbaren an der Priorisierung festhalten.

Wie stehen Sie zu der Forderung, neben den Impfzentren rasch die Hausärzte ins Boot zu bekommen?
Das wollen und werden wir tun, sobald dafür ausreichend Impfstoff da ist, um die Praxen gut zu versorgen. Stand jetzt gehe ich davon aus, dass wir im April soweit sind. Das werde ich am Montag mit meinen Ministerkolleginnen und -kollegen aus den Ländern noch einmal intensiv diskutieren. Und dann wird umgestellt: Dann geht der Impfstoff zentral über die Apotheken in die Arztpraxen.

Dadurch werden wir sehr viel schneller impfen können als bisher. Dafür nutzen wir eingeübte Wege, die alle Beteiligten kennen. Ich habe großes Vertrauen in die Ärztinnen und Ärzte, dass das funktionieren wird. In bis zu 70.000 Arztpraxen könnte dann geimpft werden. Wenn in jeder Praxis nur zehn Impfungen pro Tag stattfinden, macht das schon einen riesigen Unterschied.

Die BASF möchte auf Basis ihrer Erfahrungen mit der jährlichen Grippeimpfung selbst in die Corona-Immunisierung einsteigen. Läge bei solchen großen Konzernen und bei deren logistischer Erfahrung nicht ein gewaltiger Hebel, Jüngere schneller zu erreichen?
Auf jeden Fall. Das wäre dann der nächste Schritt, auch die Betriebsärzte, gerade der größeren Unternehmen einzubinden. Aber da komme ich wieder zu meinem Beispiel zurück: Wenn der 40-jährige gesunde BASF-Mitarbeiter geimpft wird, aber der 28-jährige schwer mehrfach Behinderte noch kein Angebot hat, dann ist das schwer zu erklären – vor allem denjenigen, die besonders geschützt werden müssen. Deswegen kommt diese Phase, in der wir auch in den Betrieben impfen, erst etwas später.

Das große Thema in der Pandemie, das die Bürger mit Blick auf Regierungshandeln und Politik umtreibt, ist Glaubwürdigkeit. Nachrichten, wie die in Bezug auf Ihren Parteifreund, den Mannheimer Bundestagsabgeordnete Nikolas Löbel, der für die Vermittlung von Corona-Schutzmasken 250.000 Euro kassiert hat, tragen dazu ganz sicher nicht bei. Was sagen Sie dazu?
Dass Abgeordnete in der damaligen Notsituation mit Kontakten geholfen haben, war und bleibt legitim. Eine Provision einzustreichen, also mit Vermittlung in Notsituationen Geld verdienen zu wollen, geht gar nicht. Das zerstört das Vertrauen in unsere Demokratie. Die Unionsfraktionschefs sowie der Generalsekretär haben sich dazu bereits klar positioniert.

Ihre Prognose: Wann sind wir durch mit der Pandemie?
Wir werden mit dem Virus leben müssen, es geht nicht einfach weg. Doch wenn sich ausreichend viele haben impfen lassen, wird das Virus seinen Schrecken verlieren. Ich kann nur dafür werben: Wer ein Impfangebot bekommt, das bitte auch unbedingt anzunehmen. Derjenige schützt sich und andere. Wenn alle Lieferungen und Zulassungen kommen, werden wir im Sommer jedem ein Angebot machen können. Dann haben wir der Pandemie den Schrecken genommen.

Worauf freuen Sie sich dann am meisten?
Einfach unbeschwert auf andere Menschen zu treffen, ohne an Abstand und Maske denken zu müssen.

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