Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Schweden als Vorbild auf dem Weg aus der Corona-Krise?

Stockholm: Die Menschen sitzen im Stadtzentrum vor einem Eiscafe.
Stockholm: Die Menschen sitzen im Stadtzentrum vor einem Eiscafe.

In dem Land im Norden Europas ist trotz des Virus fast alles erlaubt geblieben. Man setzte auf das Verantwortungsbewusstsein der Bürger. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) lobt Schwedens Ansatz nun als „Zukunftsmodell“.

Schwedens Sonderweg in der Corona-Krise ist von vielen Staaten mit Misstrauen verfolgt worden. In dem skandinavischen Land sind fast alle Geschäfte, Kindergärten, Büros, Bars, Restaurants, Fitnessstudios, Büchereien und Schulen (bis einschließlich der 9. Klasse) geöffnet geblieben. Relativ lange galt die Regel, dass maximal 500 Menschen gleichzeitig zusammenkommen dürften. Erst ab dem 29. März wurde die Anzahl auf 50 Personen begrenzt, ein im EU-Vergleich äußerst großzügiger Wert. Diese Absenkung sowie ein Besuchsverbot in Altenheimen sind die einzigen harten Regeln.

Das Land setzt auf Freiwilligkeit und das Verantwortungsbewusstsein seiner Bürger. Händewaschen, Abstand halten, Daheimbleiben, auch wenn man sich nur leicht krank fühlt oder einer Risikogruppe angehört – so lauten die dringenden Empfehlungen. Die Binnennachfrage ist auch deshalb nicht so stark eingebrochen wie in anderen europäischen Ländern.

Von der Wahrheit entfernt

„Schwedens Art zu reagieren, kann ein zukünftiges Modell dafür sein, wie man einer Pandemie begegnet“, lobt nun gar der Nothilfe-Direktor der WHO, Michael Ryan. „Es herrscht die Auffassung, dass Schweden keine Kontrollmaßnahmen ergriffen und nur die Ausbreitung der Krankheit zugelassen habe. Nichts ist aber weiter von der Wahrheit entfernt“, betont er.

Die schwedischen Behörden hätten sich vielmehr auf ihr gutes Verhältnis zu den Bürgern und deren „Selbstregulierung“ verlassen (können), so der Experte. Tatsächlich sind die Schweden extrem pflichtbewusst. Dringende Empfehlungen reichen meist aus, dass die Bürger diese auch umsetzen. Allerdings ist Ryan klar, dass es nicht in allen Ländern so diszipliniert zugeht wie im hohen Norden.

Überlastung vermieden

Schweden ist derzeit auf zwei Fronten erfolgreich. Zum einen ergeben Prognosen, dass das Land viel schneller als andere Länder die sogenannte Herdenimmunität erreichen könnte. Wenn viele Menschen das Virus irgendwann in sich haben und immun sind, kann es sich nicht mehr so schnell ausbreiten.

Zum anderen will und wollte Schweden – wie alle anderen Staaten auch – eine Überlastung der Gesundheitsversorgung durch zu viele Kranke in einem bestimmten Zeitraum vermeiden. Doch die Anzahl der Corona-Patienten auf der Intensivstation lag bisher stets weit unter der Anzahl der verfügbaren Plätze.

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