Meinung
Schatten über der Fußball-Weltmeisterschaft
Es ging nicht gut los. Am 6. Dezember des vergangenen Jahres erhielt US-Präsident Donald Trump in Washington D. C. bei der Auslosung der Vorrundengruppen der Fußball-Weltmeisterschaft den eigens erschaffenen Fifa-Friedenspreis, und zwar von Fifa-Boss und Freund Gianni Infantino. Dieses absonderliche Schauspiel war der Tiefpunkt in der mehr als 120-jährigen Geschichte des internationalen Verbandes. Rund vier Wochen später ordnete Trump eine militärische Intervention in Venezuela an. Weitere sechs Wochen später war der Iran das Ziel einer US-amerikanischen Militäroperation. Die Begründung war zweifelhaft; offiziell hieß es, damit solle verhindert werden, dass der Iran Atomwaffen entwickeln könne. Beide Aktionen waren völkerrechtlich bedenklich.
Trump – und auch Israel – haben mit dem Angriff auf den Iran den Volkswirtschaften weltweit schweren Schaden zugefügt. Trumps Ankündigung, die USA stünden unmittelbar vor einem Deal mit dem Iran, nimmt inzwischen kaum noch jemand ernst, zumal der Konflikt seit Mittwoch wieder zu eskalieren droht.
All das spielt eine Rolle, wenn am Donnerstag mit dem Spiel Mexiko gegen Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet wird. Vielleicht kommt es so: Der Präsident der Vereinigten Staaten wird sich die kommenden Wochen lammfromm präsentieren. Trump braucht Erfolgsmeldungen. Er braucht die Fußball-Bühne, um von den Folgen seiner unkalkulierbaren Politik abzulenken. Die Umfragewerte des Autokraten sind im Keller, längst ist Trump auch in seiner Republikanischen Partei umstritten. Mit seiner Partei steuert er bei den Midterms auf ein desaströses Ergebnis zu. Trump könnte alles versuchen, um sich im Scheinwerferlicht von Messi, Ronaldo und Mbappé zu sonnen.
Profitmaximierung als Fifa-Credo
Anpfiff. Vom 11. Juni bis zum 19. Juli suchen 48 Mannschaften den neuen Weltmeister. 48 Mannschaften! So viele wie noch nie. Die Fußball-Weltmeisterschaft wird erstmals in drei Staaten gespielt, sie dauert 39 Tage, die Partien sind in zwölf Städten. 104 Spiele sind notwendig, um den Champion zu ermitteln. Geld und Spiele – das Pendel ist längst in Richtung Profitmaximierung ausgeschlagen. Auch hier markiert die WM eine Zäsur. Geld, Gier, Gigantismus: Die Fifa rechnet mit Einnahmen von 13 Milliarden Dollar. Negativmeldungen trübten die Vorfreude: überteuerte Tickets, überteuerte Hotels, teure Bahnfahrten, Schikanen bei der Einreise.
Wer gerade die Dokumentation über die Fußball-WM 2006 gesehen hat, wer noch einmal verfolgt hat, wie Deutschland beim „Public Viewing“ feierte, wie groß die Euphorie nach dem Viertelfinal-Sieg gegen Argentinien war und wie sehr dieses Turnier das Land zumindest für einige Zeit verändert hat, kann sich kaum vorstellen, dass Nordamerika ähnliche Momente erlebt. Zumal auch Mexiko als Gastgeberland vor dem Hintergrund der Drogenkartell-Konflikte problematisch ist.
2006 in Deutschland war die letzte unbekümmerte Fußball-WM. Vor Brasilien 2014 gab es dort Proteste gegen die ausufernden Kosten, 2018 stand Russland wegen der Annexion der Krim in der Kritik, vor Katar 2022 diskutierte die Welt über Menschenrechtsverletzungen. Und nun? Die Welt zu Gast bei Freunden – es war einmal ein Sommermärchen.