Meinung
Reparationen: Polen richtet die Forderung an die falsche Adresse
Weltkriegsreparationen sind fest in der Feindpropaganda der Nationalpopulisten in Polen verankert. Doch bislang folgten den lautstarken Forderungen nach immer höheren Summen, die die Deutschen angeblich für die Okkupationszeit in Polen von 1939 bis 1945 zu zahlen hätten, keine offiziellen Verhandlungen. Denn die polnische Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) schickte niemals auch nur eine einzige Rechnung nach Berlin.
Das liegt nicht nur daran, dass die Reparationsfrage seit 1953 als rechtlich abgeschlossen gilt. Damals verzichtete die Volksrepublik Polen offiziell auf weitere Reparationsleistungen, die sie acht Jahre lang über die Sowjetunion erhalten hatte. Es liegt vielmehr daran, dass der eigentliche Adressat für Reparationsnachforderungen Russland wäre – als Nachfolgestaat der Sowjetunion.
Antideutsche Hetzkampagnen
Natürlich erwähnen die PiS-Funktionäre das nie in ihren antideutschen Hetz- und Wahlkampagnen. Vielmehr werden Parteichef Jaroslaw Kaczynski und PiS-Premier Mateusz Morawiecki nicht müde zu behaupten, dass Polen – anders als alle anderen Kriegsopferstaaten – niemals Reparationen aus Deutschland bekommen hätten. Das ist zwar falsch, verfängt aber trotzdem bei vielen Polen, da das Staatsfernsehen sie seit Jahren mit eben dieser PiS-Propaganda füttert. Vor den vergangenen Parlamentswahlen hofften viele auf einen Reparationen-Scheck von der damaligen Kanzlerin Angela Merkel in Höhe von 20.000 Euro.
Warum ist Russland der eigentliche Adressat für die Reparationsforderungen Polens? Es gibt einen Unterschied zwischen Reparationen als Schuldausgleich zwischen Staaten nach einem Krieg und Entschädigungen als Wiedergutmachung eines Staates an individuelle Kriegsopfer. In den vergangenen Jahrzehnten hat Deutschland mehrfach Entschädigungen an Kriegsopfer in Polen gezahlt, zuletzt an ehemalige Zwangsarbeiter.
Der PiS geht es nicht um die polnischen Opfer
Wenn der PiS-Regierung tatsächlich an den polnischen Kriegsopfern gelegen wäre, könnte sie problemlos in Berlin Wiedergutmachung fordern – beispielsweise für zwangsgermanisierte polnische Kinder, die als Gruppe noch keine Entschädigung erhalten haben. Aber das tut die PiS nicht. Denn die Deutschen könnten ja auf diese Forderung eingehen und erneut Entschädigungen auszahlen.
Was Reparationen als Schuldausgleich zwischen Staaten angeht, legten die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs (USA, UdSSR, Frankreich und Großbritannien) auf den Konferenzen von Jalta und Potsdam im Frühjahr und Sommer 1945 eine für Polen extrem ungünstige Reparationslösung fest. Der Wert der von Deutschland aufzubringenden Reparationsleistung wurde auf 20 Milliarden US-Dollar festgelegt – auf Basis der Preise von 1938 -, von denen zehn Milliarden an die Sowjetunion und Polen gehen sollten.
Ein schlechtes Geschäft für Polen
Das Problem: Moskau ließ sich die Weiterleitung von Reparationsgütern wie Baumaterialien und Fahrzeugen aus Deutschland von Polen erstatten. Warschau musste somit bezahlen für die Reparationen, die die Sowjets aus Deutschland nach Polen brachten – mit Millionen Tonnen an Kohle. Zudem erfuhr Polen nie, ob es tatsächlich 15 Prozent der zugesicherten Reparationsleistungen erhalten hatte, da Moskau nie bekannt gab, welchen Wert die gesamten Waren und Güter hatten, die es aus der sowjetischen Besatzungszone entnahm. Für Polen war das ein schlechtes Geschäft.
Der Wunsch der Polen, diese Ungerechtigkeit auszugleichen, ist verständlich. Die Verantwortlichen dafür sitzen aber in Moskau.
