Konjunktur RHEINPFALZ Plus Artikel Wirtschaft schwächelt: Russland zehrt von der Substanz

Schwache Wirtschaft nur ein Kalenderproblem? Russlands Präsident Wladimir Putin.
Schwache Wirtschaft nur ein Kalenderproblem? Russlands Präsident Wladimir Putin.

Für die ersten beiden Monate des Jahres hat der russische Präsident Wladimir Putin einen Rückgang der Wirtschaftsleistung seines Landes von 1,8 Prozent gemeldet.

Die negative Entwicklung der russischen Wirtschaft in den ersten Monaten 2026 erklärt der russische Präsident mit „Kalender-, Wetter- und Saisonfaktoren“. Im Januar habe es zwei, im Februar einen Arbeitstag weniger gegeben als im Vorjahr, sagte Putin am Donnerstag.

Doch selbst der Kremlchef schien seiner Erklärung nur begrenzt zu vertrauen. Putin verlangte von Ministern und Finanzbehörden eine Analyse, warum die „Flugbahn der Makroindikatoren“ unter den Prognosen der Regierung liege. Zugleich forderte er Vorschläge für zusätzliche Maßnahmen zur „Wiederherstellung des vaterländischen Wirtschaftswachstums“.

2025 nominelles Wachstum von einem Prozent

Noch im vergangenen Jahr meldete Russland nominell ein Wachstum von rund einem Prozent. Nun beklagt Putin Rückgänge im Baugewerbe und in der Industrie. Selbst die Stahlproduktion sank im Januar und Februar um 9,9 Prozent. Besonders unter Druck stehen kleine und mittlere Unternehmen. „Wir wollten dieses Jahr eine neue Kneipe am Gogol-Boulevard eröffnen“, erzählt der Besitzer von sechs Moskauer Gaststätten. „Jetzt muss ich zwei oder drei Läden schließen, damit die anderen überleben.“

Hoffen auf Mehreinnahmen

Die Krise zeigt sich auch in den öffentlichen Finanzen. Bereits nach drei Monaten weist der russische Staatshaushalt eine Lücke von umgerechnet 51,2 Milliarden Euro auf – rund 20 Prozent mehr als das für das gesamte Jahr geplante Defizit.

Gleichzeitig hofft die russische Wirtschaft auf zusätzliche Einnahmen durch hohe Energiepreise. Im März stiegen die Exporterlöse der Branche laut Reuters um 52 Prozent. Der Staat könnte mit einem Anstieg der Öl- und Gassteuereinnahmen um knapp 3,3 Milliarden auf bis zu 7,4 Milliarden Euro im Monat rechnen. Doch diese Einnahmen gelten als unsicher. Ukrainische Drohnenangriffe auf russische Ölhäfen an der Ostsee und am Schwarzen Meer könnten die Ausfuhren erheblich beeinträchtigen.

Haushalt auch an anderer Stelle unter Druck

Auch an anderer Stelle gerät der Haushalt unter Druck. Für 2026 rechnet die Regierung mit Gesamteinnahmen von rund 456 Milliarden Euro. Anfang des Jahres wurden Mehrwertsteuer und andere Abgaben – vor allem für kleinere Unternehmen – ausgeweitet. Die zusätzlichen Einnahmen bleiben jedoch hinter den Erwartungen zurück. Ohne Öl- und Gaserträge kalkulierte die Regierung mit umgerechnet 350 Milliarden Euro Steuereinnahmen, also 87,5 Milliarden pro Quartal. Tatsächlich nahm der Staat im ersten Quartal laut Finanzministerium nur 76,6 Milliarden Euro ein. Die Differenz von fast elf Milliarden Euro verschlingt einen Großteil der zusätzlich erwarteten Energieeinnahmen.

Erhöhung der Mehrwertsteuer belastet

Vor allem die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent belastet laut der Finanzexpertin Natalja Orlowa den zivilen Wirtschaftssektor. Dieser finanziere damit zunehmend Rüstungsindustrie und staatliche Aufträge. Um Waffen, Munition und Sold für die in der Ukraine kämpfenden Truppen zu bezahlen, ziehe der Staat privaten Unternehmen und Verbrauchern immer mehr Geld ab.

Der Wirtschaftswissenschaftler Alexander Prokopenko beschreibt diese Entwicklung drastisch: „Der Organismus verwendet das eigene Muskelgewebe als Energiequelle“, schreibt er im Economist. Die Wirtschaft ermüde zusehends.

Staatlicher Reservefonds schmilzt

Der Staat konzentriert sich vor allem darauf, den gegenwärtigen Zustand zu stabilisieren. Von den rund 98 Milliarden Euro, die Anfang 2022 im „Fonds für Nationalen Wohlstand“ – dem wichtigsten Reservefonds des Kreml – lagen, sind inzwischen nur noch 43,5 Milliarden verfügbar. Das reicht nach Einschätzung von Experten gerade aus, um die Staatsfinanzen noch etwa ein weiteres Jahr zu stützen. Selbst China gewährt Russland inzwischen kaum noch Kredite; der Staat finanziert sich vor allem über inländische Anleihen.

„Kürzen an der Zukunft“

Ein Symbol dieser Entwicklung ist auch das Internationale Wirtschaftsforum in St. Petersburg. Für eine Eintrittskarte werden in diesem Jahr knapp 17.000 Euro verlangt. Der Staat braucht das Geld der Unternehmer – weniger ihre Ideen. Start-ups erhalten kaum noch Unterstützung, es sei denn, sie entwickeln militärische Technologien wie Kampfdrohnen.

Um Handgelder für Vertragssoldaten im Ukrainekrieg von bis zu 50.000 Euro zu finanzieren, sparen viele Regionen an anderer Stelle. Einige, inzwischen mit rund 7,5 Milliarden Euro verschuldet, kürzen Ausgaben etwa für Ärztegehälter oder Straßenbau. Auch Unternehmen geraten zunehmend unter Druck. Wegen fehlender Ersatzteile zerlegen Bauunternehmen manchmal einen schwedischen Bagger, um zwei andere zu reparieren. Ersatz aus China oder der Türkei wird häufig über Kredite mit Zinsen von rund 20 Prozent finanziert – und gilt als störanfälliger.

Das Portal Waschnije Istorii beschreibt die Entwicklung so: „Um die Stabilität zu wahren, kürzt man an der Zukunft.“

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