Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Putin, Prigoschin und Lukaschenko: Explosive Dreiecksbeziehung

Der erste Anschein und die Körpergröße täuschen: Kremlchef Putin (rechts) hat Lukaschenko immer noch in der Hand.
Der erste Anschein und die Körpergröße täuschen: Kremlchef Putin (rechts) hat Lukaschenko immer noch in der Hand.

Lukaschenko will den Konflikt zwischen Kremlchef und Söldnerführer gelöst haben. Ob ihm das mehr Spielraum verschafft, ist fraglich. Sein Land bringt er damit auf jeden Fall in Gefahr.

Der belarussische Präsident Aleksandr Lukaschenko – 68 Jahre alt, machtbesessen, autoritär und selbstverliebt – ist eine, milde ausgedrückt, schillernde Figur. Seit nahezu 30 Jahren herrscht er über Belarus. Ein Land, das sich in dieser Zeit zunehmend von Europa abgekapselt hat, das im Rest der Welt im Prinzip keiner kennt und für das sich bis zum russischen Einmarsch in der Ukraine auch kaum jemand interessiert hat. Ein Land, das nach 2020 zu einem riesigen Gefängnis wurde.

2020, als Lukaschenko wieder einmal die Präsidentschaftswahl gewann und die Opposition zweifelsfrei nachweisen konnte, dass eben dieser Sieg auf groß angelegtem Betrug basierte, half der russische Amtskollege Putin dem belarussischen Autokraten aus der Klemme. Die massenhaften Bürgerproteste und die Demokratiebewegung wurden mit Hilfe russischer Spezialeinheiten blutig niedergeschlagen. Die Opposition verschwand. Entweder ins Ausland oder hinter Gefängnismauern.

Russische Stützpunkte überall im Land

Die Kehrseite der Medaille: Nach dieser „Hilfsaktion“ war es aus mit der vorsichtigen Abnabelung vom „großen Bruder“, mit dem Pochen auf sprachliche, kulturelle und ab und an sogar politische Eigenständigkeit von Belarus. Den russischen Truppen wurden Stützpunkte überall im Land eingeräumt. Von dort aus rückten diese dann auch im Frühjahr 2022 nach Kiew vor, das nur 130 Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt ist. Inzwischen lagern in Belarus russische Atomwaffen. Auch das hat Lukaschenko seinem Verbündeten und Beschützer Putin erlaubt. Zum 1. Juli, so der Kreml-Chef, sollte die Stationierung abgeschlossen sein.

Nun sieht es so aus, als habe Lukaschenko erneut einen Versuch gestartet, sich ein wenig aus der erdrückenden Umarmung seines „Freundes“ im Kreml zu befreien. Als die Truppen von Söldnerchef Jewgeni Prigoschin am vergangenen Wochenende knapp 200 Kilometer bis auf Moskau vorgerückt waren, ohne auf nennenswerten Widerstand der regulären russischen Truppen zu stoßen, drängte sich Lukaschenko nach vorn. Er habe vermittelt zwischen Putin und Prigoschin, behauptete er später, und den drohenden innerrussischen Machtkampf und damit ein Blutvergießen unvorstellbaren Ausmaßes verhindert.

Ungeliebte Rolle als Putins Vasall

Wie weit der Kompromiss allein auf die Initiative und das Verhandlungsgeschick Lukaschenkos zurückzuführen ist, kann von außen niemand beurteilen. Das ist auch nicht ausschlaggebend. Interessant ist, dass Lukaschenko, ähnlich wie 2014 und 2015 nach der russischen Besetzung von Krim und Donbass, versucht, sich als Vermittler aufzuwerten und die Rolle als Putins Vasall abzustreifen. Offenbar will er mit allen Mitteln verhindern, dass sein Land, das in einem Unionsstaat mit Russland verbunden ist, vollständig vom übermächtigen Nachbarn geschluckt wird.

Diese Angst ist nicht unbegründet. Lukaschenko ist nicht nur politisch und militärisch von der Gunst und Unterstützung Putins abhängig. Er hat das Land durch stümperhafte, irrationale Wirtschaftspolitik auch an den Rande des Ruins gebracht. Ohne massenhafte Warenlieferungen und verbilligte Gasexporte aus Russland wäre Belarus schon längst bankrott.

Wagner-Söldner als großes Sicherheitsrisiko

Nun hat sich der Autokrat aus Minsk offenbar Söldnerführer Prigoschin ins Land geholt. Dessen Truppen, bestehend aus mehrheitlich völlig skrupellosen, brutalen Kämpfern und ehemaligen Strafgefangenen aus Russlands berüchtigten Lagern, werden ihrem Chef zumindest zum Teil folgen. Auch wenn Lukaschenko jetzt tönt, die Kämpfer seien eine Bereicherung für den belarussischen Sicherheitsapparat, so ist die Wagner-Miliz für Minsk nicht kontrollierbar und stellt somit ein nicht zu unterschätzendes Sicherheitsrisiko dar. Ein Jewgeni Prigoschin, der es gewagt hat, Wladimir Putin die Stirn zu bieten, wird sich von einem Aleksandr Lukaschenko sicher nicht auf die Finger klopfen lassen. Wenn zwei sich streiten, freut sich eben nicht immer automatisch der Dritte.

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