Pandemie
Osterzgebirge: Wo Geimpfte ausgegrenzt werden
Bad Schandau ist ein idyllisches Kurstädtchen an der Elbe, direkt an der Grenze zu Tschechien. Hier lebt man von Kurbetrieb und Tourismus. Dieser Tage ist es jedoch wie ausgestorben: kein Mensch auf der Straße, viele Läden zu. Die Fenster des Hotelkomplexes an der Elbe sind dunkel, nichts regt sich, auch die „Toskana-Therme“ ist geschlossen. Nur ein paar Schülerinnen und Schüler warten schweigend und frierend auf den Bus.
Bad Schandau liegt im Kreis Sächsische Schweiz–Osterzgebirge – in dem Landkreis, der tagtäglich mit Rekord-Inzidenzwerten auf sich aufmerksam macht. 1803 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche waren es dort am Montag. Zum Vergleich: Der Landkreis Bad Dürkheim zählte im selben Zeitraum 369 Neuinfektionen. Die Hospitalisierungsrate lag in dem sächsischen Landkreis fast doppelt so hoch wie in dem pfälzischen.
Ladenbesitzer ignorieren die Hygienevorschriften
Was das bedeuten kann, wenn man plötzlich krank wird, hat Miriam Schulze (*) erfahren müssen. Die 35-jährige Geschäftsinhaberin aus Bad Schandau kam kürzlich mit akuten Nierenkoliken in die Klinik. „Mein Mann musste mich an der Krankenhauspforte abgeben, er durfte nicht mit rein. Und dann stand ich in meinem Rollstuhl mehr als zwei Stunden in einem Flur – mutterseelenallein. Kein Arzt, keine Schwester in Sicht“, erzählt sie. Sie habe vor Schmerzen nicht mehr ein noch aus gewusst und sich selten so verlassen gefühlt. Als schließlich eine Ärztin kam, habe die sich damit entschuldigt, dass fast das gesamte Personal mit Corona-Kranken beschäftigt sei. Gleichzeitig, so berichtet die junge Frau weiter, kursiere in der Region und sogar in ihrer eigenen Familie das Gerücht, all diejenigen, die derzeit die Intensivstationen verstopften, seien Menschen mit Impfschäden und nicht an Covid-19 erkrankt.
Schulze macht sich große Sorgen. Sie hat Angst vor einem erneuten kompletten Lockdown, der in der Region immer wahrscheinlicher wird. Ihre kleine Boutique hat die monatelange Schließung vor einem Jahr gerade so „überlebt“, wie sie sagt. Einen zweiten Lockdown würde sie nicht verkraften. Es sei jetzt schon schwer genug, nachdem wegen des Beherbergungsverbots auf Grund der hohen Infektionszahlen alle Kurgäste und Touristen hätten abreisen müssen. Vielen Ladenbesitzern im Ort gehe es ähnlich. Und dennoch kenne sie einige, die als Impfgegner unverdrossen auf die Straße gingen und die angeordneten Schutz- und Hygienemaßnahmen in ihren Geschäften ignorierten. Nein, sauer sei sie aber trotzdem nicht auf diese Unbelehrbaren. „Das ist deren freie Entscheidung“, sagt sie.
Aufgeheizte Stimmung
Von den aktuell 2844 Einwohnern allein (im Jahr 2012 waren es noch 3912) können die kleinen Boutiquen, die Geschenk- und Souvenirläden im Städtchen auf die Dauer nicht leben. Den ganzen Tag über habe sie noch keine Kundin gehabt, klagt die Mitarbeiterin eines Bekleidungsgeschäftes. Ihre Chefin überlege schon, Öffnungszeiten und damit auch die Arbeitszeiten der Mitarbeiterinnen zu verkürzen, berichtet die 60-Jährige.
Im Ort sei die Stimmung regelrecht aufgeheizt, sagt die Verkäuferin. Wer gegen Covid-19 geimpft sei, der werde ausgegrenzt. Eine Bekannte habe nach ihrer Impfung von ihrem Chef zu hören bekommen, sie sei eine Verräterin. Und kürzlich habe sich eine Frau aus dem Ort trotz fehlenden Impfnachweises Zutritt zu dem Geschäft (es gilt 2G) verschafft – ohne Maske. „Aber was sollte ich auch machen? Die war richtig aggressiv“, erinnert sich die 60-Jährige.
Drei Mal so viele Sterbefälle wie Geburten
Anja Wegener (*) ist selbst auch noch nicht geimpft. Aber vor allem deswegen, weil sie panische Angst vor Spritzen habe, erzählt sie. Und dass alle um sie herum Horrorgeschichten darüber erzählen, was nach der Impfung passieren werde, das trage zusätzlich zur Panik bei. „Man hört hier ja nichts anderes.“ Dennoch hat sie sich jetzt einen Impftermin besorgt. Irgendwie müsse sie da durch, meint Wegener.
Warum gerade in ihrer Heimat die Gruppe der Impfverweigerer so groß und vor allem so militant ist, versteht Wegener nicht. „Bei uns in der DDR war es früher ganz normal, dass man sich impfen ließ“, sagt sie. Und auch nach der Wende, das belegt die Statistik, waren die Impfquoten im Osten immer höher als im Westen, egal ob gegen Kinderlähmung oder Masern oder auch gegen Grippe. Nur bei Covid-19, da ist es genau anders herum.
Misstrauen gegen „die da oben“
Schaut man sich die Situation im Erzgebirgskreis an, dann fällt folgendes auf: Die Grenzregion zu Tschechien leidet unter Abwanderung und einem extremen Bevölkerungsrückgang. Bad Schandau verzeichnet jährlich drei Mal so viele Sterbefälle wie Geburten. Das Durchschnittseinkommen im Erzgebirgskreis ist extrem niedrig, der durchschnittliche Ausbildungsgrad ebenso. Gering ist auch die Wahlbeteiligung, hoch dagegen sind die Wahlerfolge der AfD. Bei einer Erhebung Mitte der 1990er Jahre stellte sich heraus, dass etwa jeder Zweite nach der Wende mindestens einmal arbeitslos geworden war.
Da ist offenbar das Vertrauen bei vielen komplett weg in „die da oben“. Die Hoffnungen der Wendezeit wurden bitter enttäuscht. Und es hat den Anschein, als ob es zumindest im Erzgebirge im Grunde nicht um das Virus und um gesundheitliche Bedenken geht, sondern nur darum, prinzipiell genau das Gegenteil von dem zu tun, was die Regierenden wollen. Auch wenn es der eigenen Gesundheit und dem eigenen Geldbeutel schadet.
(*) Namen von der Redaktion geändert
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