Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Nur Tristesse im Osten? Stimmt nicht. Rostock kommt auf die Füße

Er war mal Schiffsjunge, dann erfolgreicher Unternehmer. Und nun ist er Rostocks Oberbürgermeister: Der Däne Claus Ruhe Madsen.
Er war mal Schiffsjunge, dann erfolgreicher Unternehmer. Und nun ist er Rostocks Oberbürgermeister: Der Däne Claus Ruhe Madsen. Foto: Clauss

Ostdeutschland? Laut Klischee herrschen hier weithin wirtschaftliche Tristesse und ein ausgeprägter Hang zur AfD. Doch die Arbeiterstadt Rostock probt gerade ihr Comeback. Und ein erstaunlicher Typ mit Wikingerbart krempelt die Ärmel auf.

Rostock bewegen! Mit diesem Slogan hat ein Mann aus Kopenhagen im Sommer Geschichte geschrieben: Als erster Europäer ohne deutschen Pass wurde Claus Ruhe Madsen zum Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt gewählt. Der parteilose Unternehmer siegte mit 57,1 Prozent über den Sozialsenator Steffen Bockenhagen (Die Linke).

„Moin!“, sagt Madsen zur Begrüßung mit nordisch-kernigem Handschlag. Er hasst Krawatten und duzt jeden, wie es alle Dänen tun. Drei Stunden Zeit bringt er mit zum Gespräch. Und man versteht bald besser, warum er gewonnen hat: Der politische Quereinsteiger, erfolgreicher Selfmade-Man, verfügt gleich über mehrere Talente, die bei Politikern manchmal vermisst werden. Er kann nüchtern rechnen. Er ist nahbar. Und er kann zuhören. Mit seinem markanten Wikinger-Vollbart als Markenzeichen tourte er im Wahlkampf wochenlang auf einem Lasten-Fahrrad durch die Stadtteile, lud Passanten zum „Schwatzen mit Madsen“ ein – und verlor beim heißen Endspurt zur Stichwahl zehn Kilo Gewicht. Dänische Hemdsärmeligkeit verbindet er mit guter Kenntnis der Stadt – er lebt seit 22 Jahren hier. Den Bürgern versprach er, sich konkret zu kümmern um fehlende Sportplätze, vergessene Baustellen, kaputte Gehwege und wilde Müllkippen.

Überhaupt hat Madsen große Pläne. Nicht nur mehr Touristen will er anlocken, sondern auch internationale Unternehmen, Forscher, Startups und Kreative. Von Experten in Kopenhagen will er sich zeigen lassen, wie man eine Stadt für Radfahrer und Fußgänger attraktiv macht. Das lang geplante neue Volkstheater soll nun bald für 110 Millionen Euro gebaut werden. Es wäre offen und von allen Seiten begehbar – und sähe ein wenig so aus wie das Opernhaus von Oslo.

Die Stadt blutete aus. Jetzt ist der Trend gestoppt.

Luftschlösser? Dazu neigt der Unternehmer – zuletzt geschäftsführender Gesellschafter der Möbel Wikinger GmbH – nicht. Die Zahlen scheinen seinen Optimismus zu bestätigen. So ist die massive Abwanderungswelle nach Westen seit dem Mauerfall endlich gestoppt, in deren Verlauf die Stadt ein Fünftel ihrer Bewohner verloren hatte. Jetzt leben noch fast 210.000 Menschen hier.

Laut einem brandneuen Bericht der IHK zu Rostock, deren Präsident Madsen sechs Jahre lang war, hat sich das Bruttoinlandsprodukt in Mecklenburg-Vorpommern von 1991 bis 2018 nominal mehr als verdreifacht. Die Arbeitslosenquote lag im September bei 6,4 Prozent, vor 15 Jahren war sie doppelt so hoch. Und Rostock, größte Stadt des Bundeslandes, ist das Kraftzentrum dieses Aufschwungs.

Die international renommierten Uni-Kliniken bleiben der größte Arbeitgeber in der Stadt, dann kommt die Hafenwirtschaft mit ihren Werften, Kreuzfahrtschiffen und Kaianlagen. Der Hafen hat einen Warenumschlag von zuletzt 25,6 Millionen Tonnen im Jahr 2018, dreimal mehr als 1995, als das einstige „Tor zur Welt“ der DDR fast zumachen musste. „Geht’s dem Hafen gut, lebt auch Rostock gut!“, dieser Spruch gilt schon seit dem 14. Jahrhundert.

Geht’s dem Hafen gut, lebt auch Rostock gut

Eine Hafenrundfahrt mit „Käpp’n Brass“ zeigt weitere starke Seiten der Stadt. Auf dem riesigen Areal des Kranherstellers Liebherr-MCCtec steht seit August einer der stärksten und größten Hebekräne der Welt: Er kann bis zu 1600 Tonnen auf einmal tragen. In der geretteten Rostocker Neptun-Werft werden nach modernsten Öko-Standards Maschinenraum-Module für Kreuzfahrtschiffe sowie topmoderne Flusskreuzfahrtschiffe gebaut. Und die nach wie vor boomende Rostocker Kreuzfahrt-Reederei Aida Cruises (rund 6000 Beschäftigte) erhielt vor Kurzem für ihren mit emissionsarmem Flüssiggas angetriebenen Ozeanriesen „Aidanova“ einen blauen Umwelt-Engel. So saubere Schornsteine haben die allermeisten hier ein- und ausfahrenden Schiffe allerdings noch lange nicht. Sie sorgen für eine erhebliche Luftverschmutzung, die auch dem neuen OB Kopfschmerzen bereitet. Da hilft auf Dauer wohl auch nicht die kräftige Brise, die an vielen Tagen über den langen, breiten Strand von Warnemünde fegt.

Das Gespenst von Lichtenhagen

Den weitesten und schönsten Blick auf Strand, Uferpromenade und Hafeneinfahrt genießt man wie schon zu DDR-Zeiten aus dem 19. Stock des legendären Hotels Neptun, in dem schon Fidel Castro zu Gast gewesen ist. Von hier oben aus sieht man auch die großen Rostocker Plattenbausiedlungen. Der Soziologe Steffen Mau weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich dort lebte. Er stammt aus dem Rostocker Stadtteil Lütten Klein, direkt neben Lichtenhagen. Die ausländerfeindlichen Krawalle im Stadtteil Lichtenhagen 1992 haben Jahrzehnte wie ein brauner Schatten über dem Namen Rostock gelegen. Applaudiert von Rostocker Bürgern, hatten rechtsextreme Randalierer damals ein Wohnheim für Vietnamesen in Brand gesteckt.

Claus Madsen war noch nicht in Rostock, als das geschah. Er weiß jedoch sehr genau, dass laut einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung Schwerin und Rostock auch heute noch die beiden Städte mit dem höchsten Grad an sozialer Segregation sind. Der Ghettobildung „auf der Platte“ will der neue Oberbürgermeister mit neuen Spielplätzen, neuen Schulen und besseren Verkehrsmitteln entgegenwirken.

Die Vereinigung dauert eine Generation

Über die turbulente Wendezeit nach 1990 kann der Politikwissenschaftler Nikolaus Werz von der Universität Rostock kenntnisreich Auskunft geben. Demokratie im bürgerlichen Sinne, so Werz, gab es in Rostocks Geschichte nur in einem kurzen Zwischenspiel 1848 bis 1851 sowie zur Zeit der Weimarer Republik. Bildungsbürgerliches Standesbewusstsein – wie etwa in Lübeck oder Hamburg – habe sich in der Arbeiterstadt Rostock nur schwach entwickelt. Walter Kempowski hat diesen Mangel in seinen Romanen beschrieben. Nach 40 Jahren DDR-Sozialismus fiel auch eine liberale Zivilgesellschaft nicht einfach vom Himmel. Werz bilanziert: „Die Annahme, dass die deutsche Vereinigung eine Generation dauern würde, scheint sich für die Hansestadt zu bestätigen.“

Nichts anderes beschreibt Soziologe Steffen Mau in seinem Sachbuch „Lütten Klein“. Gerade in der einst so stolzen Arbeiterstadt Rostock war nach dem ersten Jubel über den Mauerfall weit mehr rasanter sozialer Abbruch zu erfahren als politischer Aufbruch. Unzählige Familien mussten sich an eine neue Freiheit mit viel neuer Unsicherheit anpassen; viele empfanden das als schmerzvoll. Während die Wessis sich damals über die Einführung von fünfstelligen Postleitzahlen beschwerten, machten Ostdeutsche Existenzkrisen durch. Die Brüche spürt man heute noch.

In Rostock braucht manches etwas länger, wird manches bitterer erlebt. Der Mecklenburger Beitrag zum Aufbruch im Herbst 1989 fand Wochen später statt als in Leipzig, und weniger laut. Der Rostocker Pastor Joachim Gauck hat in der Marienkirche oft und gern gepredigt. Als er 2012 als Bundespräsident Ehrenbürger wurde, war nur die Hälfte der Stadtbürger damit einverstanden. Viele hielten Gauck für einen privilegierten Kirchendiener mit Reisefreiheiten und nicht für ein Opfer der SED-Willkür.

Popstar Madsen

Und heute? In der Rostocker Kommunalpolitik der letzten Jahre hatten alte Seilschaften aus DDR-Zeiten noch immer Macht und Einfluss. Vielleicht ändert sich das gerade. In der im Mai neu gewählten Bürgerschaft, dem Stadtparlament, stellt die Linke mit 11 Abgeordneten die größte Fraktion, dicht dahinter aber folgen die Grünen mit 10 und CDU und SPD mit jeweils 8 Sitzen. Die zerstrittene AfD bringt es nur auf 5 Mandate. Das hat zwei gute Gründe: In Rostock können schon 16-Jährige wählen; und auch von den 13.300 Studenten gingen diesmal viel mehr zur Wahl als sonst.

Claus Madsen wird sich in diesem Parlament seine Mehrheiten bei jeder Entscheidung neu suchen müssen. Der Parteilose ist im Wahlkampf von CDU und FDP unterstützt worden, doch genießt er auch Sympathien bei den Sozialdemokraten und vertritt überdies viele grüne Anliegen. Derzeit ist er bekannt und beliebt wie ein Popstar, beim Gang durch die Fußgängerzone wird er gebeten, sich zum Selfie mit aufs Bild zu stellen.

Das Baby in der Küchenspüle

Die Gabe, Menschen aus jeder sozialen Schicht mit Respekt zu begegnen, hat wohl viel mit Madsens eigener Lebensgeschichte zu tun. „Ich stamme aus einfachen Verhältnissen“, erzählt er, „meine alleinerziehende Mutter duschte mich als Baby in der Küchenspüle ab.“ Erst mit dem Stiefvater, einem erfolgreichen Geschäftsmann, kam Geld ins Haus.

Mit 17 wollte Madsen die Schule verlassen, um Palastwache oder Seemann zu werden. Sein halbes Probejahr als Schiffsjunge auf einem Fischkutter prägte ihn. „Auf der Nordsee lernte ich, was Teamgeist und Verantwortung bedeuten. Das Ausklauben der Dorsche, Schollen und Seezungen aus den Stellnetzen dauerte mal 12 und mal 30 Stunden. Deine Grenze ist nie da, wo du denkst.“ Danach übrigens holte er in zwei Monaten alles nach, was er in der Schule verpasst hatte, und bestand sein Abitur als Jahrgangsbester. Solche Geschichten machen einer Stadtgemeinschaft Hoffnung, die es selbst schaffen will.

In den letzten 20 Jahren hat sich zumindest die Innenstadt sehr gut entwickelt. Die Fassaden der Giebelhäuser sind fast noch schöner als zu ihrer Bauzeit. Die zu DDR-Zeiten vernachlässigten Bürgerburgen in der Steintorvorstadt sind stilgetreu restauriert. Staatssozialistische Plattenbauten sind teilweise zurückgebaut, in Wassernähe entstanden neue, schöne Häuser.

Rostock hat viel erlebt. Hier wurden der Strandkorb und der Schleudersitz erfunden. Warum soll sich die Stadt nicht selbst neu erfinden? Oberbürgermeister Madsen muss noch schnell einen seiner Lieblingssprüche loswerden: „Wer nicht aufs Fahrrad steigt, der kann nicht losfahren.“

„Geht’s dem Hafen gut, geht’s auch Rostock gut“, sagen die Rostocker. Hier ein Tank für Flüssigerdgasantrieb von Aida-Schiffen,
»Geht’s dem Hafen gut, geht’s auch Rostock gut«, sagen die Rostocker. Hier ein Tank für Flüssigerdgasantrieb von Aida-Schiffen, gebaut in der Neptun-Werft. Foto: dpa
Rostock hat viele Plattenbausiedlungen, hier ein Bau in Evershagen.
Rostock hat viele Plattenbausiedlungen, hier ein Bau in Evershagen. Foto: dpa
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