Politik NRW-Wahl: Ein „Leberhaken“ trifft die SPD, und die CDU ist aus dem Häuschen
Zwischen Tristesse und Triumph: Momentaufnahmen vom NRW-Wahlabend aus den Berliner Zentralen der beiden großen Parteien.
Die meisten haben eine Ahnung. Die letzten Umfragen lassen kaum noch Hoffnung zu. Als dann um 18 Uhr in der SPD-Parteizentrale die Prognose auf den Bildschirmen erscheint, schweigen die Gäste in der SPD-Parteizentrale. Niemand erinnert sich, dass es schon einmal so still war bei einem Wahlabend im Willy-Brandt-Haus. „Laschet, wieso Laschet?“, fragt eine Sozialdemokratin am Stehtisch ihre Freundin. Die beiden können es nicht fassen, dass die beliebte Landesmutter Hannelore Kraft von dem eher blassen CDU-Herausforderer so klar überrundet wurde. Sie wissen auch, dass es die dritte Schlappe in Folge ist, die Parteichef Martin Schulz wenige Minuten später auf der kleinen Bühne verkünden muss. Zum dritten Mal Tristesse statt Triumph. Zum dritten Mal Erklärungsversuche, die alle nur eines zum Ziel haben: Von dem Fiasko darf nichts am Kanzlerkandidaten haften bleiben. SPD-Generalsekretärin Katarina Barley eröffnet den Reigen in der offenbar parteiintern vereinbarten Sprachregelung: Ja, ein bitterer Abend sei das, aber dafür gebe es „landespolitische Gründe“. Die SPD habe noch alle Chancen. Das Potenzial sei da, die Kanzlerin im September zu schlagen. Auch Ralf Stegner, der SPD-Landesvorsitzende aus Schleswig-Holstein, meldet sich natürlich zu Wort: Einen „Leberhaken“ habe sich die SPD eingefangen, bemüht er einen Begriff aus dem Boxsport. Martin Schulz wird das später aufgreifen und daraus eine kleine Geschichte machen: „Am Ende entscheidet der Ringrichter, also der Wähler“, versucht er die am Boden liegenden Genossen aufzurichten. Die befinden sich auch deshalb in Schockstarre, weil kurz vor Schulz Hannelore Kraft in Düsseldorf vor die Mikrofone getreten ist. Zwei Jusos verfolgen ihr TV-Statement aufmerksam. „Nein“, flüstert der eine ahnungsvoll, als Kraft die Verantwortung für die Niederlage übernimmt. „Nein, Nein“, ruft er dann, als sie ankündigt, ihr Parteiamt niederzulegen. Kraft weiß, was sie noch für Schulz tun kann: Sie nimmt alle Schuld auf sich. Sie sagt, dass es bei der Wahl „fast ausschließlich um landespolitische Themen gegangen“ sei, darum habe sie „Berlin“ – also die Parteizentrale – auch gebeten. Schulz dankt später der „Löwin“, wie er Kraft bezeichnet. Und sagt den wichtigsten Satz des Abends: „Wir werden nun nachdenken, was wir ändern müssen.“ CDU: Gelassenheit und Übermut An ihm ist nichts zu ändern. Fast mannshoch steht er da und blickt vom Berliner Adenauer-Haus gelassen ins Land hinein. Seine Lippen umspielt dieses souveräne Lächeln: „Ich habe alles im Griff!“ Es ist freilich nur ein Abziehbild der CDU-Größe Konrad Adenauer an der Glasfassade der christdemokratischen Parteizentrale. Aber es ist ein Sinnbild dieser Partei im Mai 2017. Zwei Landtagswahlen haben die Schwarzen in diesem Jahr schon gewonnen. Der Hype um den Herausforderer bei der Bundestagswahl, Martin Schulz (SPD), hat die CDU-Vorsitzende Angela Merkel öffentlich unbeeindruckt gelassen. Und den Endspurt zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen hat die Partei voller Zuversicht hingelegt. Wenige Sekunden vor Bekanntgabe der Wahlprognose um 18 Uhr werden die meist jugendlichen Wahlpartybesucher fast übermütig: „Fünf!“ – „Vier!“ – „Drei!“ – „Zwei!“ – „Eins!“, zählen sie die Sekunden herunter. Jubel, als die SPD-Prognose mit den gewaltigen Verlusten auf dem Bildschirm erscheint, Begeisterung beim CDU-Ergebnis. Bestimmten bei früheren Wahlpartys eher grau melierte Semester in gedeckten Anzügen das Bild, waren gestern Abend eher junge Sympathisanten in die Parteizentrale geladen. Sie brachten das Adenauer-Haus in Wallung. Beifall, als die nordrhein-westfälische Wahlverliererin Hannelore Kraft ihren Rücktritt als Landesvorsitzende verkündet. Gespielt mitleidiges „Oohhhh …!“, als eine Fernsehreporterin von der gedrückten Stimmung bei der SPD berichtet. Lauter Jubel, als CDU-Generalsekretär Peter Tauber verkündet: „Die CDU hat die Herzkammer der SPD erobert!“ Das alles beeindruckt den alten Adenauer an der Fassade wenig. Aber es ist ja nur ein Abziehbild …