Meinung
Neue Kernkraftwerke keine Lösung für Klimakrise
Es ist nicht so, dass nur Deutschland nach den Ereignissen des 11. März 2011 in Fukushima eine radikale Kursänderung bei der Nutzung der Atomkraft hingelegt hat und nun erneuerbare Energien fördert. Auch die Schweiz zum Beispiel entschied, dass ihre Reaktoren höchstens noch bis zum Ende ihrer Laufzeiten betrieben werden dürfen – spätestens 2034 soll dort mit der Kernkraft Schluss sein. Andere Länder legten ihre zuvor getroffene Entscheidung pro Atomkraft oder deren Ausbau auf Eis, bis zum heutigen Tag.
Weltweit ist der Anteil der Atomkraft an der Stromerzeugung vom Maximum 17 Prozent im Jahr 1996 auf mittlerweile zehn Prozent gefallen. Dass er in den kommenden zwei Jahrzehnten nicht in den Keller fallen wird, liegt vor allem daran, dass in Ländern wie Frankreich oder den USA die Laufzeiten der Meiler verlängert werden. Was auch bedeutet: Das Durchschnittsalter der Reaktorflotte steigt (in Europa liegt es bei 35, in den USA bei 40 Jahren) – und damit das Unfallrisiko.
Zeit gewinnen
Die Laufzeitverlängerungen haben auch mit der Klimakrise zu tun. So lässt sich erst einmal Zeit gewinnen. Für Regierungen ist die längere Nutzungsdauer die einfachste Möglichkeit, noch eine Zeit lang eine CO 2 -arme Energiequelle betreiben zu können. Das Problem, wie der Energiesektor der Zukunft aussehen soll, wird so aber nicht gelöst. Dabei ist sicher: Der Strombedarf steigt. Stichworte sind E-Mobilität und Digitalisierung. Sicher ist auch: Der Einsatz der klimafeindlichen Kohle muss reduziert werden. Schnell.
Die Diskussion über den Bau neuer Atomkraftwerke nimmt vor diesem Hintergrund Fahrt auf. Darüber nachgedacht wird zum Beispiel in der US-Regierung, die unter ihrem Präsidenten Joe Biden den Klimaschutz als Top-Priorität ansieht. Freilich waren die Lobbyisten der Atomindustrie auch bisher schon bei jeder Welt-Klimakonferenz hinter den Kulissen aktiv.
Oft nebulöse Vorverträge
Nicht zuletzt wegen Fukushima fällt die Bilanz ihrer Bemühungen jedoch mager aus. So legt die globale Atomlobby-Organisation World Nuclear Association zwar regelmäßig Statistiken mit Ländern vor, die sich „ernsthaft“ den Atomeinstieg überlegten. Doch bei näherem Hinsehen entpuppen sich die meisten Pläne als Absichtserklärungen oder nebulöse Vorverträge. In der Realität hat die „alte“ Atommacht China seit 2000 die meisten neuen Meiler errichtet. Neu eingestiegen sind bisher nur vier Länder: die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Belarus, die Türkei und Bangladesch.
Dabei haben nur die Araber keine russischen Reaktoren gekauft (sondern südkoreanische). Die russische Dominanz ist keineswegs zufällig: Nachdem die USA, Frankreich und Großbritannien aus dem Geschäft so gut wie ausgestiegen sind, sieht Moskau in der Nuklearenergie einen Hebel, um den geopolitischen Einfluss zu steigern.
Die unsicheren Kosten der Endlagerung
In demokratischen Staaten insbesondere der westlichen Hemisphäre hingegen, die Kosten-Nutzen-Rechnungen anstellen und ihre Bürger von Projekten überzeugen müssten, sind seit Jahrzehnten kaum Reaktoren errichtet worden. Stattdessen geraten dort die (kaum zu beziffernden) Kosten für eine „Endlagerung“ des angefallenen Mülls in den Blick.
Zehn Jahre nach Fukushima ist zudem unvergessen, dass nur die Lage des Kraftwerks eine noch schlimmere Katastrophe verhinderte: Große Mengen der freigesetzten Radioaktivität wurden damals vom Wind (und dem Löschwasser) in den Pazifik getragen – weg von den Städten. Ein ähnlich schwerer Atomunfall in Europa würde gravierendere Konsequenzen haben als das Unglück im Inselstaat Japan.