Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Neuartige Erreger in Rindfleisch und Kuhmilch erhöhen Krebs-Risiko

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Die neuartigen Erreger sind inzwischen im Fleisch vieler europäischer Rinder und in handelsüblicher Milch nachgewiesen worden.

Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen stellt neue Forschungsergebnisse am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg vor

Sie sind nicht nur eine kleine wissenschaftliche Sensation: Die neuen Erkenntnisse, die gestern am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg vorgestellt wurden, haben auch das Zeug dazu, uns noch lange zu beschäftigen. Denn fast jeder ist davon betroffen. Und sie zeigen, wie spannend Forschung sein kann. Der 83-jährige Harald zur Hausen, vormals Chef der Heidelberger Krebsforscher, hat 2008 den Medizin-Nobelpreis bekommen, weil er nachweisen konnte, dass ein Virus Gebärmutterhalskrebs auslöst. Zusammen mit seiner Frau Ethel-Michele Villiers, die noch an dem Heidelberger Forschungszentrum arbeitet, hat er bereits vor Jahren auf einen weiteren interessanten Zusammenhang hingewiesen. In den Weltregionen, in denen häufig Darmkrebs vorkommt, ist auch Brustkrebs häufig.

"Infektionserregender Faktor" im europäischen Rind

Solche Hochrisikogebiete wie Nordamerika, Europa, Argentinien und Australien haben noch etwas gemeinsam: Hier werden viel Milch und Fleisch des europäischen Rinds (Bos taurus) konsumiert. Umgekehrt gilt auch: Wo Darmkrebs selten ist, kommt auch Brustkrebs selten vor. Das trifft zum Beispiel auf die Mongolei zu. Das ist besonders interessant, denn dort wird sehr viel Rindfleisch und Milch konsumiert. Das scheint zunächst widersprüchlich. Aber dort herrschen andere Rinderarten vor als hierzulande, zum Beispiel das Yak (Bos mutus). Auch in Indien sind die beiden Krebsarten selten, weil aus religiösen Gründen wenig Rindfleisch gegessen wird. Dafür werden Milchprodukte durchaus reichlich genossenen. Aber auch hier dominiert eine andere Rinderart: das Zebu (Bos indicus). Zur Hausen und de Villiers vermuteten schon lange, dass es einen „infektionserregenden Faktor“ im europäischen Rind geben könnte, der über den Konsum von Fleisch und Milch auf den Menschen übertragen wird.

Weder Viren noch Bakterien

Damit startete am DKFZ die Suche nach dem Erreger. Und die Forscher wurden fündig im Blut europäischer Milchkühe, in zahlreichen Proben handelsüblicher Milch und Milchprodukte aus Supermärkten und inzwischen auch im Blut Hunderter gesunder und krebskranker Menschen: im Darm, in der Brust, der Prostata und im Gehirn. Was sie fanden, war eine Überraschung. Denn die Infektionserreger waren anders, als alles, was die Forschung bisher kennt. Es handelt sich weder um Viren, noch um Bakterien oder Parasiten. Die Erreger entpuppten sich als eine Art infektiöses Erbgut, das sowohl Kennzeichen von Viren als auch von Bakterien besitzt. Sie wurden von den Wissenschaftlern kurz BMMF genannt, die Abkürzung des englischen Begriffs für Rindfleisch- und Kuhmilch-Faktor. Inzwischen wurden 120 verschiedene Typen dieses neuen Erregers isoliert. Die Heidelberger Krebsforscher konnten zeigen, dass die BMMF in menschlichen Zellen aktiv werden und sich dort auch vermehren können.

Erkrankung erst Jahrzehnte nach der Infektion

Zur Hausen, de Villiers und Timo Bund, der Leiter einer eigenen Arbeitsgruppe am DKFZ, die die neuen Erreger erforscht, haben Anfang diesen Jahres erstmals eine Erklärung geliefert, wie durch diese Infektion Krebs entstehen kann. Durch den Verzehr von Milchprodukten oder Rindfleisch wird der Erreger im frühen Säuglingsalter übertragen und führt zu einer Infektion. Die löst in bestimmten Geweben wie Darm oder Brust eine chronische Entzündung im umgebenden Gewebe aus, die wiederum die Entstehung von Krebs fördern kann. Zum Ausbruch der Erkrankung kommt es erst Jahrzehnte nach der Infektion. Die Heidelberger Forscher vermuten, dass Säuglinge bereits frühzeitig beim Zufüttern mit Kuhmilch infiziert werden, weil ihre Immunabwehr erst nach etwa einem Lebensjahr ausgereift ist. Dann erst sind sie besser vor Infektionen geschützt. Wird der Säugling vorher infiziert, toleriert das Immunsystem den Erreger und er kann im Körper überdauern.

Erreger erzeugen den Krebs nur indirekt

In den infizierten menschlichen Geweben konnten die Forscher erhöhte Mengen aggressiver Sauerstoffverbindungen nachweisen, ein typisches Merkmal für Entzündungen. Diese Substanzen begünstigen die Entstehung von Erbgutveränderungen. Je mehr solcher Mutationen zusammenkommen, desto höher steigt das Risiko, dass Krebs entsteht. Die neuartigen Erreger wirkten daher indirekt krebserzeugend, erläuterten die Forscher. Auf die entscheidende Frage, ob wir denn nun auf Rindfleisch und Milchprodukte verzichten sollten, winkt zur Hausen ab: Das dürfte bei Erwachsenen wenig nützen, da wir vermutlich alle bereits längst infiziert seien. Und wenn jemand BMMF im Körper trage, bedeute das nicht, dass er zwangsläufig an Krebs erkranke. Aber umgekehrt, so schätzt der Nobelpreisträger, dürfte in 75 bis 80 Prozent der Darmkrebserkrankungen die Infektion eine Rolle spielen.

Säuglinge möglichst lange stillen

Der Leiter des DKFZ, Michael Baumann, weist darauf hin, dass die Infektion einer von mehreren Risikofaktoren für Darmkrebs ist. Die bekannten Vorsorgemaßnahmen könnten das Darmkrebsrisiko deutlich senken: Übergewicht vermeiden, mehr Bewegung, gesunde Ernährung, Darmspiegelung und Untersuchung auf Blut im Stuhl zur Früherkennung. Einen spezifischen Rat zur Vorbeugung von Darmkrebs als Spätfolge einer BMMF-Infektion gibt zur Hausen aber doch: Säuglinge sollten möglichst lange gestillt werden. Denn bekannt ist, dass Stillen über mehr als sechs Monate hinaus den Säugling vor einer Reihe von Infektionen schützt. Das gilt wahrscheinlich auch für BMMF. Da das Immunsystem des Babys erst ab einem Alter von zwölf Monaten fit genug sei, um viele Erreger abzuwehren, sollte man Säuglinge auch keinesfalls zu früh mit Kuhmilchprodukten zufüttern. Mit jedem zusätzlichen Stillmonat sinkt auch das Risiko der Mutter, an Brustkrebs zu erkranken. Dieser Effekt zeigt sich auch für Darm- und Lungenkrebs bei Frauen, die viele Kinder zur Welt gebracht haben. Anderen Präventionsmaßnahmen sind dagegen noch Zukunftsmusik. Die Forscher denken etwa daran, Säuglinge und Rinder zu impfen, um so die Übertragung von BMMF auf den Menschen zu verhindern.

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Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen empfiehlt: Babys möglichst lange stillen.
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