Palästina
Mohammeds Schädelbruch und der Kampf ums Heilige Land
In der Herbstsonne glitzern die Glasscherben. Es müssen Tausende sein. Sie ziehen sich über den steinigen Wüstenboden, bis hinein in die kleine Moschee des palästinensischen Dorfes Khirbat al-Mufkara im Westjordanland südlich der Stadt Hebron. Wenige Meter von der Moschee entfernt, im Haus der Familie Hamamda, liegt das Glas noch Tage nach dem Angriff unberührt, geputzt hat hier niemand. Mittendrin ein Paar schwarzer Kinderschuhe und ein Spielzeugauto.
Auf einer schmalen geblümten Matratze sitzt Baraa Hamamda auf dem Boden. Ihre von der Sonne gebräunten Hände hat die dreifache junge Mutter nervös ineinander gefaltet. Blickkontakt weicht sie aus. Stattdessen breitet sie als Tatbeweis sorgfältig ein Handtuch und einen kleinen Pullover auf dem Boden aus. Darauf sind schwarze, getrocknete Blutflecken.
Als die Nachricht von den ersten Angriffen kam, lief Baraa mit anderen Dorfbewohnern zu den Ziegen. Siedler hätten drei Tiere aufgeschlitzt, hieß es. Erst später wird ihnen klar, dass die Tötung der Ziegen ein Ablenkungsmanöver gewesen war: Während sich das 100 Seelen zählende Dorf um den Hirten versammelt, umstellen Dutzende Bewohner der angrenzenden israelischen Siedlungen Avigail und Havat Maon das Dorf.
Etwa 50, vielleicht auch 80 Siedler sind es. Ihre Oberkörper sind nackt, mit Hemden maskieren die Angreifer ihre Gesichter. Bewaffnet mit Steinschleudern, Schlagstöcken und Messern gehen sie von Tür zu Tür. Sie zerschlagen Fenster, zertrümmern Autoscheiben, Solaranlagen und Wasserspeicher.
Warten auf den Notarzt
Im Haus der Familie Hamamda hält der dreijährige Mohammed seinen Mittagsschlaf. So schnell sie kann, rennt Baraa zurück und erlebt furchtbare Szenen. Schutzsuchende Kinder weinen laut. Steine fliegen. Ihr Mohammed wird plötzlich am Schädel getroffen. Er blutet! Baraa und andere um sie beugen sich schützend und schreiend über das Kind.
Als kurz später die israelische Armee in Jeeps eintrifft, beobachten die Soldaten erst das Szenario. Dann gehen sie mit Tränengas gegen die Steine werfenden Palästinenser vor. Am Ende sind zwölf Palästinenser und drei Siedler verletzt.
Bis der Krankenwagen mit Mohammed das Dorf verlassen kann, vergeht fast eine Stunde. Baraa: „Die Siedler sprinteten dem Jeep hinterher und schlugen auf meinen Schwager ein, der Mohammed im Arm hielt. Sie schrien: ,das sind Araber, ihr sollt ihnen nicht helfen’!“
Bis das Kind mit Schädelbruch und inneren Blutungen ins nächstgelegene Krankenhaus in der israelischen Stadt Beer Sheva eingeliefert wird, vergeht noch eine gefühlte Ewigkeit. Und dann der nächste Schock: Baraa darf nicht mitfahren. Eine Genehmigung, nach Israel einzureisen, haben weder sie noch ihr Mann. Mohammeds Onkel, der eine Arbeitserlaubnis hat, ist rund um die Uhr bei ihm und schickt der Familie Videos. Sein Zustand ist stabil, nur essen will der Junge nicht.
Angriffe mit System
Der Angriff auf Mufkara ereignete sich am jüdischen Feiertag Simchat Torah. In den vergangenen Monaten häuften sich die Übergriffe der Siedler auf palästinensische Dörfer in der Hügellandschaft von Masafer Yatta vor allem am Schabbat, dem jüdischen Ruhetag. Sie bewerfen dann Dorfbewohner mit Steinen, schneiden ihre Bäume ab, legen Feuer. Oder Schlimmeres wie in Mufkara. Fast immer kommen die Unruhestifter ungestraft davon. Kurz nach dem Angriff auf Mufkara schrieb die linke israelische Journalistin Amira Hass, die Attacke auf das Dorf diene der dem langfristigen politischen Ziel einer schleichenden Annexion: der Staat Israel wolle die Menschen aus ihren Häusern verdrängen.
Um Vorkommnisse besser dokumentieren zu können, wurden palästinensische Aktivisten von der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem mit hochwertigen Kameras ausgestattet. „Mit dieser Kamera kann ich sehen, was die Siedler zu Abend essen“, sagt Ali, ein Aktivist aus der Gegend. Zwei Tage nach der Attacke auf Mufkara sitzt Ali mit seinem Mitstreiter Basil und israelischen Freunden gemeinsam auf einem Aussichtsposten in der Hügellandschaft. Es ist die Ruhe nach dem Sturm. Auf ihren Handys klicken sie sich schweigend durch Instagram, jemand dreht eine Zigarette. Gelegentlich lachen alle über Alis schwarzen Humor. Sie fürchten weitere Gewaltausbrüche. Aber es bleibt still.
Kurze Zeit später, es dämmert schon, kommt ein Anruf. Die israelische Polizei hat Mahmoud Hamamda, den Großvater des verletzten Mohammeds, zur Zeugenaussage auf das Polizeirevier einberufen. Heute noch soll er kommen. Plötzlich muss alles schnell gehen. Die geschossenen Beweisvideos werden von der Speicherkarte auf den Computer übertragen. Innerhalb weniger Minuten sitzt Mahmoud gemeinsam mit den Aktivisten im Jeep – vielleicht, hoffen sie, wird es dieses Mal anders. Vielleicht werden die israelischen Behörden endlich jemanden bestrafen.
Der Premier meldet sich zu Wort
Mit seiner weißen Kufiya und seinem langen schwarzen Gewand steht der 67-jährige Mahmoud schließlich im Dunkeln am Eingang des Reviers. Stacheldraht umzäunt das Gebäude von allen Seiten. Auf seinem Arm prangt eine Wunde, das Blut halbgetrocknet. Auch ihn hat ein Steinbrocken getroffen. „Was macht ihr hier so spät?“, fragt der Sicherheitsmann. Als Mahmoud ihm erklärt, dass er von der Polizei angerufen und für eine Zeugenaussage aufs Revier gebeten wurde, starrt dieser ihn gelangweilt an, dann greift er nach seinem Handy. Nach über einer Stunde darf Mahmoud schließlich durch die Gittertür auf das Polizeirevier eintreten.
Als er zurückkommt, strahlt er fast. Nett seien sie gewesen, erzählt er. Er habe ihnen das Videomaterial überreicht und die Namen der Unruhestifter genannt. Mohammeds Eltern dürften ihn morgen im Krankenhaus besuchen, darum werden sich die Behörden kümmern. Sechs Siedler wurden festgenommen. Tatsächlich sieht es dieses Mal so aus, als würde man die Täter nicht ungeschoren davonkommen lassen – zu groß ist der Aufschrei in der israelischen Öffentlichkeit. Ein israelischer Armeegeneral besucht die Familie Hamamda sogar in ihrem Zuhause, Außenminister Jair Lapid verurteilt die Siedlergewalt auf Twitter als „weder israelisch noch jüdisch“.
Shealtiel Zik, Sekretär in der Siedlung Avigail findet indes die mediale Berichterstattung ungerecht. Man stelle die Menschen in Avigail als Verrückte da, dabei seien es ganz normale jüdische Familien. Niemand in Avigail würde diese Gewalt gutheißen – die Angreifer seien Jugendliche gewesen, die über die Feiertage zu Besuch kamen. Sie hätten zu viel getrunken, – man habe sie wohl provoziert.
Mohammed mitten in der Demo
Am Tag nach Mahmouds Zeugenaussage auf dem Polizeirevier werden vier der sechs Tatverdächtigen freigelassen, zwei Minderjährige müssen weiterhin in Haft bleiben. Mohammed wird am Abend aus dem Krankenhaus entlassen. Seine Eltern dürfen ihn abholen. Eine Spendenaktion israelischer Aktivisten, die für die Sachschäden in Mufkara aufkommen soll, hat innerhalb weniger Tage rund 60.000 Euro gesammelt.
Vier Tage nach dem Angriff aufs Dorf, kommen 400 Israelis und Palästinenser nach Masafer Yatta zum gemeinsamen Protest. Suhad, Mohammeds Onkel, hält den Jungen in der Menge auf dem Arm. In seinen kleinen Händen hält Mohammed eine große palästinensische Flagge. Baraa nimmt nicht an der Demonstration teil. Aber als nach dem Protest Journalisten in ihrem Haus einlaufen, lächelt sie breit: Ihr Kind ist zurück.