Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Militärtechnik aus Kaiserslautern auch für den Ukraine-Krieg

Aus Kaiserslautern stammt ein Großteil der flexiblen Brückensysteme, die bei der Nato im Einsatz sind. Unser Bild zeigt den Radp
Aus Kaiserslautern stammt ein Großteil der flexiblen Brückensysteme, die bei der Nato im Einsatz sind. Unser Bild zeigt den Radpanzer Piranha als Träger des Brückensystems Cobra von General Dynamics European Land Systems-Bridge Systems.

Nicht nur wegen der Air Base in Ramstein spielt die Region Kaiserslautern für die Nato eine wichtige Rolle. Unterhalb des Fritz-Walter-Stadions produziert ein wichtiger Lieferant große Militärsysteme. Uwe Renners und Oliver Sperk haben mit Christian Kauth, Geschäftsführer der General-Dynamics-Tochter GDELS, vor Ort auch über brenzlige Situationen gesprochen.

Rüstungsindustrie mitten in der Pfalz – die gab es schon mit den Aktivitäten der früheren Eisenwerke Kaiserslautern. Die wurden 2002 vom US-Konzern General Dynamics für 5 Millionen Euro übernommen mit damals 280 Mitarbeitern. Jetzt entwickelt und produziert unterhalb des Betzenbergs auf dem Gelände parallel zu den Bahngleisen Richtung Hauptbahnhof die General Dynamics European Land Systems-Bridge Systems (GDELS) Armeetechnik.

Herr Kauth, Ihr Unternehmen steht wie kaum ein anderes in der Militärbranche für mobile Brückensysteme zum möglichst schnellen Überqueren von Gewässern. Die Nato-Staaten machen einen Großteil Ihrer Kunden aus. Was wird in Kaiserslautern außerdem gebaut?
Wir bieten in Kaiserslautern Produkte aus unserem europäischen Konzernportfolio an. Dazu gehören neben den Brückensystemen auch geschützte Radfahrzeuge wie der Eagle, der für die Bundeswehr auch in Afghanistan im Einsatz war, der Piranha oder der Panzer Pandur in den Räder-Varianten 4x4, 6x6 oder 8x8.

Wie hat sich die Anzahl der Beschäftigten in Kaiserslautern entwickelt?
Vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 hatten wir rund 360 Mitarbeiter, mittlerweile sind wir kontinuierlich auf über 500 Mitarbeiter gewachsen. Und wir planen weiteres Wachstum.

Wie ist die Umsatzkurve in den vergangenen Jahren verlaufen?
Unser Umsatz hat sich seit 2018 verdoppelt: von etwa 60 Millionen Euro auf rund 120 Millionen Euro 2023.

Was sind die größten Herausforderungen, denen sich Ihr Unternehmen gerade gegenübersieht?
Die zentrale Herausforderung ist der Fachkräftemangel. Wir finden nicht genug qualifizierte Bewerber auf dem Markt und bilden deshalb verstärkt selbst aus. Zudem belasten höhere Energiepreise und Verknappungen in den Lieferketten auch uns. Die Belastungen haben für uns aber momentan nicht die Relevanz, die sie für andere Wirtschaftszweige haben, weil diese oft noch zusätzlich unter Auftragsmangel leiden. Auftragsmangel haben wir definitiv nicht.

Welche Produkte sind aktuell besonders gefragt – und wohin werden sie geliefert?
Unsere Schwimmbrücken sind derzeit besonders gefragt. Der größte Kunde ist da im Moment Schweden, weitere Lieferungen gehen aktuell in die Niederlande. Zudem verhandeln wir mit anderen europäischen Nato-Mitgliedern. Schwimmbrücken sind im Nato-Kontext wegen ihrer Interoperabilität von großer Bedeutung. Das heißt, die Kunden schauen, welche Produkte sich miteinander verbinden lassen. Da spielen unsere langjährige Marktpräsenz und unsere Erfahrung natürlich eine Rolle.

Welche in Kaiserslautern hergestellten Produkte kommen in der Ukraine zum Einsatz?
Wir selbst halten uns mit Äußerungen zurück. Ich kann hier aber nennen, was von den Regierungen, die diese Aufträge finanzieren, selbst publiziert wurde. Das waren unter anderem die Panzerbrücke Biber/Anaconda und das schnell verlegbare Brücken- und Fährsystem M3. Dieses große, aber vergleichsweise leichte Amphibienfahrzeug M3 ist unser Flaggschiff. Es wird zu großen Teilen in Kaiserslautern produziert.

Wie positioniert sich Ihr Unternehmen zu militärischen Konflikten wie dem in der Ukraine?
Unser Credo lautet: „We enable military mobility.“ Wir bieten Lösungen, die den Soldaten Mobilität und Schutz gewährleisten. All unsere Verkäufe und Kunden werden letztendlich in jedem einzelnen Fall von der Bundesregierung genehmigt, Rüstungsexporte müssen vom Bundessicherheitsrat genehmigt werden.

Gibt es ein Produkt, auf das Sie aktuell besonders stolz sind?
Ja, das ist beispielsweise der Eagle 6x6 in der Sanitätsvariante. Ab Frühjahr 2025 beginnen wir mit der Serienlieferung dieses hochgeschützten Fahrzeugs. Es ermöglicht der Bundeswehr, verletzte Personen intensivmedizinisch auch unter extremen Bedingungen zu versorgen. Medizinisches Personal und Patient sind in dieser mobilen Einheit extrem geschützt, sei es vor Gewehrfeuer bis hin zu Minenexplosionen. So ist eine wichtige Voraussetzung dafür gegeben, dass der Arzt in Ruhe arbeiten kann bei sehr hoher Mobilität des Fahrzeugs.

Wo ist Ihr Unternehmen außerhalb der Nato aktiv?
Wir liefern unter anderem nach Singapur, Australien und seit 2020 nach Südkorea.

Welche Bedeutung hat Ihr Hauptstandort Kaiserslautern – darüber hinaus gibt es noch das Gelände „nebenan“ in Sembach, das Sie nach und nach ausbauen – für die Nato?
Rund 90 Prozent der Schwimmbrückenkapazität der Nato stammen aus Kaiserslautern. Ohne uns wäre die Mobilität der Nato über Wasserhindernisse stark eingeschränkt.

Was reizt Sie persönlich an Ihrer Arbeit für einen Rüstungskonzern?
Schon mein Vater hat hier gearbeitet, sodass ich mit dem Thema aufgewachsen bin. Wir verkaufen keine Waschmaschinen – wenn man in unserer Branche arbeitet, dann hat das eine sehr hohe politische Komponente. Und es braucht das Verantwortungsgefühl des Staatsbürgers, vereint mit internationalem Austausch. Das macht es für mich besonders spannend, hier zu arbeiten.

Arbeiten Sie mit lokalen Institutionen in Kaiserslautern zusammen?
Ja, etwa mit dem Fraunhofer-Institut, der Universität und der Fachhochschule. Diese Kooperationen helfen uns. Sei es mit gemeinsamen Projekten in Sachen Technologie oder bei der Rekrutierung von Mitarbeitern für unser Unternehmen. Dort werden junge Leute ausgebildet, beispielsweise Ingenieure im Maschinenbau oder in der Elektrotechnik, die wir dann einstellen können.

Mussten Sie den Schutz Ihres Unternehmens verstärken seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, mit dem die Rüstungsindustrie auch hierzulande wieder in den Blickpunkt gerückt ist?
Militärisches Gut musste schon immer sehr stark geschützt werden. Seit Beginn des Ukraine-Konflikts ist vielfach noch mal nachgeschärft worden. Unsere Verbindungen zur Polizei sind noch mal intensiviert worden.

Welche Bedeutung hat die Gewinnung von Mitarbeitern für Sie?
Sie ist ganz entscheidend, weil unsere Produktion stark auf Handarbeit basiert. Wir können relativ wenig automatisieren. Beispielsweise brauchen wir viele gute Schweißer. Zum Teil enthalten unsere Produkte kilometerlange, von Hand gearbeitete Schweißnähte. Und besonders Aluminium-Schweißer müssen lange und speziell geschult werden. Wir haben unsere eigene zertifizierte Schweißer-Lehrwerkstatt und investieren generell viel in die Ausbildung. Von unseren rund 500 Mitarbeitern in Kaiserslautern sind etwa 10 Prozent Auszubildende. Im nächsten Jahr wollen wir wieder viele Azubis einstellen, vor allem in den handwerklichen Berufen wie Kfz-Mechatroniker, Konstruktions- oder Industriemechaniker.

Inwiefern hat ein Rüstungskonzern eine spezielle Rolle als Akteur auf dem Arbeitsmarkt?
Wir ziehen uns etwa durch Ausbildung viele Mitarbeiter selbst heran. Unsere Beschäftigten sind uns generell sehr treu. Viele haben jemanden in der Familie, der schon bei uns arbeitet oder gearbeitet hat. Ein Mitarbeiter ist schon die sechste Generation seiner Familie, die hier arbeitet, früher natürlich noch bei den Eisenwerken Kaiserslautern.

Gibt es regionale Zulieferer, mit denen Sie zusammenarbeiten?
Ja, etwa die Firma Schottel in Spay im Mittelrheintal in Rheinland-Pfalz, die Wasserantriebe liefert. Wir kooperieren zudem mit zahlreichen mittelständischen Betrieben, die über die Jahre mit uns gewachsen sind. Auch wenn Unternehmen etwa viele Aufträge aus dem Automobilbereich bekommen haben, der jetzt aktuell Schwierigkeiten hat, können wir zum Teil als Abnehmer einspringen.

Wie beeinflussen die aktuellen politischen Unsicherheiten in Berlin Ihre Arbeit?
Verzögerungen bei Genehmigungsprozessen durch die aktuelle politische Lage hemmen unsere Projekte zum Teil.

Haben Sie Wünsche an die neue Bundesregierung, wenn sie denn nach den Neuwahlen am 23. Februar wahrscheinlich irgendwann im Frühjahr mal steht?
Mehr Planbarkeit und Kontinuität in den Budgets. Nur so können wir langfristige Investitionen tätigen und unseren Beitrag zur Sicherheit leisten.

Welche politischen Rahmenbedingungen braucht die deutsche Wirtschaft?
Mehr Freiheit und Entbürokratisierung. In unseren Zeiten ist Schnelligkeit ein hohes Gut. Wir brauchen schnelle Prozesse. Und mehr Toleranz aus der Bevölkerung, Politikern auch mal Fehler zuzugestehen. Das ist nötig, um in Zeiten, in denen Tempo wichtig ist, handlungsfähig zu bleiben.

Zur Person

Christian Kauth (47) ist Geschäftsführer von General Dynamics European Land Systems-Bridge Systems in Kaiserslautern. GDELS ist eine eigenständig agierende, europäisch ausgerichtete Tochter des US-Rüstungskonzerns General Dynamics. Der hat 2002 die Eisenwerke Kaiserslautern samt Standort in Bahnhofsnähe übernommen.

Qualifizierte Mitarbeiter sieht der 47-Jährige als das A und O an: GDELS-Geschäftsführer Christian Kauth.
Qualifizierte Mitarbeiter sieht der 47-Jährige als das A und O an: GDELS-Geschäftsführer Christian Kauth.
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