Politik Leitartikel: Und sie lebt doch

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Das christliche Abendland wird zwar so oft beschworen wie lange nicht.

Aber die Institution Kirche steht trotzdem in der Kritik.

Dabei entwickelt sie gerade neue Kraft und Beweglichkeit.

Christen lassen sich nicht

vereinnahmen. Weder vom Staat noch von anderen Religionen.

„State in fide“ - „Stehe fest im Glauben“ war der bischöfliche Wahlspruch des verstorbenen Kardinals Karl Lehmann. Solche Glaubensfestigkeit ist der Kern des Christentums. Sie zu befördern, ist der Auftrag der Kirchen. Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland haben das begriffen. Sie besinnen sich auf ihr „Kerngeschäft“: Sie verbreiten die christliche Botschaft. Sie zeigen das Vorbild Jesu auf. Sie betreiben Seelsorge, spenden die Sakramente. Auf dem Katholikentag in Münster konnte man eine bunte, fröhliche, so kritische wie tatkräftige Christenschar beobachten. Und dass der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Heinrich Bedford-Strohm, sagte, dieser Katholikentag sei auch sein Kirchentag, war mehr als eine symbolische Geste. Es war Ausdruck eines gewachsenen Zusammengehörigkeitsgefühls aller Christen. Es bewegt sich etwas in der Ökumene, langsam zwar, aber vorwärts. Die beiden Wohlfahrtsverbände, die katholische Caritas und die evangelische Diakonie, arbeiten enger zusammen. Das tut einer Gesellschaft gut, in der es immer mehr altersschwache, pflege- und hilfsbedürftige oder einsame Menschen gibt. Nur sieben Bischöfe wenden sich gegen das Bestreben der Bischofskonferenz, die strikte Trennung von Katholiken und Protestanten bei Eucharistie und Abendmahl aufzuweichen. Ihr Versuch, Papst Franziskus für ihre überkommene Position zu gewinnen, ist gescheitert. Ein gemeinsamer Religionsunterricht, statt des nach Konfessionen getrennten, gewinnt in beiden Kirchen mehr Anhänger. Die Anzahl ökumenischer Gottesdienste nimmt zu. Ja sicher, das alles ist auch eine Folge davon, dass es weniger Christen und weniger Pfarrer gibt. Aber ebenso wächst die Einsicht, dass das Gemeinsame weit größer ist als das Trennende. Christen lamentieren nicht. Sie nehmen das Hier und Jetzt an und handeln. Sie wissen, dass eine bessere Welt nicht gottgegeben ist, sondern nur durch tätige Nächstenliebe und Humanität zu erreichen ist. Diese Haltung ist nicht naiv, sondern Ausdruck eines Werteverständnisses, ohne das unsere Gesellschaft kälter und unbarmherzig wäre. Christen lassen sich nicht vereinnahmen, nicht vom Staat, nicht von Ideologien, nicht von anderen Religionen. Der Widerspruch gegen den „Kreuz-Befehl“ des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder ist eine Demonstration des neuen Selbstbewusstseins der Kirchen. Da bringt ausgerechnet ein christlicher Politiker die Kirchen in die Bredouille, gegen Kreuze in öffentlichen Räumen argumentieren zu müssen. Aber sie tun es mit guten Gründen. Denn das Kreuz ist nicht „Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns“, wie es Söder sagte. Das Kreuz steht für den Opfertod Christi, die dadurch vollbrachte Erlösung der Menschheit von ihren Sünden und ein Leben nach dem Tod. Noch 2016 hat Markus Söder gesagt: „Es wäre für die Kirchen besser, sie würden sich stärker auf den Glauben konzentrieren und weniger Politik machen.“ Nun aber instrumentalisiert Söder das Kreuz für politische Zwecke. Er betreibt die Umkehrung der Geschichte. Die Christen verteidigen, wogegen sie sich jahrhundertelang gewehrt haben: die Trennung von Kirche und Staat und die Religionsfreiheit. Und Politiker untergraben diese historische Errungenschaft der Politik. Das neue Selbstbewusstsein der Christen stärkt unsere Gesellschaft. Pfingsten ist der Geburtstag der christlichen Kirchen. Wie gut, dass wir sie haben.

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