Politik Leitartikel: Kohls Vermächtnis

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Der Kanzler aus Ludwigshafen hat tiefe Spuren in Europa hinterlassen.

Mit großem staatsmännischen Geschick hat er die Einheit eingefädelt.

Doch er hat auch offenbart, wie verführerisch die Macht sein kann. Kohl war ein Bauchmensch,

der andere für sich

einzunehmen vermochte.

Nichts hat sich der promovierte Historiker Helmut Kohl bereits zu Amtszeiten mehr gewünscht, als mit dem Etikett historisch geadelt zu werden im Urteil der Nachwelt. Auch deshalb war ihm so viel gelegen an einer historischen Inszenierung seiner 16-jährigen Kanzlerschaft. Wie die Menschen in 100 Jahren diesen politischen Kraftmenschen einmal sehen werden, kann heute keiner sagen. Kein anderer Kanzler in der Bundesrepublik hat durch Persönlichkeit und Stil so viel Spott, Kritik, ja Feindschaft auf sich gezogen. Doch die Zeit heilt Wunden, und heute, 19 Jahre nach dem Ende seiner Kanzlerschaft, fällt das Urteil eindeutig aus. Mit Helmut Kohl wird ein leidenschaftlicher Pfälzer Politiker, ein deutscher Patriot und überzeugender Europäer zu Grabe getragen, der ein großer Staatsmann war. Das Erbe Kohls sind die „blühenden Landschaften“ in Ostdeutschland. Mit großem diplomatischen Geschick hat er den schnellen Weg zur Deutschen Einheit eingefädelt. Nun ist diese Einheit immer noch nicht vollendet, und wahrlich nicht alles grünt und blüht da heute. Wer allerdings die DDR kannte und heute nach Dresden oder Erfurt fährt, der sieht, wie vieles sich zum Guten gewendet hat. Es war die Leistung dieses Kanzlers, blitzschnell gegen den Widerstand der Nachbarn im Osten und im Westen und gegen die Skeptiker in der SPD einen klugen Fahrplan aufgestellt zu haben, an dessen Ende die Einheit stand. Geholfen hat Kohl dabei, dass er Politik in Bonn nicht wesentlich anders betrieben hat als in jungen Jahren im Ludwigshafener Stadtrat: herzhaft und rauflustig; ein Bauchmensch, der andere für sich einzunehmen vermochte und dabei ein meisterhafter Psychologe war. Kohls Leistung als Kanzler der Einheit wurde selbst von seinem Vorgänger Helmut Schmidt, der gern die Nase über diesen Pfälzer „Provinzonkel“ rümpfte, als historisch gewürdigt. Dagegen fällt das Urteil über Kohls Vermächtnis als Europapolitiker zwiespältig aus. Keine Frage, ohne seinen lebenslangen Kampf für ein geeintes Europa, in dem sich Deutschland einbinden und in die Pflicht nehmen lässt, wäre die Einheit nicht geglückt. Als überzeugter Europäer wurde er bei den Zwei-plus-Vier-Gesprächen zum überzeugenden Verhandlungspartner. Dem Euro aber, den Kohl durchgesetzt hat, fehlt heute jeder Glanz. Da haben der Historiker und viele mit ihm nicht gesehen, dass eine Gemeinschaftswährung nur funktionieren wird, wenn es gleichzeitig eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik gibt. So groß die Leistungen Kohls, so groß auch seine Irrtümer. An Kohl lässt sich beobachten, wie sehr dieses ob seines Kräfteverschleißes schier unmögliche Amt als Kanzler einen Menschen verformen kann. Aus Helmut Kohl, der zu Beginn seiner Karriere als Reformer in Mainz frischen Wind in seine Partei und das rückständige Land Rheinland-Pfalz gleichermaßen brachte, wurde am Ende ein unversöhnlicher, ja bisweilen rachsüchtiger Kämpfer für den Erhalt der Macht. Schwarz oder weiß, dafür oder dagegen, etwas anderes gab es nicht mehr. In der Parteispendenaffäre hat Kohl die eigenen Prinzipien verraten, im demokratischen Meinungskampf, so heftig er auch ausgefochten wird, fair miteinander zu streiten, weil der Andere vielleicht doch recht haben könnte. Kohl hat für diese Affäre einen hohen Preis bezahlt. Am Ende aber bleibt der Respekt für einen Staatsmann, der für seine Überzeugungen gestritten, der sich – und andere – nie geschont und der dieses Land geformt hat wie nur einer vor ihm: Konrad Adenauer.

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