Politik Kritische Worte, mutmachende Botschaften
Als die Veranstalter des 101. Katholikentages dieses Treffen in Münster planten, wussten sie nicht, dass ihr gewähltes Motto in diesen Tagen brandaktuell ist – „Suche Frieden“. Der US-Ausstieg aus dem Iran-Abkommen, der Syrienkrieg, Debatten über soziale Ungerechtigkeit, Populismus im eigenen Land. Themen, die die etwa 70.000 Teilnehmer umtreiben. Die politischen Foren waren gestern Anziehungspunkte.
Bundespräsident Franz-Walter Steinmeier scheint bei seinen Auftritten den Nerv der Katholikentagsbesucher zu treffen. Nicht nur, dass er bei der Eröffnung am Mittwoch deutliche Worte zu den Kreuzen in bayerischen Amtsstuben findet: „Der Staat hat die Religion nicht zu bevormunden, er hat sie nicht in den Dienst zu nehmen, und er darf sie insbesondere nicht zum Instrument von Politik machen.“ Ein Seitenhieb auf den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder – ohne dessen Namen zu nennen –, der mit dem Aufhängen von Kreuzen in staatlichen Gebäuden die christliche Kultur in Deutschland unterstreichen will. Gestern warnte Steinmeier nachdrücklich vor den Gefahren des „Kampfes um eine neue internationale Hackordnung“. Gleichzeitig sendet der Bundespräsident Botschaften der Aussöhnung und des Mutmachens. Das kommt an bei den Menschen, die sich um den Weltfrieden sorgen und sich nach Aussöhnung sehnen. Trumps Entscheidung, das Iran-Abkommen zu beenden, sei eine „Absage an Frieden und internationale Kooperation“ und ein Risiko für die ganze Region, sagt der Bundespräsident vor 2000 Zuhörern in der Halle Münsterland. Gleichzeitig ermuntert Steinmeier dazu, nicht „all unsere Zukunftsperspektiven nur mit Blick auf die derzeitige US-Regierung zu sehen und danach auszurichten“. Das regt auch der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler an, für den sich Europa bislang in einer bequemen Rolle befunden hat, nämlich quasi unter dem Schirm der USA zu stehen. Dies sei Vergangenheit, biete aber die Chance zur Neuausrichtung. Düster klingen dann jedoch diese Worte Münklers: „Wir gehen derzeit nicht nur in eine Welt hinein, die aus den Fugen ist, sondern wo sich die entfugten Balken aneinander reiben!“ In eine depressive Stimmung will dann das Publikum doch nicht verfallen. So will man vom Bundespräsidenten wissen, was er denn in dieser Zeit jungen Leuten raten würde. Und da ist sie die mutmachende Botschaft, auf die irgendwie viele gewartet haben: sich für Projekte engagieren, die überschaubar bleiben, und den Mut dabei nicht verlieren. „Man braucht einfach die Erfahrung, dass Engagement sich lohnt.“ Großer Applaus. Um das Engagement vieler geht es dann am späten Nachmittag beim Podium zum Thema „Integriert Euch! Wer eigentlich! Und wohin!“ Eine Veranstaltung mit Zündstoff angesichts der Debatten um Ankerzentren und Abschiebungen. Eigentlich, doch die Gespräche dümpeln eher so vor sich hin. Ob es daran liegt, dass Bundesinnenminister Horst Seehofer wegen „Anreiseproblemen“ – Gelächter im Publikum – nicht auf dem Podium sitzt? Seinen Platz nimmt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, einst ein vehementer Kritiker der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel, ein. Brav antwortet der im Westmünsterland geborene Spahn auf die Frage, was Heimat für ihn bedeute: „Heimat ist für mich, wo ich mich nicht erklären muss, wo ich mich geborgen fühle, wo ich mich wohl fühle.“ Auch die Flüchtlinge, die nach Deutschland kämen, machten es sich sicherlich nicht leicht, ihre Heimat aufzugeben. Wie es ist, als Flüchtling 28 Monate auf eine Entscheidung über den Asylantrag zu warten, davon gibt der Iraker Aria Patto einen kleinen Einblick. Seit kurzem hat der Lehrer für Sport und katholische Religion die Anerkennung. Er plädiert dafür, dass Integration von zwei Seiten ausgehen muss; von denen, die nach Deutschland kommen, und von den Einheimischen, die mithelfen müssten. Dank und Anerkennung gibt es für die vielen Ehrenamtlichen, die sich unverändert für Flüchtlinge engagieren. Politisch wird dann Peter Neher, Präsident des Caritasverbandes. Er warnt davor, die Integrationsdebatte von dem geringen Anteil an kriminellen Migranten beherrschen zu lassen. Sicherheitsfragen seien wichtig, sie dürften jedoch nicht die Diskussion über Integration bestimmen. Was darauf Horst Seehofer wohl geantwortet hätte?