Meinung
Krieg in der Ukraine: Großangriff in den Köpfen
Geht es nach dem russischen Verteidigungsministerium, dann ist die ukrainische Gegenoffensive seit Sonntag in vollem Gange. Westliche Beobachter bestätigen, dass die Ukrainer vermehrt örtlich vorstoßen, um die feindliche Front auf Schwachstellen abzuklopfen.
Aber noch ist es eine sehr stille Offensive. Bisher gibt es keine Berichte von massiven Luft- oder Drohnenangriffen an der Front. Auch von einer Panzerflotte, die im Epizentrum der Offensive geballte Attacken fährt, ist bisher nichts zu sehen.
Immerhin veröffentlichte am Donnerstag der militärpatriotische russische Telegram-Kanal Grey Zone die ersten Fotos feindlicher Leopard-Panzer, die an der Front zum Einsatz gekommen seien – offenbar noch in kleiner Stückzahl.
Dabei hatte das russische Verteidigungsministerium schon Dienstagnacht verkündet, man habe acht angreifende Leopard, Dutzende andere Panzer und tausende ukrainische Soldaten vernichtet. Es scheint, als wolle die offizielle russische Propaganda das ukrainische Abklopfen der Front zu blutig gescheiterten Sturmangriffen aufblasen.
Korrupte Kommandeure
Fachleute schließen nicht aus, dass sich die lokalen ukrainischen Initiativen klammheimlich zu immer wuchtigeren Angriffen steigern. Aber noch spielt sich die ukrainische Offensive zum großen Teil in den Köpfen ab, vor allem in russischen Köpfen. Und vor allem die russischen Nerven liegen blank.
Das Verteidigungsministerium publizierte am Dienstag ein Video, auf dem angeblich Leopard-2-Panzer abgeschossen wurden, mehrere Militärblogger aber identifizierten die Fahrzeuge als Mähdrescher der Marke John Deere. Von ukrainischer Seite hagelt es Hohn. So behaupten Kiewer Militärexperten, korrupte russische Kommandeure hätten den Kachowka-Staudamm in die Luft gejagt, nur um zu vertuschen, dass die teuren Verteidigungsanlagen am linken Dnjepr-Ufer gar nicht gebaut, die Gelder dafür aber in ihren Taschen gelandet seien.
Grundhaltung Opportunismus
In Kreml-Chef Wladimir Putins eigenen Reihen herrscht alles andere als zuversichtliche Geschlossenheit. Jewgenij Prigoschin, der lautstarke Chef der Söldnertruppe Wagner, fordert schon 200.000 Mann, um die Front zwischen Lugansk und Donezk zu halten. Und er bezeichnet seine Truppe als die einzige vollwertige und handlungsfähige Militärstruktur Russlands. Ein privater Feldkommandeur ohrfeigt die jahrzehntelang als unbesiegbar gefeierte Armee und ihre Befehlshaber. Schon redet der nationalistische Veteran des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB und Telegram-Blogger, Igor Strelkow, von einer „Zeit der Wirren“. Putin selbst schweigt.
Und die ersten seiner Propagandisten scheinen sich darauf zu besinnen, dass die Grundhaltung ihres Berufes Opportunismus ist. Margarita Simonjan, Chefin des Auslandssenders Russia Today, schlug bereits Volksabstimmungen in den „strittigen“ Gebieten unter internationaler Aufsicht vor. Offenbar ist nicht nur sie inzwischen bereit, sich wieder von den besetzten und feierlich annektierten ukrainischen Gebieten zu verabschieden.
Wie und wann die ukrainische Großoffensive auch beginnen mag, wirklich siegesgewiss begegnet Russland ihr nicht.
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