Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Kreidezähne, die neue Volkskrankheit

Manche der jungen Patienten entwickeln eine Zahnarztphobie: Kreidezähne reagieren empfindlich auf jegliche mechanische Reize.
Manche der jungen Patienten entwickeln eine Zahnarztphobie: Kreidezähne reagieren empfindlich auf jegliche mechanische Reize.

Die Zahnärzte sind besorgt: Bei Kindern ist dank besserer Mundhygiene zwar der Kariesbefall rapide zurückgegangen, doch immer mehr leiden unter porösen Zähnen. In Deutschland sind fast 30 Prozent der Zwölfjährigen betroffen. Über die Entstehung des Krankheitsbildes weiß man wenig bis nichts.

Es war Anfang November beim Grünen-Parteitag zur Europawahl 2019 in Leipzig. Wie viele andere Bewerber begründete auch Sven Giegold, der nun als männlicher Grünen-Spitzenkandidat in den deutschen Europawahlkampf ziehen wird, seine politischen Ziele mit persönlichen Erfahrungen. Der 48-Jährige, der in einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen lebt, sagte: „Mein kleiner Sohn hat Kreidezähne.“

Weltweites Phänomen

Giegold verwies auf Studien, die den Weichmacher Bisphenol A, der in vielen Plastikartikeln vorkommt, für die erstmals 1987 beschriebene Krankheit verantwortlich machen. Und der Grünen-Politiker versprach, sich auf europäischer Ebene dafür einzusetzen, dass „Chemikalien aus dem Alltag“ herauskommen. Sichtlich erregt fügte er an, das sei er auch seinem Sohn schuldig. Den Schock, den Sven Giegold offensichtlich angesichts der Krankheit seines Sohnes erlitten hat, teilt er mit nicht wenigen Eltern. Die Strukturanomalie ist ein weltweites Phänomen. Der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde zufolge weisen Studien darauf hin, dass im Durchschnitt zehn bis 15 Prozent der Kinder in der Bundesrepublik an Kreidezähnen leiden. Unter Zwölfjährigen sind den Daten der fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie zufolge mittlerweile sogar fast 30 Prozent betroffen. Belastbare Statistiken nur für Rheinland-Pfalz gibt es nicht.

Die Zähne bleiben weich

Bei Kreidezähnen ist die Schmelzbildung gestört. Sie bleiben weich. Es sind vor allem die bleibenden Zähne betroffen. Meist tritt das Problem an Backenzähnen auf. Doch auch die Frontzähne können die Mineralisationsstörung aufweisen, die Fachleute als Molare Inzisive Hypomineralisation (MIH) bezeichnen. Häufig brechen diese Zähne bereits mit krankhaften Veränderungen aus dem Kieferknochen in die Mundhöhle durch. Zunehmend werden allerdings auch Fälle beschrieben, in denen Milchzähne betroffen sind. In der milden Form der MIH zeigen sich gelblich-braune Flecken. Bei den schweren Formen fehlt Schmelz gänzlich oder splittert leicht ab. Patienten reagieren daher empfindlich auf mechanische Reize (Zähneputzen!) und auf Hitze- und Kälteunterschiede. Sie haben Schmerzen beim Trinken. Kurzum: Die Lebensqualität ist ziemlich beeinträchtigt, die Behandlung durch den Zahnarzt ist erschwert. Für Vicky Ehlers, Oberärztin in der Poliklinik für Parodontologie und Zahnerhaltung an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, stellt MIH „eine neue Volkskrankheit“ dar. In einigen Altersgruppen sei sie und nicht mehr die Karies das Hauptproblem für gesunde Zähne. Ehlers ist Expertin für Kinderbehandlung und MIH. Sie plant derzeit tiefergehende Forschungsprojekte. Denn über die Gründe der Entstehung von Kreidezähnen liegen bis jetzt keine gesicherten Erkenntnisse vor: „Die Ursachen sind bis heute unklar.“

Bisphenol A verantwortlich für Kreidezähne?

Dabei hatten niederländische Forscher nach Versuchen mit Ratten in einer 2013 veröffentlichten Studie den Verdacht geäußert, dass es einen direkten Zusammenhang geben müsse zwischen der Aufnahme der Chemikalie Bisphenol A und Kreidezähnen. Doch andere Experten meldeten Zweifel an. So auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). In einer Bewertung der niederländischen Studie vom August 2018 heißt es: Ein Zusammenhang zwischen der Aufnahme von Bisphenol A und MIH bei Kindern sei „nach dem derzeitigen Stand des Wissens unwahrscheinlich“. Verwiesen wird dabei unter anderem auf die zwölffach höhere Bisphenol-A-Dosis für die Versuchstiere im Vergleich zur durchschnittlichen Aufnahme durch schwangere Frauen in der Realität. Außerdem führen die BfR-Experten an, dass Bispenol A seit 2011 EU-weit für die Herstellung von Säuglingsflaschen verboten sei. Unbedenklich sei Bisphenol A aber keineswegs, betont das Bundesamt zugleich: Der Stoff schädige der Hormonhaushalt.

„Zusammenspiel mehrerer Ursachen“

Inzwischen, so die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, gehe man nicht mehr von einem einzigen Grund für das Entstehen von Kreidezähnen aus, sondern von einem „Zusammenspiel mehrerer Ursachen“. Weil die Schmelzbildung der ersten Backenzähne und der Schneidezähne zwischen dem achten Schwangerschaftsmonat und dem vierten Lebensjahr stattfindet, wird angenommen, dass auch die Störung in dieser Zeitspanne auftreten muss. Der Mainzer Ärztin Vicky Ehlers zufolge gelten – neben Bisphenol A – auch „frühe Atemwegserkrankungen, Infektionserkrankungen in den ersten Lebensjahren, Windpocken, Antibiotika, Dioxine und Komplikationen während der Schwangerschaft“ als mögliche Auslöser. Dem „Zahnärzteblatt“ zufolge sind sich die Experten aber „recht sicher“, dass es sich bei MIH nicht um eine genetisch bedingte Veränderung handelt. Da die Gründe für das Entstehen von Kreidezähnen so vielfältig zu sein scheinen, ist zu befürchten, dass es keinen schnellen Durchbruch bei der Ursachenforschung geben wird.

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