Politik Kommentar: Fragen an die IG Metall

Mit der Forderung eines teilweisen Lohnausgleichs im Fall verkürzter
Arbeitszeit hat die Gewerkschaft die Schraube ein Stück weit überdreht.
Seit Monaten steht die Bundesrepublik ohne wirklich handlungsfähige Regierung da, und jetzt droht dem Land auch noch ein harter Arbeitskampf in der größten Industriebranche mit 3,9 Millionen Beschäftigten. Gerät die Republik, die über Jahrzehnte als Hort der Stabilität galt, langsam aber sicher aus den Fugen? So weit ist es noch nicht. Und dass Tarifrunden in der Metall- und Elektroindustrie mitunter mit harten Bandagen geführt werden, ist nicht neu. Aber die derzeitige Eskalation des Tarifkonflikts wirft durchaus Fragen auf – die sich momentan vor allem an die IG Metall richten. Mit ihrer Forderung nach einem individuellen Rechtsanspruch auf eine zeitweise Verkürzung der Wochenarbeitszeit greift die Gewerkschaft zweifellos ein wichtiges gesellschaftspolitisches Thema auf. Darüber wäre, genauso wie über das Ausmaß der Lohnerhöhung, sicher bereits eine Einigung mit den Arbeitgebern möglich gewesen. Aber mit dem Verlangen, einem Teil der kürzer arbeitenden Mitarbeiter einen partiellen Lohnausgleich zukommen zu lassen, hat die IG Metall die Schraube ein Stück zu weit gedreht. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Gewerkschaft dieses Mal das Gespür dafür verlassen hat, was mach- und durchsetzbar ist. Oder will die IG Metall im Ernstfall tatsächlich zum unbefristeten Streik samt aller unabsehbaren Folgen aufrufen für eine Forderung, von der nur ein Teil der Beschäftigten profitieren würde und die zudem juristisch durchaus umstritten ist?