Belarus
Kolesnikowas zerrissener Reisepass
Das Verschwinden der belarussischen Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa und ihrer Begleiter gibt weiter Rätsel auf. Nun ist sie offenbar in Gewahrsam. Offizielle belorussische Stellen haben diesen Sachverhalt mitgeteilt: Kurz nach vier Uhr am Dienstagmorgen habe Kolesnikowas BMW einen weißrussischen Grenzkontrollpunkt vorschriftsmäßig passiert. Aber auf der Straße im Niemandsland zwischen Belarus und der Ukraine hätten die Insassen des Wagens eine Grenzpatrouille erblickt und seien in Panik geraten. „Das Auto beschleunigte heftig, gefährdete das Leben eines Soldaten und verließ das Gebiet der Republik Belarus“, erklärte ein Sprecher des weißrussischen Staatsgrenzkomitees dem Nachrichtenportal TUT.BY. „Dabei geriet die Kolesnikowa aus dem Fahrzeug, offenbar hat man sie hinausgestoßen.“
Laut dem Sprecher überstand die Politikerin den Sturz schadlos. Man habe sie festgenommen, um die näheren Umstände zu klären, hieß es weiter.
Kolesnikowa war am Montagvormittag im Minsker Stadtzentrum von maskierten Männern in Zivil in einen Kleinbus gezerrt worden. Am selben Tag verschwanden auch Iwan Krawzow und Anton Rodnenkow, wie Kolesnikowa Mitglieder des Kooperationsrates der Opposition. Beide saßen laut den Behörden mit Kolesnikowa in dem Pkw, der in den Zwischenfall der Grenze verwickelt war. Nach Angaben der Nachrichtenagentur UNIAN bestätigte der Staatsgrenzdienst der Ukraine, dass Krawzow und Rodnenkow die Grenze überquert hätten.
Der ukrainische Vize-Innenminister Anton Herashtchenko schrieb auf Facebook, die beiden seien gewaltsam aus ihrem Heimatland deportiert worden. „Aber es ist nicht gelungen, Maria Kolesnikowa aus Belarus auszuweisen, weil diese mutige Frau Maßnahmen dagegen ergriffen hat“, so der ukrainische Vize-Innenminister weiter. Die Verantwortung für das Leben und die Gesundheit der Politikerin trage Staatschef Alexander Lukaschenko persönlich. Der durch wochenlange Proteste gegen seine Wiederwahl unter Druck geratene Staatschef wiederum sagte am Dienstag russischen TV-Journalisten, Kolesnikowa habe wirklich in die Ukraine fliehen wollen, man habe sie zu Recht festgenommen.
Nicht nur in Minsk herrscht Unklarheit, ob die weißrussische Staatsmacht Katz und Maus mit Maria Kolesnikowa und ihren Mitstreitern spielt, um die Opposition zu demoralisieren. „Wo ist die Logik?“, fragt Maxim Snak, ebenfalls Mitglied des Kooperationsrates, laut der Agentur RIA Nowosti. „Wie kann sie fliehen und warum wird sie festgenommen, nachdem sie die Grenzkontrollen schon hinter sich hat?“
Manche vermuten, sie habe sich tatsächlich geweigert, Belarus zu verlassen. Dafür spricht auch die Aussage einer anonymen Quelle gegenüber der Agentur Interfax Ukraine, Kolesnikowa hätte vor der ukrainischen Grenze ihren Reisepass zerrissen, um ihre physische Deportation zu verhindern. Die 38-Jährige hatte vorher in Interviews mehrfach erklärt, sie würde nicht freiwillig ausreisen.
Auf jeden Fall wird die frühere Flötistin und Kulturmanagerin, die mehrere Jahre im westlichen Ausland lebte und fließend Deutsch spricht, immer mehr zur Symbolfigur der Protestbewegung. Das Organisationstalent mit der blonden Kurzhaarfrisur bildet mit Swetlana Tichanowskaja und Valeria Zepkalo ein Trio mit enormer Popularität. Seit Lukaschenkos umstrittenem Wahlsieg hält sich Tichanowskaja in Litauen auf, Zepkalo flüchtete nach Russland. Kolesnikowa blieb, auch als reihenweise andere Mitglieder des Koordinationsrates hinter Gitter landeten und zur Ausreise genötigt wurden.