Zum Muttertag
Kinder, Karriere, Corona: Wie die Mamas das wuppen
Chefin und Mama
Claudia Aßelmeyer (44), zwei Kinder, Mainz:
Ich liebe meinen Job, trotzdem habe ich mir in letzter Zeit manchmal gewünscht, einfach Mutter und Hausfrau zu sein. Wenn man ständig zwischen Homeoffice und Homeschooling jongliert, hat man irgendwann das Gefühl, niemandem mehr gerecht zu werden – weder meiner Familie mit meinen zwei Töchtern Lisa (9) und Lene (5), noch meinen Kolleginnen und Kollegen. Beim Mainzer Spezialglashersteller Schott bin ich für das Marketing von Covergläsern verantwortlich, darunter auch ein neues Glas, das bei faltbaren Smartphones eingesetzt wird. Ich leite ein Team von fünf Leuten. Einige von ihnen habe ich seit mehr als einem Jahr nicht mehr getroffen. Mir fehlen die Gespräche im Büro zwischen Tür und Angel. Der spontane Austausch geht verloren, wenn alle im Homeoffice arbeiten.
Mein Mann und ich haben uns die Familienarbeit schon immer geteilt. Wir haben bei beiden Kindern jeweils sieben Monate Elternzeit genommen, heute arbeiten wir beide 80 Prozent. Trotzdem habe ich seit Beginn der Pandemie das Gefühl, dass wieder mehr Hausarbeit an mir hängen bleibt, einfach, weil ich öfter von zu Hause aus arbeite. Dann bin ich natürlich diejenige, die sieht, dass der Kühlschrank leer ist oder die Waschmaschine ausgeräumt werden muss.
Als Familie hat uns die Krise enger zusammengeschweißt. Mein Mann und ich genießen es sehr, mehr davon mitzubekommen, was die Kinder machen. Homeschooling mit einer Drittklässlerin ist nicht immer die reinste Freude – man fühlt sich oft wie eine Antreiberin. Aber ich weiß heute viel besser, wo Lisas Stärken liegen und wo der Stoff ihr Probleme bereitet. Trotzdem macht mich das Ganze auf Dauer einfach müde. Ich bin froh, wenn wir hoffentlich bald wieder in unseren Wohnwagen steigen und einfach davonfahren können.
Weihnachten zu zweit
Ruth Feldner (43), ein Kind, Zweibrücken:
Der erste Lockdown 2020 war für mich super angenehm. Es war Frühling, durch den Abbau von Überstunden hatte ich zwei Monate komplett frei und deshalb viel Zeit für meine Tochter Norah, inzwischen zwölf. Wir wohnen auf dem Bauernhof meiner Eltern außerhalb der Stadt, und da ist es im Frühjahr wirklich genial, man erlebt die Natur hautnah mit. Das war eine stressfreie, schöne Zeit, wir waren viel draußen. Gartenarbeit, Holzmachen, Natur und Tiere erleben. Ich bin teilerziehend, das heißt, Norah lebt zu zwei Dritteln bei mir, zu einem Drittel bei ihrem Papa, wo es auch einen kleinen Bruder gibt. Sie hatte also Abwechslung, und wir beide saßen nicht die ganze Zeit dicht aufeinander, was auch der Harmonie guttat.
Über Weihnachten mussten wir in Quarantäne. Das war schon speziell, ich hatte ein bisschen Bammel davor, das ganze Weihnachtsfest zu zweit zu verbringen. Zudem hatte sich meine Mutter gerade das Wadenbein gebrochen und ich konnte nicht helfen. Dann kam Heiligabend, Norah und ich machten es uns zu Hause gemütlich, aßen lecker, packten Geschenke aus, spielten, tanzten, redeten, was soll ich sagen: Es war richtig schön, ein ganz besonderes Weihnachten. Wir sind erst gegen 4 Uhr morgens schlafen gegangen.
Wenn ich Homeoffice habe und Norah Homeschooling, sitzen wir uns am Schreibtisch gegenüber und motivieren uns gegenseitig. Das klappt meistens super. Ich würde sagen, wir sind bisher gut durch die Coronazeit gekommen. Wir haben einander – und keinen Grund zu jammern.
Chefin und kleine Kinder
Sabrina Hochmuth (35), zwei Kinder, Rheinzabern:
Im März 2020 hat sich von einem Tag auf den anderen unser Familienalltag geändert. Mein Mann ging ins Homeoffice, ich war noch in Elternzeit für Jonas (heute fast 2 Jahre alt), und Sophie (5) war plötzlich für zwölf Wochen daheim statt im Kindergarten. Wir hockten nun täglich 24 Stunden aufeinander. Ja, die Nerven lagen auch mal blank. Die Kinder brauchten Beschäftigung und Abwechslung, nebenbei geschäftliche Telefonate und Besprechungen. Da die Spielplätze gesperrt waren, verbrachten wir viel Zeit im Garten, sind geradelt und waren oft im Wald. Mit der Zeit haben wir schöne Plätze in unserer Umgebung entdeckt. Ich muss sagen, mein Mann und ich kennen unsere nähere Heimat jetzt viel besser!
Trotzdem, es war schon eine Herausforderung für uns alle. Kindern dieses Alters zu erklären, dass Papa zwar daheim ist, aber eben doch keine Zeit hat, ist nicht einfach. Kleine Kinder beschäftigen sich nicht einfach mal ein paar Stunden mit sich selbst.
Seit August 2020 arbeite ich wieder, derzeit drei Tage pro Woche. Ich bin Filialleiterin der VR Bank in Rheinzabern und betreue auch weiter meine Kunden. Dazu muss ich meist in der Filiale sein.
Ganz ehrlich, ohne die Unterstützung der Omas und Opas wäre das alles nicht zu schaffen. Als sie wieder einspringen konnten, war das eine Riesen-Erleichterung. An meinen Arbeitstagen ist Jonas einmal bei den einen Großeltern, mal bei den anderen; Sophie bringe ich morgens zum Kindergarten, abgeholt wird sie von Papa, Oma oder Opa. An meinen freien Tagen sind die Kinder daheim. Es hat sich mittlerweile alles eingependelt. Und mein Chef nimmt’s mit Humor, wenn bei einem Video-Meeting mal ein Kind durchs Bild läuft.
Doch ich merke auch, was fehlt. Meine Tochter wollte eine Zeit lang nicht mehr alleine einschlafen und träumte nachts schlecht, was wir so gar nicht von ihr kannten. Die Kinderärztin meinte, das sei Folge der Unregelmäßigkeiten im neuen Alltag. Sie durfte ja eine ganze Weile nur an den Tagen in die Notbetreuung, an denen ich arbeite. Auch ihren geliebten Vereinssport vermisst sie sehr. Kinder brauchen einfach andere Kinder.
Tochter, Mama, Oma
Doris Pfeifer (63), zwei Kinder, ein Enkelkind, Rieschweiler-Mühlbach:
2020 hat mich als Tochter, Mutter und Oma vor Herausforderungen gestellt. Meine jüngere Tochter wohnt mit ihrem Partner in Lorsch in Südhessen, meine ältere Tochter mit ihrem Partner und meiner Enkelin in Berlin. Normalerweise sehen wir uns alle regelmäßig. Auch nach Berlin, das ja nicht gerade um die Ecke liegt, fahre ich drei- bis viermal im Jahr, und ich bekomme genauso oft Gegenbesuche in der Pfalz. Dann kam der März 2020, und auf einmal war das alles weg, ich konnte die Kinder und meine damals fünfjährige Enkeltochter nicht mehr treffen, monatelang. Das war hart, da war die Sehnsucht oft riesengroß.
Dazu kam die Sorge um meine Mutter, die zwar im selben Ort lebt wie ich, die ich aber auch lange nicht mal in den Arm nehmen konnte. Wir haben uns alle streng an die Abstandsregeln gehalten, zu groß war die Angst, sie könnte sich anstecken.
Mit meiner Enkelin in Berlin habe ich ein schönes Ritual gefunden: Wir haben jeden Abend telefoniert. Martha, so heißt sie, wie meine Mutter, hat sich in den Sessel gekuschelt, und ich habe ihr vorgelesen, Otfried Preußler, Das kleine Gespenst, Der kleine Wassermann, Klassiker. „Oma Dodo, meine Geschichte“, sagte Martha immer, ein Satz, der mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Auf diese Telefonate haben wir uns immer richtig gefreut und sie auch beibehalten, nachdem Besuche zwischendurch wieder erlaubt waren.
Ob ich der Corona-Zeit auch etwas Gutes abgewinnen kann? Vielleicht, dass ich persönliche Kontakte jetzt noch mehr schätze, sie als wertvoller und intensiver empfinde. Und ich bin natürlich glücklich, dass es meiner Mutter gut geht und sie demnächst ihren 90. Geburtstag feiern kann. Wir sind beide inzwischen geimpft, also wird sie dann auch fest gedrückt.
Im Schichtdienst
Rebecca Staab (40), zwei Kinder, Schifferstadt:
Es war noch nie leicht, den Schichtdienst als Krankenschwester mit den Bedürfnissen einer vierköpfigen Familie in Einklang zu bringen. Ein Vorteil ist, dass ich Teilzeit arbeite, in der Regel nachts: Alle elf Tage habe ich vier Nachtdienste hintereinander, häufig von abends 20.40 Uhr bis 6.15 Uhr morgens. Das heißt, ich gehe abends, wenn zu Hause das meiste erledigt ist, und bin wieder zurück, wenn die Kinder in den Tag starten. Natürlich muss ich irgendwann schlafen, was bedeutet, dass sich in der Zeit mein Mann um unseren 13-jährigen Sohn und die elfjährige Tochter kümmert und auch abdeckt, falls ich Überstunden machen muss. Er kann viel von daheim aus arbeiten und übernimmt einiges im Haushalt, das ist eine Erleichterung.
Andererseits: Es kann niemand anderes bei der Betreuung einspringen, weil wir sehr vorsichtig sind, auch innerhalb der Familie gegenüber den Eltern, den Schwiegereltern und den Geschwistern. Als Krankenschwester bin ich vielleicht zurückhaltender als andere. Ich selbst arbeite zwar nicht direkt mit Covid-Patienten, doch bekomme ich über die Kolleginnen und Kollegen mit, was diese Krankheit anrichten kann. Auch auf meiner Station mussten wir Abläufe umstellen und der Situation anpassen, was mit deutlich mehr Aufwand und Stress verbunden ist. Damit muss man bei aller Routine erst mal klarkommen.
Die Kinder bewerkstelligen Schule und Wechselunterricht zum Glück weitgehend selbstständig, sie sind ja auch nicht mehr ganz klein. Aber hin und wieder muss ich schon ein Auge darauf haben, was sie so treiben. Klar langweilen sie sich, weil sie ihre Freunde nicht treffen und das Training nur online stattfindet. Als Eltern würden wir ihnen gern mehr bieten, aber es ist ja fast alles geschlossen. Das ist anstrengend für alle. Was mir persönlich sehr zu schaffen macht, ist die Distanz selbst gegenüber nächsten Angehörigen. Zum Beispiel, dass ich meine Geschwister nicht mehr in den Arm nehmen kann. Oder dass ich Menschenansammlungen meide. Ich hoffe, dass sich das mit dem Impfungen ändert, doch ich befürchte, dass viele weiterhin Angst haben werden, sich anzustecken.
Die Freiberuflerin
Lena Ehrhardt (43), zwei Kinder, Zweibrücken:
2020 war für mich das Jahr der Spätschichten. Ich bin freiberufliche Übersetzerin, lese Korrektur für verschiedene Auftraggeber in aller Welt. In der Regel habe ich morgens zwischen 10 und 11 Uhr Deadline, muss immer irgendwas abgeben. Da wird es eh oft eng, aber als zusätzlich zum Homeoffice – das ich immer habe – über Wochen Homeschooling angesagt war, kam ich in die Bredouille. Daniel ist elf und arbeitet schon recht selbstständig, Sarah ist acht und noch in der Grundschule, da musste ich öfter mal die Aushilfslehrerin geben. Mein Mann ist Berufsschullehrer, hatte aber fast nur Abschlussklassen und war deshalb so gut wie immer in der Schule. Da mir die Stunden am Morgen zum Arbeiten also wegfielen, habe ich mich sehr oft abends noch mal an den Rechner gesetzt, so von 19 Uhr bis kurz vor Mitternacht war Standard. Ich arbeite auch ohne Corona manchmal abends, aber lange nicht so oft wie zu dieser Zeit. Ganz am Anfang ging es von der Zeit her noch, da brachen mir viele Aufträge weg, etwa aus der Tourismusbranche. Für meine Nerven war das aber auch nicht gut. Das Los des Freiberuflers: Man hat immer entweder zu wenig oder zu viel zu tun. Zu viel wurde es dann auch relativ schnell wieder, weil dann viele IT-Sachen dazu kamen.
Das Schönste am Lockdown ist gleichzeitig das Schlimmste am Lockdown: Ich habe viel Zeit mit meiner Familie verbracht – Fahrrad fahren, gemeinsame Fernseh- und Spieleabende, lange Spaziergänge – das war super. Die Kehrseite der Medaille: Wenn man sieben Tage die Woche 24 Stunden aufeinanderhockt, liegen irgendwann die Nerven blank, das ist einfach so, so gerne man seine Lieben auch um sich hat. Aber was soll’s, es gibt Schlimmeres, wir haben uns an den Ausnahmezustand gewöhnt, obwohl ich nicht gedacht hätte, dass er so lange anhält. Beide Kinder sind zum Glück Leseratten, beschäftigen sich stundenlang mit Büchern. Aber wir freuen uns alle auf Schwimmbadbesuche, Freizeitparks, Kino, Shoppen und so weiter, mit so vielen Leuten wie man will, ohne eine Auswahl treffen zu müssen.