Politik
Kiews riskantes Spiel in Afrika
Am Sonntag ist der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba einmal mehr nach Afrika gereist, um für Unterstützung für sein Land zu werben. Er besuchte im Süden des Kontinents Malawi, Sambia und Mauritius, Länder also, die zuletzt bei UN-Resolutionen zum Ukraine-Krieg gegen Russland gestimmt haben. Es ist Kulebas vierte Afrika-Reise seit Beginn der Invasion.
Im Westen Afrikas ist Kuleba derzeit deutlich weniger willkommen. Am Montag gab die Militärjunta in Mali bekannt, die diplomatischen Beziehungen zur Ukraine „mit sofortiger Wirkung“ abzubrechen. Grund sei „die Beteiligung der Ukraine an einem feigen, tückischen und barbarischen Angriff bewaffneter Terrorgruppen“, der zum Tod malischer Soldaten geführt hatte, hieß es in einer Erklärung des Junta-Generals Abdoulaye Maiga.
Ende Juli hatten separatistische Rebellen der Tuareg-Ethnie nach eigenen Angaben 47 malische Soldaten sowie 84 Söldner der russischen Wagner-Gruppe bei Kämpfen an der Grenze zu Algerien getötet. Die Zahlen wurden weder von Wagner noch von Mali bestätigt. Wagner vermeldete allerdings den Tod eines Kommandanten.
Mit „notwendigen Informationen“ versorgt
Es ist unstrittig, dass Dutzende Soldaten und Söldner getötet wurden, dokumentiert durch Videos, die in den sozialen Medien kursieren. Wagner hat ohne Frage die schwerste Niederlage erlitten, seit es vor zwei Jahren Frankreich aus der Führungsrolle bei der Bekämpfung von Malis aufständischen Gruppen verdrängt hat.
Nur einen Tag nach Bekanntwerden der malischen und russischen Verluste teilte Andrii Yusov, Sprecher des ukrainischen Militärgeheimdienstes, über die Nachrichten-App „Telegram“ per Video mit, man habe die Rebellen mit „notwendigen Informationen versorgt, die eine erfolgreiche Militäroperation gegen russische Kriegsverbrecher ermöglichten“. Mit diesem Eingeständnis begründet Mali nun den Abbruch der diplomatischen Beziehungen.
Umso überraschender mutete am Montag die entrüstete Reaktion aus Kiew an. Mali habe die Beziehungen „ohne eine gründliche Untersuchung der Fakten und Umstände des Vorfalls“ abgebrochen, teilte das ukrainische Außenministerium mit. Die Ukraine halte sich „bedingungslos an die Normen des Völkerrechts, die Unverletzlichkeit der Souveränität und die territoriale Integrität anderer Länder“, heißt es in der Erklärung. Malis Entscheidung sei erfolgt, „ohne Beweise für die Beteiligung der Ukraine an dem genannten Ereignis zu liefern“.
In Westafrika sieht man das anders – und zwar weit über Malis Grenzen hinaus. In einer Erklärung am Montagabend verurteilte die „Wirtschaftsgemeinschaft der westafrikanischen Staaten“ (ECOWAS) „jeden Versuch, die Region in aktuelle geopolitische Konfrontationen zu ziehen“. Der regionale Block, den Mali im Januar verließ, drückte „seine feste Missbilligung und Verurteilung jeder ausländischen Einmischung in die Region aus, die eine Bedrohung für den Frieden und die Sicherheit in Westafrika darstellen könnte“. Es war eine klare Botschaft an die Ukraine. Nicht an Russland.
Botschafter einbestellt
Am Samstag wurde der ukrainische Botschafter in Malis Nachbarland Senegal von der dortigen Regierung einbestellt, weil er Yusovs Video auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hatte. Er habe, so teilte das senegalesische Außenministerium mit, seine „unmissverständliche und uneingeschränkte Unterstützung für den Terroranschlag“ in Mali geäußert.
Der dortige Präsident Bassirou Diomaye Faye war nach einem anti-westlichen Wahlkampf im April gewählt worden, verfolgte aber seitdem eine eher zentristische Politik. Frankreich versucht unter allen Umständen, ein Zerwürfnis wie mit vielen anderen Staaten der Region zu vermeiden.
Ulf Laessing, Leiter des Regionalprogrammes Sahel der Konrad-Adenauer-Stiftung, hält das ukrainische Vorgehen in Mali für unklug. „In der Sahelzone und Teilen Westafrikas herrscht eine weit verbreitete pro-russische Stimmung, daher verstehe ich nicht, wie die Ukrainer glauben konnten, sie würden Sympathien gewinnen, wenn sie behaupten, sie hätten zur Tötung von Dutzenden Russen beigetragen“, sagte er im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Lessing weiter: „Wie die Ukraine nicht erkannt hat, dass sie mit ihren Behauptungen ein Fass ohne Boden aufmacht, ist mir schleierhaft.“