Politik Kürzer arbeiten – mal so, mal so

In der Metallindustrie sorgt das Thema Arbeitszeit für heftigen Streit – Die IG BCE wirbt für „Potsdamer Modell“
Die IG Metall möchte, dass in der Metall- und Elektroindustrie die Wochenarbeitszeit in Zukunft befristet verkürzt werden kann. In der Chemieindustrie ist man da schon einen Schritt weiter. Das finden sie gar nicht lustig. Ausgerechnet heute, wo die IG BCE auf ihrem Bundeskongress ihr Führungspersonal neu wählen will, präsentiert der IG-Metall-Vorstand seinerseits die Forderungsempfehlung für die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie. Bei den Chemie-Kollegen wird das als Verstoß gegen die verbandsinterne Etikette gewertet. Abgesehen von der zeitlichen Kollision wird auch in der Chemie mit Interesse verfolgt, mit welchen Wünschen die Metall-Gewerkschafter in ihre Tarifverhandlungen ziehen. Schließlich geht es nicht nur um mehr Geld – die Forderung der IG Metall dürfte sich in der Größenordnung um sechs Prozent bewegen. Zudem will die größte deutsche Einzelgewerkschaft ein tarifpolitisch heißes Eisen anpacken: Künftig sollen alle Beschäftigten die Möglichkeit haben, ihre wöchentliche Arbeitszeit für die Dauer von bis zu zwei Jahren auf bis zu 28 Stunden zu reduzieren. Dabei sollen bestimmte Beschäftigtengruppen einen Entgeltausgleich erhalten. So heißt es in der Forderungsempfehlung des für Rheinland-Pfalz zuständigen Bezirks Mitte, dieser Ausgleich solle für besonders belastende Arbeiten in Form zusätzlicher Freischichten gewährt werden. Und wer die freie Zeit nutze, um seine Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen, solle einen „Teilentgeltausgleich“ erhalten. Zudem möchte die IG Metall im Tarifvertrag das Recht auf Rückkehr in die Vollzeit festschreiben. Die Metall-Arbeitgeber ziehen seit Wochen gegen solche Forderungen zu Felde, werden sie auch heute wieder mit Nachdruck zurückweisen. Eine Verkürzung der Arbeitszeit, so ihre Kritik, werde den Mangel an Arbeitskräften weiter verschärfen. An diesem Punkt allerdings driften die Ansichten im Arbeitgeberlager auseinander. Denn in der ostdeutschen Chemieindustrie wurde im Frühjahr ein Tarifvertrag vereinbart, der Arbeitszeitverkürzungen vorsieht – und der von den Arbeitgebern mitgetragen wird. Gerade Betriebe im Osten bekommen die Folgen des demografischen Wandels schon heute deutlich zu spüren. Aus Sicht der Arbeitgeber eröffnet das neue Abkommen die Chance, die Branche für dringend gesuchte Nachwuchs- und Fachkräfte attraktiver zu machen. Ob sich diese Hoffnungen erfüllen, wird sich zeigen, wenn das „Potsdamer Modell“ 2019 in Kraft tritt. Konkret sieht das Abkommen, das der scheidende IG-BCE-Tarifvorstand Peter Hausmann gestern als „Modell für die Zukunft und für andere Branchen“ pries, vor, dass die wöchentliche Arbeitszeit in Betrieben der Ost-Chemie zwischen 32 und 40 Stunden schwanken kann. Die genaue Höhe können Unternehmen und Betriebsrat in einer Betriebsvereinbarung festlegen – wobei nicht alle Mitarbeiter gleich lange arbeiten müssen. Die Arbeitszeit könne „in Schicht oder Verwaltung dauerhaft unterschiedlich sein“, unterstrich Hausmann. Zudem können einzelne Mitarbeiter eine persönliche „Wahlarbeitszeit“ vereinbaren; auch hier bilden die 32 Stunden die Untergrenze. Anders als dies die IG Metall fordert, sieht der Chemie-Vertrag keinen Lohnausgleich vor – wer kürzer arbeitet, verdient auch weniger. Allerdings gibt es in der Chemie schon heute Altersfreizeiten: Wer 55 Jahre oder älter ist, kann – ohne Lohneinbußen – seine wöchentliche Arbeitszeit um zweieinhalb Stunden, im Falle von Schichtarbeit um dreieinhalb Stunden verringern. Gut möglich, dass das „Potsdamer Modell“ auch in den im nächsten Sommer anstehenden bundesweiten Chemie-Tarifverhandlungen eine Rolle spielen wird. Wobei die Ausgangslage eine andere ist: Während im Westen die Wochenarbeitszeit 37,5 Stunden beträgt, gilt in der Ost-Chemie noch immer die 39-Stunden-Woche. Mit „Potsdam“ soll diese Differenz schrittweise abgebaut werden. Denn in Unternehmen, in denen die Betriebsparteien keine Einigung über die Arbeitszeit erzielen, sinkt diese bis 2023 auf 37,5 Stunden.