USA
Joe Biden – der Alte ohne Alternativen
Der Mann hat in seinem Leben mehr erreicht, als er erwarten durfte. Eigentlich könnte er nun bei schönem Wetter mit seiner Frau die Fahrräder aus der Garage des hübschen blauen Strandhauses in Rehoboth Beach holen und durch den Cape Henlopen Park radeln. Oder seine sieben Enkel besuchen. Stattdessen sitzt Joe Biden jeden Morgen am Schreibtisch des Oval Office und lässt sich über die Weltlage informieren, wenn er nicht längst im Land auf Achse ist oder – wie an diesem Dienstag in Warschau zum Jahrestag des russischen Ukraine-Überfalls eine Rede hält. Im November ist er 80 Jahre alt geworden. Doch der amerikanische Präsident wirkt kämpferischer denn je. „Wir sind noch nicht fertig“, rief er vor zwei Wochen bei der „State of the Union“ den versammelten Abgeordneten und Senatoren im Kongress zu, breitete ein ambitioniertes Regierungsprogramm aus und drängte die Parlamentarier: „Lasst uns den Job zu Ende bringen!“
Der „Job“ ist für Biden viel mehr als der Höhepunkt einer langen Karriere. In seinen Augen geht es heute um nicht weniger als die Rettung der amerikanischen Demokratie: „Jede Generation von Amerikanern hat Momente erlebt, in denen sie ihre Demokratie schützen und verteidigen muss“, mahnt er: „Nun sind wir an der Reihe.“
Affäre um verschlampte Regierungsdokumente
So redet niemand, der ans Aufhören denkt. Und tatsächlich sind sich die meisten Beobachter in Washington einig: Biden strebt ab 2024 eine zweite Amtszeit an. Biden selbst schweigt bislang zu seinen Ambitionen. Eigentlich wollte er sich um den Jahreswechsel erklären. Doch dann kochte die Affäre um seine verschlampten geheimen Regierungsdokumente hoch. Offenbar wollen seine Berater erst einmal etwas Gras über die Sache wachsen lassen. Nun ist von März oder April die Rede.
Doch bei einem kleinen Parteitag der Demokraten in Philadelphia Anfang dieses Monats gab es schon einmal einen Vorgeschmack. „Hallo, Demokraten!“, rief der Präsident da zur Begrüßung in den Ballsaal des Sheraton-Hotels. „Four more years!“ (Vier weitere Jahre!), schallte es zurück. Nach den unerwarteten Erfolgen seiner Partei bei den Zwischenwahlen erlaubte sich der Redner einen kleinen politischen Siegestanz. Stolz zählte er seine Erfolge vom Infrastrukturgesetz über die niedrigen Arbeitslosenzahlen bis zur angestrebten Senkung der Arzneikosten auf, um hinzuzusetzen: „Aber wir müssen noch viel mehr tun!“ „Four more years!, tobte der Saal.
„Ich höre aus guten Gründen keinerlei Spekulationen über irgendjemand, der in unserer Partei gegen ihn antreten will“, sagte Phil Murphy, der Gouverneur von New Jersey: „Was ich hier sehe, ist ein Kerl, der immer noch in Bestform ist.“ Ziemlich einsam drehte derweil draußen auf der Straße ein Laster mit einer Leuchttafel seine Runden. Er war von einigen Parteilinken gemietet worden. „Trete nicht an, Joe!“, stand darauf.
Magere Zustimmungswerte um 42 Prozent
Die demonstrative Unterstützung der Demokraten für Biden kontrastiert nicht nur mit höchst kritischen Äußerungen aus der Partei zu dessen Person vor wenigen Wochen. Sie widerspricht auch dem öffentlichen Stimmungsbild. In Umfragen kommt der Präsident auf magere Zustimmungswerte um 42 Prozent. Von den Vorgängern wurde zur Halbzeit nur Donald Trump schlechter beurteilt. Befragt man die Wähler der Demokraten, erklären zwar 77 Prozent, dass Biden viel erreicht habe. Doch für die Zukunft wünschen sich 58 Prozent einen anderen Kandidaten.
Eigentlich ist dies ein klares Meinungsbild. Dass trotzdem alles auf eine erneute Kandidatur von Biden und damit vieles auf eine Wiederholung des Duells mit Donald Trump von 2020 hindeutet, führt David Graham vom Magazin „The Atlantic“ auf ein Paradoxon zurück: „Biden wird solange antreten, wie er keine plausible Alternative sieht. Aber solange er antritt, kann unmöglich eine Alternative entstehen.“
Tatsächlich scheint Biden davon überzeugt zu sein, dass er am besten das Land versöhnen, die verlorene Arbeiterschaft für seine Partei zurückgewinnen und die Demokratie gegen rechte Zersetzungsversuche verteidigen kann. Der Wahlerfolg gegen Trump und das unerwartet gute Resultat der Midterms im November scheinen dem Mann, der eine beeindruckende Lebensgeschichte und ein halbes Jahrhundert Kongresserfahrung mit sich bringt, Recht zu geben.
Unbeeindruckt von Umfragen und Kritikern
Wenn der 80-Jährige mit der Ray-Ban-Sonnenbrille auf der Nase aus dem Hubschrauber klettert und an den wartenden Reportern schmunzelnd vorbei in Richtung Westflügel des Weißen Hauses stakst, hat man zudem den Eindruck, dass ihm der mächtigste Job der Welt Spaß macht. Im Grunde hat er sein ganzes Leben darauf hingearbeitet. „Meine Frau sah mich immer am Supreme Court“, sagte er selbstbewusst schon 1974 dem „Washingtonian“-Magazin: „Aber ich weiß, dass ich ein guter Senator bin und ein guter Präsident wäre.“
Damals war Biden 31 Jahre alt. Zwei Jahre zuvor war er als jüngster Senator aller Zeiten in die zweite Kongresskammer gewählt worden. Kurz darauf hatte er seine Frau Neilia und die 18 Monate junge Tochter Amy bei einem Autounfall verloren. Der Witwer kümmerte sich alleinerziehend um seine beiden Söhne und pendelte täglich die 150 Kilometer lange Bahnstrecke zwischen seiner Heimatstadt Wilmington und der Hauptstadt Washington hin und her. Dann lernte er seine heutige Frau Jill kennen, die er 1977 heiratete. Zweimal bemühte er sich in den folgenden Jahren vergeblich um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Als Vizepräsident wollte er sich im dritten Anlauf 2016 für die Obama-Nachfolge bewerben. Doch dann warf ihn der Krebstod seines Sohnes Beau aus der Bahn. Biden verzichtete auf eine Bewerbung. Vier Jahre später schaffte er, was Hillary Clinton misslungen war: Er besiegte Donald Trump.
„Gesund“ und „kraftvoll“
Diese Lebensgeschichte mag erklären, weshalb sich der Mann im Weißen Haus von Umfragen und Kritikern nicht beeindrucken lässt. Zudem drängt sich keine überzeugende personelle Alternative auf. Die natürliche Nachfolgerin, Vizepräsidentin Kamala Harris, blieb in der ersten Hälfte ihrer Amtszeit blass und hinterließ keinerlei politische Spuren. Sie wäre wohl die Garantin für eine Wahlniederlage.
Andere denkbare Kandidaten haben ein ähnliches Profil wie Biden, aber weniger Bekanntheit und Ausstrahlung. Vor allem eins spricht gegen Biden: sein Alter. Schon jetzt ist er der älteste Präsident aller Zeiten. Bei einer Wiederwahl stünde er kurz vor dem 82. Geburtstag, am Ende der nächsten Amtszeit wäre er 86. Zwar hat er gerade seinen jährlichen Gesundheits-Check-Up absolviert, und sein Leibarzt Kevin O’Connor hat bescheinigt, dass der 1,83 Meter große und 80 Kilogramm schwere Senior „gesund“ und „kraftvoll“ ist.
Doch der öffentliche Eindruck ist bisweilen anders. Da verhaspelt sich der Mann, der als Kind stotterte, öfter als früher. Er hustet häufig und geht steif (was der Leibarzt wohl mit der Wirbelsäulenarthritis erklären würde). Insgesamt wirkt er manchmal etwas unkonzentriert.
Hotline des Weißen Hauses vergessen
„Ich habe einen Frosch im Hals“, begann er Ende Januar einen Auftritt vor 250 Bürgermeistern im East Room des Weißen Hauses. Biden war bestens gelaunt und genoss sichtlich die Gesellschaft der meist pragmatischeren Kommunalpolitiker. „Ihr wisst, wie man Sachen hinkriegt“, schmeichelte er seinen Zuhörern, um bald das Manuskript hinter sich zu lassen und 50 Minuten lang von Anekdote zu Anekdote zu mäandern. Doch einige seiner Sätze endeten im Nirwana, und die Nummer der Hotline des Weißen Hauses musste ihm souffliert werden: „Ich habe sie vergessen“.
So geht das öfter bei Bidens öffentlichen Terminen. Mal verwechselt er den Vornamen eines engen politischen Weggefährten, mal gehen ihm ein paar Zahlen durcheinander. Und manchmal werden – wie am vergangenen Donnerstag – aus „Experten“, die Einzelteile des chinesischen Spionageballons untersuchen, plötzlich „Exporte“ der Komponenten.
Das alles wirkt im Vergleich zu den monströsen Unwahrheiten und Lügen, die Trump pausenlos von sich gibt, wenig dramatisch. Doch Politikberater der Demokraten sorgen sich schon, wie ein nuschelnder oder fahriger Biden in Fernsehduellen mit möglichen republikanischen Herausforderern wie der 29 Jahre jüngeren Nikki Haley oder dem 36 Jahre jüngeren Ron DeSantis herüberkäme.
„Schauen Sie mich an!“, bürstet Biden alle Fragen nach seiner Befähigung für eine zweite Amtszeit ab. Dabei dürfte ihm die Problematik bewusst sein. Als 29-jähriger Nobody hatte er nämlich 1972 in seinem Heimatstaat Delaware den amtierenden republikanischen Senator Caleb Boggs herausgefordert, der ein Vierteljahrhundert Erfahrung im Kongress und im Gouverneursamt aufwies. Entgegen allen Prognosen gewann Biden.