Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Interview mit Pfalzmetall-Präsident Heger: „Die Metall- und Elektroindustrie steht am Anfang einer Krise“

Verbandschef und Unternehmer: Johannes Heger von einer Gusspfanne in seiner Gießerei.
Verbandschef und Unternehmer: Johannes Heger von einer Gusspfanne in seiner Gießerei. Foto: Beylemans

An diesem Donnerstag feiert der Verband der pfälzischen Metall- und Elektroindustrie, kurz Pfalzmetall, sein 100-jähriges Bestehen. Anlass für Klaus Hofter und Ralf Joas, mit Pfalzmetall-Präsident Johannes Heger über den Verband, die Lage der Branche und Konflikte mit der IG Metall zu sprechen.

Herr Heger, weshalb sollte ein Unternehmer heutzutage Mitglied in Ihrem Verband werden?
Weil es sich lohnt, unsere Interessen gemeinsam zu vertreten. Das gilt zum einen gegenüber der Gewerkschaft, mit der wir gemeinsam die Arbeit in unseren Betrieben gestalten müssen. Zum anderen gilt das für unser Auftreten gegenüber der Politik, um die für uns besten Standortbedingungen zu erreichen. Und natürlich bietet der Verband viele Dienstleistungen, beispielsweise im Arbeitsrecht oder der Arbeitswissenschaft. Pfalzmetall hat sich bewährt! Der Verband ist 1919, in schwierigen Zeiten, entstanden. Auch aktuell werden die Rahmenbedingungen wieder schwieriger. Unternehmen bietet ein Verband wie Pfalzmetall da viele Vorteile.

Nutzen heutzutage viele Unternehmen die Möglichkeit, Mitglied zu werden, oder entscheiden die sich, wenn überhaupt, für die sogenannte OT-Mitgliedschaft, das heißt Mitglied zu sein, ohne der Tarifbindung zu unterliegen?
Bei Pfalzmetall ist die große Mehrheit der Mitgliedsunternehmen immer noch tarifgebunden. Das gilt für die Anzahl der Unternehmen wie für die dort Beschäftigten. Konkret stehen 39.000 Beschäftigte in tarifgebundenen Unternehmen 4000 in OT-Betrieben gegenüber. Die Herausforderung für die Zukunft besteht darin, neben den großen Unternehmen auch kleine und mittlere Unternehmen an den Verband zu binden.

Warum ist das so schwierig?
Kleine Unternehmen und Start-ups kennen häufig noch nicht die Probleme, die in Arbeitsbeziehungen entstehen können, und wo dann Gestaltung erforderlich ist. Da müssen wir Überzeugungsarbeit leisten. Bei mittleren Unternehmen ist es oft so, dass sie in einer OT-Mitgliedschaft ihre Flexibilität suchen, die sie im immer komplizierter werdenden Tarifvertrag nicht mehr finden. Die brauchen diese Flexibilität, und das müssen wir auch akzeptieren.

Die IG Metall wirft den Arbeitgeberverbänden allerdings vor, durch die OT-Mitgliedschaft der Flucht aus dem Flächentarif Vorschub zu leisten.
Am besten wäre es doch, wir würden für alle attraktive Tarifverträge abschließen. Deshalb sollten sich Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam darum bemühen, diese Verträge einfacher zu machen, sie zu entfrachten. Wir sollten im Flächentarif nicht mehr nur den Goldstandard absichern, weil der nicht von allen Unternehmen jederzeit erwirtschaftet werden kann. Stattdessen müssen wir wieder vermehrt Mindeststandards regeln. Eine Überlegung ist auch, Tarifverträge modular aufzubauen. Das heißt, nicht jedes Unternehmen müsste alle Bestandteile eines Tarifvertrags übernehmen, wäre aber dennoch tarifgebunden. Diesen Weg müssen wir in Zukunft gehen.

OT-Mitgliedschaften sind nicht das einzige Thema, über das Arbeitgeber und IG Metall derzeit streiten. Generell war die Stimmung zwischen beiden Seiten schon einmal besser. Was ist da zurzeit los?
In beiden Organisationen haben wir es einerseits mit ehrenamtlichen Vertretern und dem Vorstand und andererseits mit den Mitgliedern zu tun. Vielleicht müssen beide Seiten mehr darauf hören, was die Mitglieder verlangen, welche Stimmung bei denen herrscht. Ein Grund dafür, dass wir derzeit stärker aufeinanderprallen, sind die Tarifabschlüsse der vergangenen Jahre. Sie lagen über der Produktivitätsentwicklung, das heißt sie sind teuer, zudem sind sie viel komplizierter geworden.

Hat die verschärfte Tonlage auch schlicht mit der schwieriger gewordenen wirtschaftlichen Situation zu tun?
Ich glaube schon. Wir haben eine lang anhaltende gute Phase erlebt, wir können fast schon von einem goldenen Jahrzehnt reden. Da wachsen auf beiden Seiten die Begehrlichkeiten. Da werden auch Dinge akzeptiert, die einem in einer Krise wieder auf die Füße fallen. Das gilt es zu korrigieren und anzupassen.

Wie wirken sich die Handelskonflikte und der Brexit auf die Geschäfte Ihrer Branche aus?
Wir haben momentan einen Dreiklang aus Konjunkturabschwung, Strukturwandel und steigenden Kosten am Standort. Nimmt man diese drei Herausforderungen, zu denen auch die Handelskonflikte und der Brexit gehören, zusammen, entsteht daraus ein giftiger Cocktail. Das spüren wir gerade. Die Metall- und Elektroindustrie steht am Anfang einer Krise. Wir merken es, weil sich die Produktion und der Auftragseingang abschwächen und weil erstmals seit geraumer Zeit die Anzahl der Mitarbeiter leicht sinkt. Generell reiht sich im Moment eine schlechte Nachricht an die andere.

Und dann kommen noch regionale Krisenherde wie die gesperrte Rheinbrücke in Ludwigshafen dazu. Wie macht sich die Verkehrssituation in Rheinland-Pfalz in Ihrer Branche bemerkbar?
Wie isoliert eine Region dasteht, wenn eine Rheinbrücke nicht mehr funktioniert, haben wir in Mainz erlebt und erleben es jetzt in Ludwigshafen, weil ganz wichtige Anknüpfungspunkte an Nachbarregionen verloren gehen. Gerade für Rheinland-Pfalz sind gute Anbindungen daher extrem wichtig. Vor allem im täglichen Miteinander, beispielsweise mit Blick auf die Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes für die Mitarbeiter, sind Störungen in der Verkehrsinfrastruktur eine große Belastung.

Rechnen Sie aufgrund der von Ihnen beschriebenen Probleme mit einem spürbaren Abbau von Arbeitsplätzen in der Pfalz?
Wir sehen einerseits die Chance, die neue Technologien bieten. Aber bei einem Strukturwandel finden Verschiebungen statt und wir werden erleben, dass einzelne Standorte schrumpfen müssen und an anderen Stellen Neues entsteht. Wir müssen dafür sorgen, dass das möglichst in der Pfalz, in Rheinland-Pfalz passiert, auch mit Blick auf die Mitarbeiter.

Um in einer künftigen Krise möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten, will der Bundesarbeitsminister Kurzarbeit erleichtern. Die IG Metall will Kurzarbeit mit Qualifizierung verbinden, plädiert für ein Transformations-Kurzarbeitergeld. Was halten Sie davon?
Davon halte ich sehr wenig. Mit dem Konjunktur-Kurzarbeitergeld können wir konjunkturelle Schwankungen überbrücken, mit dem Transfer-Kurzarbeitergeld Strukturanpassung abfedern. Das Qualifizierungschancengesetz überbrückt Qualifizierungslücken. Diese Instrumente reichen aus. Das Transformations-Kurzarbeitergeld indes soll auf die Vermittlung von Qualifikationen zielen, für die es im Betrieb gar keine Verwendung gibt. Deshalb brauchen wir dieses Instrument nicht, zumal es notwendige Strukturanpassungen verhindern könnte. Für mich ist das Transformations-Kurzarbeitergeld eine Sozialleistung und kein Qualifizierungsinstrument. Besser wären Anpassungen beim Konjunktur-Kurzarbeitergeld, indem zum Beispiel die Beitragslasten gesenkt werden. Das hat sich in der vergangenen Krise bewährt.

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