in eigener Sache
Informieren, Erklären, Einordnen: Was Journalismus tun muss
Der Journalismus steht in der Kritik. Die einen sagen, er sei willfährig und staatstreu, vertrete nur einen „Mainstream“ und keine Vielfalt. Derzeit sind es vor allem die Kritiker der Corona-Politik und die Impfgegner, die so reden. Neuerdings gesellen sich die Anhänger Wladimir Putins dazu. Beides sind kleine Minderheiten. Aber das wollen sie nicht wahrhaben. Deren Überzeugung ist: Die anderen lassen sich „verdummen“ – von den Regierenden, von den Medien. So einfach ist es also, die Mehrheit und die Medien zu diskreditieren. Dass die Mehrheit der Bevölkerung, der Wissenschaftler, der Journalisten aus Einsicht in nachprüfbare Fakten, aus Vernunft so denkt und handelt, wie sie es tut, wird ausgeschlossen.
Die anderen Kritiker der Journalisten sagen, diese seien zu negativ, hätten keinen Sinn für gute Nachrichten, weil sich ja nur die schlechte Nachricht verkaufen lasse. Deshalb hätten die Medien großen Anteil daran, dass Demokratie und Politik einen schweren Stand in der Bevölkerung hätten und dass Unzufriedenheit und Egoismus wüchsen.
Wir sind keine Missionare
Weder das eine noch das andere stimmt. Medien, die entweder willfährig oder nur negativ kritisch sind, haben in unserer Gesellschaft kaum eine Überlebenschance. Denn die Mehrheit der Bevölkerung hielte sie für einseitig und unglaubwürdig. Unglaubwürdige Medien aber finden nur wenige Käufer.
Die Redaktionen der RHEINPFALZ und der RHEINPFALZ am SONNTAG haben einen klaren Auftrag. Wir wissen: Wir sind keine Missionare, keine Besserwisser. Nicht Verändern oder gar Beeinflussen ist unser Ziel, sondern Informieren, Erklären und Einordnen. Wir haben keine parteiischen Absichten. Wir sind nicht die Vierte Gewalt im Staate, auch wenn das beharrlich behauptet wird, sogar von manchen Journalisten selbst. Wir haben eine Wächter- und Kontrollfunktion. Mit unseren Kommentaren wollen wir zur Meinungsbildung beitragen – nicht mehr, nicht weniger.
Demokratie braucht informierte Bürger
Informierte und meinungsfreudige Menschen sind besser zur gesellschaftlichen Teilhabe befähigt und solche Menschen sind unabdingbar für eine freie, demokratische Gesellschaft. RHEINPFALZ-Redakteurinnen und -Redakteure wollen mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass Frieden, Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Gerechtigkeit und Allgemeinwohl bewahrt und gestärkt werden. Das ist ein hoher Anspruch. Wer sich aber am Beginn des dritten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert in der Welt umschaut, sieht häufiger als etwa noch zur Jahrtausendwende: Wo Meinungs- und Pressefreiheit eingeschränkt werden, da verlieren Demokratien an Liberalität und Humanität. Und wo die Freiheit der Rede und der Presse ganz unterdrückt werden, sind Autokraten und Despoten am Werk.
Gerade in diesen beklemmenden Tagen erleben wir, wie in Russland ein Zensurgesetz verbietet, die Wahrheit beim Namen zu nennen. Der Krieg gegen die Ukraine darf dort von Journalisten nicht als Krieg bezeichnet werden, sonst drohen 15 Jahre (!) Haft. Auch unser Korrespondent in Moskau ist davon betroffen. Unsere Redaktion wird alles tun, ihn zu schützen, und lehnt es ab, Texte zu veröffentlichen, in denen geschönte Vokabeln der Kreml-Zensur die Wahrheit vernebeln und Verbrechen decken.
Eine offene, menschliche Heimat
Freiheit und Demokratie müssen unmittelbar erfahrbar sein, dann sind sie lebendig und werden von der Bürgerschaft verteidigt. Die RHEINPFALZ will mit ihren sieben Ausgaben pro Woche erreichen, dass die Pfälzerinnen und Pfälzer gut informiert und meinungsfreudig sind. Sie will dazu beitragen, dass wir in unserer Heimat eine offene, menschliche Gesellschaft haben, in der die Bürger gerne leben und sich geborgen fühlen.
Die RHEINPFALZ am SONNTAG kann dies in besonderer Weise tun. Sie ist eine Wochenzeitung. Ihre Inhalte sind weniger als diejenigen unserer Wochentagsausgaben von Aktualität bestimmt. Es gibt mehr Zeit für Themenplanung und Recherche.
Hinter der Nachricht fängt das Verstehen an
Denn nichts in der Welt ist so einfach, wie es Populisten gern verkaufen. Wer informiert sein will, muss hinter die Nachricht schauen. Er muss erfahren, warum eine Situation, eine Lage so entstanden ist, wie sie sich darstellt. Er muss erkennen können, welche Erfahrungen das Denken derer prägen, die etwas anderes wollen als wir selbst. Er muss wissen, wer welche Interessen verfolgt. Und wer sich als Bürger eine Meinung bilden will über Lösungswege, muss erkennen können, welche Stolpersteine sich womöglich hinter bestimmten Maßnahmen bereithalten.
Auch die Vielfalt der Stilformen ist leichter umsetzbar in der Sonntagszeitung: Das große Interview kann besser vorbereitet werden. Für den wissenschaftsjournalistischen Text können die Fachmagazine gründlich ausgewertet werden. Der Blick auf die Pfalz ist, ähnlich wie in der Wochenendbeilage der RHEINPFALZ, grundsätzlicher, tiefer. Die Leserinnen und Leser können besser einbezogen werden. Man sieht es am Leserforum oder an der Mundartserie „Saach blooß“. Es gibt mehr Themen, die über den Tag hinaus reichen und die in Lebensbereichen spielen, für die die Tageszeitung kaum Platz hat. Im Sportteil sind große Hintergründe und Interviews möglich. Und Ironie und Satire sind in der Sonntagszeitung besser aufgehoben, weil sie zu den schwierigsten Stilformen zählen und auf die Schnelle kaum zu verfassen sind.
Witte-Petit von Anfang an dabei
Als wir vor 16 Jahren das Konzept der RHEINPFALZ am SONNTAG entwickelt haben, war Kerstin Witte-Petit fast von Anfang an dabei. Ich war mir sicher, dass sie die Richtige wäre, dieses für die RHEINPFALZ ungewohnte, völlig neue Produkt zu einem Erfolg zu machen. Denn ihr Fundus an journalistischer Erfahrung war ungewöhnlich groß. Nach der Ausbildung zur Redakteurin in unserem Verlag wurde sie Politikredakteurin. Dann wechselte sie auf eigenen Wunsch in die Wirtschaftsredaktion. 1994 beriefen wir sie in die Leitung unserer Lokalredaktion in Landau. 2002 bat ich sie, das Ressort Kultur und Gesellschaft und die Wochenendbeilage der RHEINPFALZ zu verantworten.
Die RHEINPFALZ und Kerstin Witte-Petit waren irgendwie ein Traumduo. Die Pfälzerin ist 1959 in Annweiler geboren. Sie studierte in München Kommunikationswissenschaft, Politik und öffentliches Recht, wechselte zwischendurch an die Sorbonne-Universität nach Paris für ein Französischstudium. Ihre Magisterarbeit in München handelte dann vom „Investigativen Journalismus und seinen rechtlichen Grenzen am Beispiel der satirischen Zeitschrift ,Le Canard enchaîné’“.
Ein Leben an der Grenze
Von da an ist ihre Biografie deutsch-französisch. Sie heiratete einen Franzosen, lebt unmittelbar an der elsässisch-pfälzischen Grenze. Kerstin Witte-Petit war in der RHEINPFALZ-Redaktion die erste, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorlebte und nach der Geburt ihrer beiden Söhne auf eine halbe Stelle ging.
Sie war ein Vorbild für die Frauen in der Redaktion. Sie lebte gekonnte Führung vor, und der von ihr
Kerstin Witte-Petit ist aber vor allen Dingen ein Vorbild im Journalismus: Informieren, Erklären, Entwirren, Bewerten. Mit diesem Vierschritt geht sie jedes noch so schwierige Thema analytisch an, zerlegt es in seine wesentlichen Bestandteile und führt es dann wieder zu einer überzeugenden Schlussfolgerung zusammen. Das alles mit großem Sprachgefühl. Und stets behält sie den rechtlichen Rahmen im Blick: Was lassen Verfassung und Gesetze zu und was nicht? Wird das demokratische Prinzip beachtet? Ist die Menschenwürde gewahrt?
Verständliche Analysen
So kamen Meisterwerke der verständlichen Analyse zustande: über die Knackpunkte einer Impfpflicht, die Maßstäbe für Corona-Regeln, die Triage, über das Verhältnis von Klimaschutz und Freiheit, Pläne für Wahlrechtsreformen, Gewalt gegen Polizisten, den Unterschied zwischen Demokratie und Populismus, Rechtsextremismus im Netz, Sprache als Mittel der Gewaltvorbereitung, islamistische Gotteskrieger in Deutschland, Verschwörungstheorien, Querulanten … Man kann die Liste schier endlos fortsetzen. Jeder große Hintergrund, jeder Leitartikel von ihr war ein Gewinn für die RHEINPFALZ am SONNTAG, für die RHEINPFALZ und vor allem für die Leserschaft.
Kerstin Witte-Petit hat den publizistischen Auftrag der RHEINPFALZ am SONNTAG und der RHEINPFALZ in die Tat umgesetzt, bewahrt, ja verkörpert. Nie wähnte sie, die Verfassungsexpertin, sich als Vertreterin einer Vierten Gewalt. Stattdessen arbeitete sie unablässig im Sinne der Wächter- und Kontrollfunktion der Presse. Ihr Beitrag für die Meinungsbildung, für Demokratie und Humanität ist von größtem Wert. Und uns in der Redaktion bleibt er eine Verpflichtung, es wenigstens annähernd so gut zu machen wie sie.
Herzlichen Dank, Kerstin. Alles Gute für Dich. In uns ist die Hoffnung, dass Du ab und zu für die RHEINPFALZ am SONNTAG und die RHEINPFALZ mit Deiner Kunst zur Feder greifst.
Der Neue im Porträt: Ilja Tüchter
Ilja Tüchter leitet jetzt die Redaktion der RHEINPFALZ am SONNTAG. Die Ähnlichkeiten in seiner Biografie und der von Kerstin Witte-Petit sind sicherlich zufälliger Natur. Aber offensichtlich haben sie beiden geholfen, an die Spitze der RHEINPFALZ-am-SONNTAG-Redaktion zu gelangen. Kerstin Witte-Petit stammt aus Annweiler. Dessen Nachbarort Albersweiler war Ilja Tüchters Lebensmittelpunkt, als seine journalistische Laufbahn Mitte der 90er-Jahre begann. Beide haben Politikwissenschaft studiert. Kerstin Witte-Petit hat sich auf verfassungs- und rechtswissenschaftliche Fragen spezialisiert, Ilja Tüchter auf Außen- und Sicherheitspolitik. Beide haben auch in Frankreich studiert, Kerstin Witte-Petit in Paris, Ilja Tüchter in Straßburg. Beide haben eine ungewöhnlich vielfältige Laufbahn in der RHEINPFALZ-Redaktion.
Ilja Tüchter hat seinen Abschluss 1994 als Diplom-Politikwissenschaftler an der Georgetown-Universität in Washington, D.C., gemacht. Danach kehrte er in die Pfalz zurück, wo der heute 51-Jährige in Waldsee und Wachenheim aufgewachsen war, und machte ein Volontariat bei der RHEINPFALZ. Er wurde Redakteur in unserer Lokalredaktion Ludwigshafen, dann in der Südwest-Redaktion. Von 2000 bis 2007 verantwortete er die Pfalzseiten in „Sonntag aktuell“, der Vorläuferin der „RHEINPFALZ am SONNTAG“. Seit 2007 ist er Politikredakteur gewesen. In unserem Ressort „Politik, Wirtschaft, Zeitgeschehen“ war er der Experte für Außen- und Sicherheitspolitik.
Ilja Tüchters Schwerpunkte sind neben den USA auch der Nahe Osten, insbesondere die Türkei. Die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Frankreich und Großbritannien sowie in Indien kennt er aus eigener Anschauung gut. Ilja Tüchter ist ein Netzwerker, pflegt intensive Kontakte zu wissenschaftlichen Instituten, politischen Stiftungen und Korrespondenten. Sein digitaler USA-Newsletter „Tüchter’s 51 States“ hat Abonnenten rund um den Globus. Ilja Tüchter lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Neustadt-Gimmeldingen.