Interview
Immunologe: „Einiges spricht für regelmäßige Impfungen“
Herr Bopp, wer eine Covid-Erkrankung überstanden hat, ist von manchen Corona-Auflagen wie Testpflichten befreit. Allerdings nur, wenn die Infektion nicht länger als sechs Monate zurückliegt. Weiß man schon sicher, dass dieser Zeitraum der maßgebliche ist, in dem ein Immunschutz besteht?
Es gibt erste Untersuchungen dazu, dass bis zu sechs Monate nach der Infektion ein hoher Antikörper-Titer (ein Wert zur Bestimmung der Menge der Antikörper, d. Red.) bestehen kann. Da muss man „kann“ sagen, weil wir alle Individuen sind und das bei jedem anders sein kann. Dazu laufen auch weitere Untersuchungen.
Es gibt die Fälle, in denen Menschen sich ein zweites Mal infizieren. Das ist aber sehr selten. Was sagt uns das?
Das sagt uns erstens, dass unser Immunsystem sehr individuell reagiert. Und zweitens, dass wir noch nicht mit Gewissheit sagen können, ab welchem Antikörper-Titer, also ab welchem Wert man geschützt ist.
Von manchen Corona-Auflagen sind auch Geimpfte befreit, allerdings ohne zeitliche Begrenzung. Wieso eigentlich? Man weiß doch noch gar nicht, wie lange die Impfung Schutz bietet.
Wir haben jahrzehntelange Erfahrungen mit Impfungen an sich, so dass wir da auch relativ selbstbewusst vorgehen können. Aber Sie haben recht, wir haben in Deutschland keine harte Datenlage, wie lange die Impfung eine Infektion verhindert. Allerdings möchte ich hier betonen, dass die Impfung nicht in erster Linie dazu gedacht ist, vor einer Reinfektion, einer Positivität zu schützen, sondern vor einem schweren Verlauf von Covid-19. Und da sind die Impfungen wirklich sehr gut.
Ist zu erwarten, dass es Unterschiede zwischen den einzelnen Vakzinen bei der Dauer des Immunschutzes gibt?
Definitiv. Wir werden auch noch weitere Impfstoffe sehen. Wir haben ja jetzt erste Erfahrungen mit mRNA-Impfstoffen wie Biontech und vektorbasierten Impfstoffen wie Astrazeneca gemacht. Es wird das inaktivierte Sars-CoV-2-Virus als Vakzin geben, und es wird proteinbasierte Vakzine geben. Diese Impfstoffe sprechen das Immunsystem jeweils auf unterschiedliche Weise an und werden auch unterschiedliche Immunantworten hervorrufen. Welche am Ende die beste ist, wissen wir noch nicht. Das muss man ehrlicherweise sagen.
Wie erwähnt, sind Geimpfte zum Teil von der Pflicht zu einem Corona-Test befreit. Ein gewisses Ansteckungsrisiko besteht für sie aber dennoch. Sollten Geimpfte aus Ihrer Sicht weiterhin Schnelltests machen oder ist das überflüssig?
Wer hundertprozentig sicher sein will, wenn er Verwandte oder Bekannte besucht, die sich nicht impfen lassen wollen oder aus gesundheitlichen Gründen nicht können, dem gibt der Test eine zusätzliche Sicherheit.
Bei den meisten Impfstoffen werden zwei Dosen verabreicht. Wer eine Corona-Infektion hinter sich hat, soll aber nur eine Dosis erhalten. Was ist mit denen, die nichts von ihrer Infektion wussten, weil sie keine oder kaum Symptome hatten? Ist das ein Problem, wenn diejenigen zwei Dosen bekommen?
Man kann dazu alle mögliche theoretischen Überlegungen anstellen, aber die kurze Antwort lautet: Ich sehe darin kein Problem.
In Deutschland gibt es die Empfehlung, dass Menschen unter 60, die beim ersten Mal Astrazeneca erhielten, als Zweitimpfstoff Biontech oder Moderna bekommen sollen. Erste Studien deuten auf eine hohe Wirksamkeit dieser Kreuzimpfungen hin. Ist es wirklich so einfach, Vakzine zu mischen?
Aus immunologischer Sicht ist das einleuchtend, weil die verschiedenen Vakzine ja unterschiedliche Konzepte verfolgen, unterschiedlich wirken und das dann eine breitere Immunantwort hervorruft. Im besten Fall ist der Schutz noch höher, als wenn man nur einen Impfstoff verabreicht. Man muss aber auch sagen, dass wir bei diesen Impfungen die wenigsten Daten haben, ob es zu seltenen schwerwiegenden Nebenwirkungen wie einer Sinusvenenthrombose kommen kann.
Die Impfreaktionen sind unterschiedlich heftig bei den Leuten, manche liegen zwei Tage mit Grippesymptomen flach, andere spüren nichts oder fast nichts. Müssen sich Letztere Sorgen machen, dass ihre Immunantwort zu schwach ist?
Der Schluss scheint nahe zu liegen, aber das sind unterschiedliche Prozesse, auch wenn sie miteinander zusammenhängen. Es gibt keine Datenlage, aus der man schließen könnte, dass Menschen, die keine Impfreaktion hatten, auch keinen Schutz hätten.
So mancher lässt nach der Impfung einen Antikörpertest machen, um so zu prüfen, ob sich Antikörper gebildet haben. Ist das sinnvoll?
Da wir bisher nicht wissen, welcher Antikörper-Titer einen definitiven Schutz liefert, halte ich das nicht für sinnvoll, weil es im dümmsten Fall die Leute nur ängstlich macht, wenn kein starker Titer auftritt. Zur Beruhigung kann man diesen Menschen sagen, dass es bei der Immunantwort neben Antikörpern auch sogenannte zytotoxische T-Zellen braucht, die man in so einem Test gar nicht misst und die auch nicht zwingend mit dem Antikörper-Titer korrelieren. Ein hoher Antikörper-Titer bedeutet also nicht unbedingt ein gute zelluläre Immunantwort.
Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, hat kürzlich gesagt, er rechne mit einer Auffrischungsimpfung im kommenden Jahr. Werden wir uns künftig wie bei der Grippe jedes Jahr neu gegen Corona impfen müssen?
Da müsste man eine Glaskugel zur Hand haben, um das abschließend zu beantworten. Aber es spricht einiges dafür bei diesen RNA-Viren, zu denen Grippeviren genauso wie die Coronaviren gehören. Ein Grund ist deren hohe Mutationsrate.