Nach über 70 Jahren RHEINPFALZ Plus Artikel Im Bundestag endet eine Ära

2019 feierte die Parlamentsbuchhandlung ihr 70-jähriges Bestehen.
2019 feierte die Parlamentsbuchhandlung ihr 70-jähriges Bestehen.

Die Parlamentsbuchhandlung gibt auf. Es gab sie seit 1949.

In kleinen Ereignissen spiegeln sich oft große Umwälzungen. Dass die traditionsreiche Parlamentsbuchhandlung im Bundestag schließen muss, ist ein Beispiel dafür. Obwohl der Laden mitten im Regierungsviertel über Jahrzehnte – zunächst in Bonn, dann in Berlin – eine feste Institution war, ging das Geschäft stark zurück. Inhaber Benedikt Maderspacher konnte der bequemen Bestellung per Mausklick selbst mit einem um Zigaretten und Souvenirs erweiterten Sortiment nicht mehr standhalten. Sein im Laden aufgehängtes Poster mit dem Spruch „Mit uns ist ein amazonfreies Leben möglich!“ verfehlte am Ende seine Wirkung.

Maderspacher jobbte schon als Schüler in der Parlamentsbuchhandlung im Bonner Bundestag. Dort wurde sie 1949 gegründet, zunächst als einfacher Bücherkarren, später in ansprechenden Geschäftsräumen. 1976 begann Maderspacher dort seine Lehre und versorgte Abgeordnete, Minister und deren Mitarbeiter mit Zeitschriften und Büchern. Mit 34 Jahren übernahm er die Buchhandlung.

Auch Weizsäcker schaute vorbei

Als der Bundestag 1999 nach Berlin umzog, wechselte auch der überzeugte Rheinländer an die Spree. Nach einem Intermezzo in einem Hinterhof wurde 2001 in einem Abgeordnetenhaus in der Wilhelmstraße das Geschäft eingerichtet, zur Eröffnung kam Richard von Weizsäcker. In dessen Amtszeit als Bundespräsident sei Weizsäcker in Bonn ohne Personenschützer zu Fuß vorbeigekommen, erzählte Maderspacher einmal. „Das wäre hier undenkbar. Die Bonner Gemütlichkeit ist halt verschwunden.“

In Berlin führte Maderspacher das Geschäft zusammen mit seinem Mann Peter Lenz. Oft sah man einen der beiden in den Fluren des Bundestages, wenn sie mit einem Karren die Bücher in die jeweiligen Abgeordnetenbüros brachten. Die Parlamentsbuchhandlung empfanden viele als Insel der Ruhe in der Hektik der „nervösen Zone“ in Berlin-Mitte.

Den Kampf gleich zweimal verloren

Das Schicksal schlug vor ein paar Jahren gleich zweimal zu: Maderspacher erkrankte schwer, gleichzeitig bahnte sich die Insolvenz an. Maderspacher starb im April. Am Ende hatte er nicht nur den Kampf gegen den Krebs verloren, sondern auch den gegen das Internet.

Derzeit führt die Bundestagsverwaltung Gespräche mit möglichen neuen Mietern. Unter ihnen ist nach Aussage eines Sprechers jedoch niemand, der eine Buchhandlung in dem Ladenlokal einrichten will.

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