Politik IG Metall will „Arbeitszeiten, die zum Leben passen“
Alle Mitarbeiter der Metall- und Elektroindustrie sollen in Zukunft phasenweise ihre Arbeitszeit verkürzen können. Diese Forderung will die IG Metall in der kommenden Tarifrunde erheben.
Im Airbus-Werk in Hamburg findet die Zukunft, wie sie sich die IG Metall vorstellt, bereits statt. Dort, berichtete gestern Meinhard Geiken, der Leiter des IG-Metall-Bezirks Küste, hätten die Beschäftigten schon heute Anspruch auf eine zeitweise Absenkung der Arbeitszeit. Allerdings gebe es in solchen Fällen keinen Entgeltausgleich, schränkte Geiken ein. Genau diesen Ausgleich will die IG Metall aber sicherstellen, wenn Mitarbeiter künftig ihre Arbeitszeit reduzieren möchten, um sich um ihre Kinder oder pflegebedürftige Angehörige zu kümmern oder die Belastung von Schichtarbeit zu mindern. In solchen Fällen gehe es „nicht um Selbstoptimierung, sondern um gesellschaftlich Notwendiges“, betonte der Gewerkschaftsvorsitzende Jörg Hofmann gestern bei einer Arbeitszeitkonferenz im Mannheimer Rosengarten. Er leitete daraus die Forderung ab, dass die Arbeitgeber insbesondere in den unteren Lohngruppen das Entgelt ausgleichen müssten. Das müsse doch, so Hofmann, eine „selbstverständliche Sozialleistung“ der Unternehmen sein. Aber nicht nur in solchen Fällen fordert die IG Metall für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie „Arbeitszeiten, die zum Leben passen“. Wer etwa ein Haus baue, solle ebenfalls einen individuellen Anspruch haben, seine Arbeitszeit vorübergehend zu reduzieren, erläuterte Jörg Hofmann. Beispielsweise auf bis zu 28 Stunden für einen Zeitraum von bis zu 24 Monaten – mit anschließendem Rückkehrrecht zur Vollzeit, aber ohne Lohnausgleich. Einen solchen tariflich abgesicherten Anspruch auf „verkürzte Vollzeit“ müssten alle Beschäftigten bekommen, betonte Jörg Hofmann. Die verkürzte Vollzeit wird, das darf als sicher gelten, Teil des Forderungspakets sein, mit dem die IG Metall in die im Herbst beginnende Tarifrunde gehen wird. Legitimiert sieht sich die Gewerkschaft durch die Ergebnisse einer Beschäftigtenbefragung, an der sich bundesweit 680.000 Metaller beteiligten. Freilich haben manche Arbeitszeit-Themen nicht für alle die gleiche Bedeutung. Das gilt insbesondere für die bis heute in Ostdeutschland geltende 38-Stunden-Woche. Schon im Jahr 2003 hatte die IG Metall versucht, die 35-Stunden-Woche auch in den neuen Bundesländern durchzusetzen – und musste den Arbeitskampf am Ende ohne Erfolg abbrechen. Nun setzt die Gewerkschaft auf ein Konzept der „zwei Geschwindigkeiten“: In bestimmten ostdeutschen Betrieben, etwa in der Automobilindustrie, soll versucht werden, die 35-Stunden-Woche durchzusetzen – in der Hoffnung, dass die anderen nachziehen. Einen flächendeckenden Vorstoß hält Jörg Hofmann hingegen nicht für zielführend, dazu fehle der Gewerkschaft im Osten „die erforderliche Organisationskraft“. „Arbeitszeitfragen sind knallharte Macht- und Verteilungsfragen“, bereitete der Leiter des Funktionsbereich Tarifpolitik, Stefan Schaumburg, die im Rosengarten versammelten 850 Mitglieder von IG-Metall-Tarifkommissionen aus der ganzen Republik auf eine harte Auseinandersetzung vor. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall kritisierte denn auch, „systematische, flächendeckende und unkompensierte Arbeitszeitverkürzungen passen absolut und definitiv nicht in die Zeit“. Im Übrigen dürfe Arbeit „nicht noch teurer“ gemacht werden. Gerade weil sich eine schwierige Tarifrunde abzeichnet, könnte die IG Metall erstmals zu sogenannten 24-Stunden-Streiks aufrufen. Diese Streikform ist eine neue Eskalationsstufe zwischen Warnstreik und unbefristetem Streik und hat aus Sicht der Gewerkschaft vor allem den Vorteil, dass ihr Vorgehen für die Arbeitgeber ein Stück weit weniger berechenbar wird. Kommentar