Interview
IG Metall: „Nicht ausschließlich Kauf von Elektrofahrzeugen fördern“
Herr Köhlinger, wie viele Beschäftigte der Automobilbranche in Rheinland-Pfalz sind derzeit in Kurzarbeit?
Deutlich über 60 Prozent der Betriebe sind in Kurzarbeit oder planen, sie demnächst einzuführen. Das betrifft in diesen Betrieben fast 70.000 Beschäftigte. Die Automobil- und Zulieferindustrie ist neben Stahl der Industriebereich, der mit voller Wucht getroffen ist. Wir spüren das in allen vier Bundesländern des Bezirks Mitte.
Es heißt, vor allem die Zulieferer, von denen es in Rheinland-Pfalz ja viele gibt, stünden am Abgrund. Stimmt das?
Die Lage ist zumindest angespannt. Schon vor Corona hat vieles darauf hingedeutet, dass die Folgen der Transformationsprozesse schneller als erwartet kommen. Wir wissen aus unserer Befragung, dass in etwa 60 Prozent der Betriebe die Lieferketten aufgrund der Corona-Krise gefährdet oder gestört sind, dass es enorme Absatzeinbrüche und entsprechend reduzierte Abrufzahlen gibt. Die Gefahr ist groß, dass sich die Branche neu strukturiert und das Auswirkungen auf die Beschäftigung haben könnte. Deswegen fordern wir als IG Metall eine nachhaltige Industriepolitik, die diese Prozesse steuert und nicht alles einem ungezügelten Markt überlässt.
Vor einem Jahrzehnt steckte die Branche schon einmal in einer tiefen Krise. Damals gab es die sogenannte Abwrackprämie, die den Kauf von Neuwagen deutlich belebte. Sollte dieses Instrument einfach wieder aufgelegt werden?
Dazu gibt es ja gerade eine breite gesellschaftliche Debatte. Ein einfaches Wiederauflegen der damaligen Abwrackprämie wird der heutigen Problemlage eher nicht gerecht. Es bedarf nachhaltiger Mobilitätskonzepte. Damit muss verbunden sein, dass die Unternehmen mit den Betriebsräten gemeinsame Zukunftskonzepte entwickeln, die die Politik begleitet und unterstützt. Ein zentraler Punkt dabei muss immer sein, die Beschäftigung im industriellen Sektor für die Zukunft wetterfest zu machen. Das gilt für die Automobil- und Zulieferindustrie wie für die gesamte Metall- und Elektroindustrie sowie für die Stahlindustrie.
Anders als damals steckt die gesamte Wirtschaft in der Krise. Die Menschen fürchten um ihre Arbeitsplätze, da halten viele ihr Geld eher zusammen. Werden die Leute in dieser Situation sich von einer Prämie zum Autokauf animieren lassen?
In der Tat haben viele Beschäftigte aktuell Angst um ihren Arbeitsplatz, Angst um ihre Zukunft und natürlich auch Angst um die Gesundheit ihrer Familien. Viele müssen Kinderbetreuung und Homeoffice oder Kinderbetreuung und Schichtarbeit regeln. Aber nicht die gesamte Wirtschaft steckt in der Krise. Denken wir nur an die Medizintechnik, die gerade jetzt auf Hochtouren laufen.
Die Hersteller fordern eine Prämie auch für den Kauf von Verbrennerfahrzeugen. Kritiker sagen, dadurch werde der ohnehin notwendige Technologiewandel ausgebremst, nur Fahrzeuge mit Elektro- oder Wasserstoffantrieb sollten gefördert werden. Wie steht die IG Metall dazu?
Eine eventuelle Kaufprämie sollte sicherlich nicht allein die Nachfrage fördern, sondern muss den technologischen Wandel richtig flankieren. Das heißt aber nicht, dass ausschließlich der Kauf von Elektrofahrzeugen gefördert werden sollte. Dem Klima wäre damit nicht geholfen, der Effekt wäre zu gering. Eins ist klar, moderne Verbrenner bleiben bis auf Weiteres eine wichtige Brückentechnologie. Und natürlich will ich, dass auch die Wasserstoff-Initiative des saarländischen Wirtschaftsministeriums gefördert wird, um das Saarland zu einer Wasserstoff-Modellregion zu entwickeln. Derartige Initiativen dürfen jetzt nicht durch Corona unter die Räder kommen.
Droht, wenn auch Verbrenner gefördert werden, nicht tatsächlich das Risiko, dass der technologische Wandel weiter verzögert wird?
Ich glaube, der technologische Wandel ist nicht zu stoppen, dafür sorgen schon die chinesischen und amerikanischen Elektroauto-Hersteller. Der Wandel wurde in Deutschland zu lange vernachlässigt, den Vorwurf müssen sich die Hersteller schon gefallen lassen. Ihn jetzt weiter zu verzögern wäre fatal.
Auch aus der Wirtschaft gibt es Stimmen, die sagen: Lasst das mit der Kaufprämie, zahlt den Firmen lieber eine Prämie, wenn sie in zukunftsträchtige, umweltfreundliche Technologien investieren. Wäre das ein gangbarer Ansatz?
Wir benötigen vor allem eine Stimulierung des Konsums, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Die errungene Erhöhung des Kurzarbeitergeldes ist ein Schritt in die richtige Richtung. Vor allem bedarf es aber eines Konjunkturprogramms, das bei der Finanzierung soziale Aspekte deutlich berücksichtigt.
Die Branche steckte schon vor der Corona-Pandemie in Schwierigkeiten. Wie schätzen Sie die Chance ein, dass die deutsche Autoindustrie das alles übersteht?
Die deutsche Automobilindustrie hat eine lange Erfolgsgeschichte und sie ist sehr robust. Das hat sich ja auch 2008 und 2009 gezeigt. Wenn es gelingt, die Motivation und das Wissen der Beschäftigten einzubeziehen, die politischen Rahmenbedingungen für einen Umbau richtig zu gestalten, dann ist mir um die Zukunft nicht bange. Die IG Metall wird dafür streiten.