Frankreich
Heftiger Streit um Stierkämpfe
Ist der Stierkampf eine grausame und unzeitgemäße Tierquälerei? Oder handelt es sich um eine identitätsstiftende Tradition, die in bestimmten südfranzösischen Regionen zur lokalen Kultur gehört? Seit der Abgeordnete der Linkspartei, Aymeric Caron, Ende September einen Antrag zum Verbot der Corrida, so der spanische Name für die Kämpfe, in Frankreich eingebracht hat, werden hitzige Debatten darüber geführt. An diesem Donnerstag stimmt die Nationalversammlung in Paris über den Gesetzesvorschlag ab.
Doch ist unwahrscheinlich, dass sich eine Mehrheit für Carons Initiative findet. Es handelt sich bereits um den dritten Anlauf in den vergangenen Jahren. Mehr als 200 Parlamentarier kritisierten parteiübergreifend in einem offenen Brief den in ihren Augen drohenden „Öko-Totalitarismus“. „Die Corrida zu verbieten, das hieße, eine Kultur zu verbieten und einen Teil unserer Mitbürger zu erniedrigen“, hieß es darin. Viele lokale Parlamentarier geißeln das Unverständnis einer Pariser Elite für lokale Gepflogenheiten.
Mehrheit der Franzosen gegen Stierkämpfe
Doch durch alle Parteien ziehen sich Risse. Dass Patrick Vignal, ein Abgeordneter von Präsident Emmanuel Macrons Partei Renaissance, bei einer Pro-Stierkampf-Demonstration an der Seite mehrerer Politiker des rechtsextremen Rassemblement National (RN) auftrat, brachte ihm heftige Kritik ein. Vignal verteidigte sich, bei etlichen Themen sei er anderer Meinung als die RN-Kollegen, aber sie alle stammten aus dem Süden und seien sich einig, „dass wir dazu da sind, um unsere Kultur zu verteidigen“.
Die Renaissance-Fraktionschefin Aurore Bergé wiederum hat einen offenen Brief für das Verbot des Stierkampfs unterschrieben, in dem der Schriftsteller Émile Zola zitiert wird: Es handele sich „weder um eine Kunst noch um eine Kultur, sondern um die Quälerei eines ausgewiesenen Opfers“. Demgegenüber stellte der Sprecher der Regierung, Olivier Véran, klar, diese wolle „keine Verbotspolitik“ führen und gab damit die Haltung Macrons wieder. Spürbar ist die Furcht in dessen Umfeld, in der ohnehin infolge der Inflation angespannten sozialen Lage Teile der Bevölkerung gegen sich aufzubringen, auch wenn es sich um eine Minderheit handelt: 74 Prozent der Französinnen und Franzosen sprachen sich in einer aktuellen Umfrage für ein Stierkampf-Verbot aus. Doch die Anhänger der Tradition sind lauter.