Russland RHEINPFALZ Plus Artikel Großes Misstrauen innerhalb der russischen Armee

Seit dem Putsch ist unklar, wo sich Armeegeneral Sergei Surowikin aufhält.
Seit dem Putsch ist unklar, wo sich Armeegeneral Sergei Surowikin aufhält.

Nach dem gescheiterten Putsch in Russland wird General Surowikin verdächtigt, gemeinsame Sache mit der Wagner-Truppe gemacht zu haben. Kommt jetzt das große Aufräumen in der Armee?

November vergangenen Jahres: Der Chef der Söldnertruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin, lobte Armeegeneral Sergei Surowikin für die überraschende Aufgabe der ukrainischen Großstadt Cherson und den Rückzug der russischen Truppen aufs linke Dnipro-Ufer. Das sei keine leichte Entscheidung gewesen, sagte Prigoschin damals. „Surowikin hat ohne Angst die volle Verantwortung übernommen.“ Damals galt Surowikin als Liebling der Kriegsblogger und Staatspropagandisten, aber auch der Feldkommandeure Prigoschin und Ramsan Kadyrow.

Nach Prigoschins gescheitertem Putsch vom vergangenen Wochenende aber steht der stellvertretende Kommandeur der Ukraine-Truppen ganz oben auf der Liste der Offiziere, die als Mitwisser oder Komplizen des meuternden Söldnerführers verdächtigt werden. Und Surowikin, Ehrenmitglied der Wagner-Truppe, ist keineswegs der Einzige. Westmedien und Militärblogger reden schon vom „großen Aufräumen“ in der Armee.

Soldaten widersetzen sich dem Schießbefehl

Seit mehreren Tagen suchten Ermittler und Mitarbeiter des Kreml-Sicherheitsdienstes FSO mit der Militärführung, aber auch mit Truppenkommandeuren nach Mitwissern, heißt es auf dem patriotischen Kanal. Mitte der Woche meldete die „Moscow Times“ die Verhaftung Surowikins. Der General hatte sich am Vorabend des Putsches in einem Video vergeblich an Prigoschin und seine Söldner gewandt und sie aufgefordert, sich dem Willen des vom ganzen Volk gewählten Präsidenten zu unterwerfen. „Wir sind eines Blutes, wir sind Krieger. Ich rufe dazu auf anzuhalten“, so die eindringlichen Worte. Später zitierte die „New York Times“ jedoch anonyme US-Geheimdienstler, Surowikin sei im Voraus von Prigoschins Umsturzplänen informiert gewesen. Seit dem Putsch ist unklar, wo der Armeegeneral sich befindet, ob er verhaftet, verhört oder nur befragt worden ist.

Laut dem Telegramkanal Rybar wird die Wagner-Revolte zum Anlass genommen, die Streitkräfte nach Unterstützern des Wagner-Chefs zu durchkämmen. Der Telegramkanal „Romanow Light“ schreibt, das Kommando der Vierten Armee fordere inzwischen Strafverfahren für mindestens vier Luftwaffen-Besatzungen. Diese sollen sich dem Befehl widersetzt haben, die Wagner-Kolonnen, in denen sich auch Zivilfahrzeuge befanden, unter Feuer zu nehmen. Laut dem Kriegsblog-Kanal „Dwa Majora“ droht einem Offizier der Grenztruppen ein Prozess, weil er seinen Grenzschützern nicht befohlen hatte, eine Wagner-Kolonne mit Hunderten Militärfahrzeugen zu beschießen.

Generalstabschef verschwunden

Selbst Prigoschin-Gegner geraten in Schwierigkeiten. Im Generalstab mache sich großes Misstrauen breit, schreibt der Telegram-Kanal „Deti Arbata“. Nervosität herrsche bei den Anhängern Surowikins, aber ebenso im Gefolge von Generalstabschef Waleri Gerassimow, den der meuternde Prigoschin erklärtermaßen gefangen nehmen wollte. Gerassimow ist seit dem Putsch aus der Öffentlichkeit verschwunden. Es wird spekuliert, dass er als Sündenbock für die Unentschlossenheit der Armeeführung am Putschsamstag abgesetzt oder zumindest entmachtet werden soll.

Der staatsnahe Militärexperte Viktor Litowkin sagte, die Gerüchte um Surowikin, Gerassimow und die Aufräumaktionen innerhalb des Militärs setzten die Desinformationskampagne gegen die russische Armeeführung fort, die Prigoschin begonnen habe. „Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass irgendwer, weder Verteidigungsminister, Generalstabschef noch Surowikin, entlassen wurde.“ Die „Kriegsspezialoperation“ in der Ukraine sei im vollen Gange, deshalb werde es keine personellen Änderungen geben, so Litwkin.

Das könnte zumindest für Verteidigungsminister Sergei Schoigu gelten, der während des Aufstandes ebenfalls verschwunden war. Das Staatsfernsehen zeigte ihn vergangene Woche wiederholt mit Wladimir Putin. Das wird als Zeichen gedeutet, dass der Staatschef ihm die Stange hält. Obwohl Schoigu in den oberen Machtetagen immer weniger Ansehen besitzt.

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