Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Gas, Strom und ein Tempolimit

Was bringt ein Tempolimit auf Autobahnen?
Was bringt ein Tempolimit auf Autobahnen?

Fragen und Antworten: Sollen die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängert werden? Soll im Gegenzug ein Tempolimit einführt werden? Seit Wochen wird darüber diskutiert, häufig eher ideologisch als entlang von Fakten. Aber was sind die Fakten?

Warum wird über Kernkraftwerke diskutiert?
Erdgas wird als Übergangsenergie betrachtet, auch um ausreichend Strom zu produzieren. Sollte Russland irgendwann den Gashahn zudrehen, könnten nicht nur Heizungen im Winter kalt bleiben. Dann könnten möglicherweise auch Gaskraftwerke keinen Strom mehr produzieren. Daher wollen beispielsweise CDU, CSU, AfD und FDP die drei noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke länger laufen lassen zur Stromproduktion. Die Kernkraftwerke Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 sollen eigentlich Ende des Jahres abgeschaltet werden. Demgegenüber hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) unlängst erklärt, Deutschland habe kein Strom-, sondern ein Gasproblem. Daher bringe der längere Betrieb der Kernkraftwerke nichts, so der Wirtschaftsminister.

Wie viel Erdgas wird für die Stromproduktion genutzt?
Nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BdEW) wurden 2021 rund 90 Milliarden Kilowattstunden Erdgas genutzt, um Strom zu produzieren. Das heißt: Zwölf Prozent des hierzulande verbrauchten Erdgases wurden 2021 für die Stromproduktion eingesetzt. Nicht berücksichtigt wurde dabei das Gas, das die Industrie zur Eigenstromgewinnung nutzt. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres ist deutlich weniger Gas verstromt worden als im Vorjahreszeitraum.

Umgekehrt bedeuten die Zahlen aus dem vergangenen Jahr: 16,3 Prozent des hier produzierten Stroms ist mit Erdgas hergestellt worden.

Im Winter wird nach den BdEW-Zahlen gelegentlich fast doppelt soviel Erdgas zur Stromgewinnung eingesetzt als beispielsweise in einem Sommermonat wie dem August.

Für was wird Erdgas sonst noch gebraucht?
Laut BdEW wird der Löwenanteil des Gases von der Industrie (37 Prozent) und von privaten Haushalten (31 Prozent) verbraucht. Es folgen Handel, Gewerbe und Dienstleistungen (13 Prozent) sowie Fernwärme- und Fernkälteversorgung (7 Prozent).

Wie viel Strom wird in Atomkraftwerken erzeugt?
Laut BdEW sind im vergangenen Jahr 11,4 Prozent des Stroms in Kernkraftwerken produziert worden. Damals waren allerdings noch sechs Atommeiler am Netz. Inzwischen sind die Atomkraftwerke Grohnde, Gundremmingen C und Brokdorf abgeschaltet. Jetzt laufen nur noch die Meiler Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2.

Mit der Folge: In den ersten drei Monaten 2022 ist mit 9,1 Milliarden Kilowattstunden nur noch gut halb so viel Strom in den drei Kernkraftwerken produziert worden als im Vorjahreszeitraum.

Wie viel Erdgas kann durch längere AKW-Laufzeiten gespart werden?
Von den renommierten Wirtschaftsforschungsinstituten, wie etwa vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) oder dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW), bekommt man dazu keine Antwort. Allerdings haben zwei Unternehmensberatungen Zahlen vorgelegt: Enervis Energy Advisors geht von 1,2 Prozent, Energy Brainpool nach Medienberichten von einem Prozent Ersparnis beim Erdgasverbrauch aus.

Dagegen sagt der südpfälzische CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Gebhart, Obmann im Bundestagsausschuss für Klima und Energie: „Verzichten wir auf die drei Kernkraftwerke im Winter, müssten die sechs Prozent (der Stromproduktion) durch zusätzliche Kohleverstromung kompensiert werden.“

Was hat ein Tempolimit mit Atomkraftwerken zu tun?
Nichts. Es ist wie auf einem Basar. Weil Christdemokraten und Christsoziale die Atomkraftwerke länger laufen lassen wollen, bieten sie der Ampel einen politischen Deal an: „Ihr stimmt längeren Laufzeiten zu, wir einem Tempolimit.“ Die Einfuhr von russischem Öl kann dem Bundeswirtschaftsministerium zufolge auch ohne Tempolimit bis zum Ende des Jahres gestoppt werden.

Gebhart bewertet ein befristetes Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf Autobahnen daher eher „als ein Teil eines ganzen Pakets für Energiesicherheit und Klimaschutz“.

Wie abhängig ist Deutschland noch von russischem Erdöl?
Laut dem „Dritten Fortschrittsbericht Energiesicherheit“ des Bundeswirtschaftsministeriums ist die Abhängigkeit von russischem Öl von 35 Prozent 2021 auf aktuell zwölf Prozent gesunken. Bis Jahresende soll ganz auf russisches Öl verzichtet werden.

Wie viel Erdöl spart ein Tempolimit ein?
Das hängt sehr stark vom Verhalten der Autofahrer ab. Das Umweltbundesamt geht von Folgendem aus: Ein durchschnittlicher Pkw verbraucht bei einer Geschwindigkeit von 150 Stundenkilometern etwa ein Drittel mehr Kraftstoff als bei 120 Stundenkilometern und rund die Hälfte mehr als bei 100 Stundenkilometern. Demnach spart ein 130-km-Tempolimit knapp 0,6 Millionen Tonnen Kraftstoff ein. Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie geht von einem geringeren Einsparpotenzial aus: knapp 0,5 Millionen Tonnen.

Greenpeace hat so gerechnet: Ein Tempolimit von 100 Stundenkilometern auf Autobahnen spart zwei Millionen Tonnen Kraftstoff und weitere 0,4 Millionen Tonnen bei einem Tempolimit von 80 Stundenkilometern auf Landstraßen. Laut Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe hat Deutschland 2021 rund 52,1 Millionen Tonnen Kraftstoff verbraucht.

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