Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Ganz Europa befindet sich im Krieg

Auch in Mainz haben Menschen am Donnerstag gegen den russischen Überfall auf die Ukraine demonstriert.
Auch in Mainz haben Menschen am Donnerstag gegen den russischen Überfall auf die Ukraine demonstriert.

Militärisch beschränkt sich Russlands Angriff auf die Ukraine – noch. Tatsächlich aber ist Europa längst direkt in diesen Krieg involviert. In einen Krieg, der nicht nur mit Soldaten und Waffen geführt wird.

Kriege sind nie das Ergebnis spontaner Handlungen, werden nicht einfach so „vom Zaun gebrochen“. Denn um einen Krieg zu führen, bedarf es immenser Vorbereitungen – militärisch, wirtschaftlich, organisatorisch, logistisch. Vor allem aber müssen diejenigen, die als Kriegsherren auftreten, schon weit im Vorfeld die ideologische Saat ausgebracht haben, muss Zwietracht gesät und Hass geschürt, muss ein eindeutiges Freund-Feind-Schema aufgebaut worden sein. All das hat Wladimir Putin akribisch erledigt – nicht über Wochen oder Monate, sondern über Jahre. So gesehen ist der Krieg in der Ukraine schon lange im Gang und nicht erst, seit am Donnerstag die ersten Schüsse gefallen und die ersten Raketen eingeschlagen sind.

Für Putin manipuliert der Westen die Regierung in Kiew

Aber nicht nur die zeitliche Dimension dieses Krieges reicht über den Beginn der bewaffneten Handlungen hinaus. Auch räumlich ist dieser Krieg bei weitem nicht auf die Ukraine beschränkt. Wladimir Putin lässt überhaupt keinen Zweifel daran, dass die demokratisch gewählte Regierung in Kiew für ihn nur eine Marionette, ein willfähriges Werkzeug anderer Mächte ist. Der Westen, die Nato, die USA, letztlich auch die Europäische Union – das sind in der Lesart Putins seine wahren Gegner, die es zu bekämpfen gilt.

Spätestens an diesem Punkt ist klar, dass Europa, ob es will oder nicht, längst in diesen Krieg involviert ist. Nicht militärisch – noch nicht und hoffentlich niemals. Aber Kriege werden in der heutigen Zeit nicht mehr nur mit Soldaten, Panzern und Raketen geführt. Cyber-Attacken und Desinformationskampagnen sind Elemente jener hybriden Kriegsführung, auf die Putin schon seit längerem baut und vertraut. Hier geht es um Geländegewinne in den Köpfen (und Herzen) der Menschen. Darum, in welchem politischen und gesellschaftlichen System wir leben wollen, welche Werte unserem Zusammenleben zugrundeliegen sollen. In diesem systemischen Konflikt geht es darum, Schwachstellen des Gegners auszunutzen, Unsicherheit zu produzieren, Zweifel zu wecken und zu verstärken – ohne dass dabei zunächst ein Tropfen Blut vergossen wird.

Selbst der Jugoslawienkrieg blieb regional begrenzt

In den 1990er-Jahren fanden schon einmal – erstmals wieder seit der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs – Kriege in Europa statt. Und die Folgen dieser Jugoslawien-Kriege waren damals bis nach Deutschland spürbar, vor allem in der Ankunft zahlreicher Flüchtlinge. Aber so brutal und skrupellos diese Konflikte auch ausgetragen wurden: Die Möglichkeiten und Ansprüche der Kriegsparteien, das gilt auch für den Hauptaggressor Serbien, waren regional begrenzt. Kein Vergleich mit Russland, das zumindest militärisch nach wie vor zum kleinen Kreis der weltweiten Supermächte zählt, vor allem wegen seines ungeheuren Atomwaffenarsenals. Putin, der Präsident dieser Supermacht, gibt nun vor, bei dem Angriff auf die – militärisch hoffnungslos unterlegende – Ukraine handele es sich lediglich um eine Art Präventivschlag zum Schutz Russlands.

Es sind solche völlig bizarr wirkenden Äußerungen, die den größten Anlass zur Sorge geben – weil man sich nicht auszumalen wagt, mit welchen Argumenten Wladimir Putin in Zukunft etwaige militärische Aktionen über die Ukraine hinaus begründen könnte.

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