Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Fußball-Weltmeisterschaft: Ein Ereignis der Superlative

Blick auf die beleuchtete Skyline von Doha: Für die WM wurden neue Stadien, Autobahnen und Metro-Verbindungen aus dem Boden gest
Blick auf die beleuchtete Skyline von Doha: Für die WM wurden neue Stadien, Autobahnen und Metro-Verbindungen aus dem Boden gestampft.

Was in Katar während der WM geschieht, wird von den reichen Nachbarn Katars im Nahen Osten mit Interesse verfolgt. Denn auch sie wollen sich mit Weltereignissen einen Namen machen.

Reiche Nahost-Staaten bereiten weitere Großereignisse vor. Doch das Beispiel Katar zeigt Staaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Saudi-Arabien auch, dass das Interesse der internationalen Öffentlichkeit viel Kritik an Menschenrechtsverletzungen und anderen Missständen mit sich bringen kann.

Was macht die WM in Katar besonders?
Das Turnier in dem Kleinstaat am Persischen Golf ist nicht nur die erste WM im Nahen Osten und in einem muslimischen Land. In vielerlei Hinsicht ist das Fußballfest ein Ereignis der Superlative. Mit Investitionen von rund 200 Milliarden Dollar ist die WM in Katar das bisher mit Abstand teuerste Weltturnier: Das Emirat, weltgrößter Lieferant von Flüssiggas, steckte mehr als dreimal so viel Geld in die WM wie alle Ausrichter seit 1990 in ihre Turniere zusammen. Eine Million Fans werden bis zum Endspiel am 18. Dezember in Katar erwartet; damit schwillt die Bevölkerung des Kleinstaates für einige Wochen um ein Drittel an.

Neue Stadien, Autobahnen und Metro-Verbindungen wurden für die WM aus dem Boden gestampft. Die Stadien werden wegen der hohen Temperaturen von mehr als 30 Grad klimatisiert, was nach Angaben der katarischen Behörden klimaneutral geschehen soll. Kurz vor der WM nahm Katar eine Solaranlage von 800 Megawatt in Betrieb, die Strom für den Betrieb der Klimaanlagen in den Arenen liefern soll.

Warum wollen auch andere Golf-Staaten Weltturniere ausrichten?
Sonne, viel Geld und die Bereitschaft, es auszugeben, gibt es auch in den VAE und Saudi-Arabien. Wie Katar streben die reichen Nachbarn des Emirats am Golf nach weltweiter Anerkennung. In den kommenden vier Wochen werden Milliarden Menschen die Fußballspiele in Katar verfolgen – in einem Land, das viele bisher nicht auf der Weltkarte orten konnten. Der Tourismus könnte langfristig profitieren und helfen, Katar unabhängiger von Gasexporten zu machen. Innenpolitisch können glanzvolle Ereignisse wie eine WM die jeweiligen Herrscherhäuser stützen und legitimieren. Der saudische Thronfolger Mohammed bin Salman gehörte am Wochenende zu den ersten hochrangigen Gästen, die in Katar eintrafen.

Die VAE sind im kommenden Jahr Gastgeber der Welt-Klimakonferenz COP28. Saudi-Arabien richtet 2029 die asiatischen Winterspiele aus. Die Retortenstadt Neom am Roten Meer, die für 500 Milliarden Dollar gebaut werden soll, wird nach den saudischen Plänen das Skifahren in der Wüste möglich machen. Die Spiele sollen in Trojena stattfinden, einer geplanten Anlage nahe bei Neom in den Bergen, wo die Temperaturen im Winterhalbjahr unter Null sinken.

Kronprinz Mohammed hat auch die Fußball-WM im Visier. Er will, dass sein Land die WM 2030 zusammen mit Ägypten und Griechenland organisiert; der ägyptische Staatschef Abdel Fattah al-Sisi traf am Sonntag ebenfalls in Katar ein. Das ölreiche Saudi-Arabien ist bereit, viele Kosten für Griechenland und Ägypten für die WM 2030 mitzutragen, und hofft bei der Standortvergabe durch die Fifa auf Stimmen aus drei Regionen des Weltverbandes: Asien, Afrika und Europa. Saudi-Arabien, Katar, die VAE und Bahrain richten schon jetzt Formel-Eins-Rennen, internationale Tennis- und Golfturniere sowie Boxkämpfe aus.

Was sind die Nachteile für die Golf-Staaten bei ihren Bemühungen?
Noch nie hat ein WM-Land so sehr am Pranger gestanden wie Katar. Enthüllungen über unmenschliche Arbeitsbedingungen für ausländische Arbeiter, Beschwerden über die Unterdrückung von Frauen und Homosexuellen sowie Klagen über Alkohol-Einschränkungen trübten die Vorfreude auf die Fußball-Weltmeisterschaft.

Fifa-Präsident Gianni Infantino wies die Kritik am Vortag der Turnier-Eröffnung zurück und warf dem Westen Heuchelei vor, und auch die Regierung in Doha reagierte allergisch. Sie bestellte den deutschen Botschafter ein, nachdem Bundesinnenministerin Nancy Faeser gefordert hatte, die Menschenrechte bei der Vergabe internationaler Sportveranstaltungen künftig stärker zu berücksichtigen. Allerdings zeigen die Erfahrungen in Katar auch, dass die arabischen Staaten ihre Rolle als Gastgeber für eigene Vorstellungen nutzen können. Katar konnte zwei Tage vor Turnierstart plötzlich die Regeln für den Bierausschank ändern, ohne dass der Weltverband Fifa oder die Großbrauerei Budweiser als Hauptsponsor das verhinderten.

Was werden andere Golf-Staaten aus dem Beispiel Katar lernen?
Auch Saudi-Arabien und die VAE müssen sich auf viel Kritik einstellen, wenn sie Großveranstaltungen von der Bedeutung einer WM organisieren. Am Beispiel Katar sehen sie, dass die Ausrichtung eines Weltturniers ein zweischneidiges Schwert ist. Zwar könne Katar darauf hoffen, nach der WM mehr Urlauber und Investoren anzuziehen, sagt die Anwältin und Aktivistin Radha Stirling, die sich im Kampf gegen Missstände am Golf engagiert. Doch gleichzeitig werde die Kritik an Strukturen wachsen, die willkürliche Verhaftungen und andere Menschenrechtsverletzungen ermöglichten, sagte Stirling der RHEINPFALZ.

Nach dem Schlusspfiff im Endspiel am 18. Dezember wird die Debatte über millionenschwere Entschädigungen für ausländische Arbeiter in Katar weitergehen. Die unter dem Druck der Weltöffentlichkeit eingeleiteten Reformen dürften nach der WM nicht aufgegeben werden, fordert Amnesty International. Auch andere Menschenrechtsorganisationen wollen Katar weiter an seine Versprechen erinnern. Diese Entwicklung wird nicht auf Katar beschränkt bleiben: Wenn Saudi-Arabien mit seiner Bewerbung um die WM 2030 erfolgreich sein sollte, wird das Königreich stärker unter die Lupe genommen werden, als es Kronprinz Mohammed bin Salman lieb sein dürfte.

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