Ungarn
„Fürst“ Orbáns Probleme mit einem Nationalhelden
So meinte er vergangenen Mittwoch anlässlich des Gedenkens an die Märzrevolution gegen die Habsburger vor 175 Jahren: Die Ungarn wollten und sehnten sich nach Frieden, „haben Respekt vor anderen Nationen, erwarten aber auch den gleichen Respekt vor dem ungarischen Volk in Brüssel, Washington und Kiew“.
Man beachte: Der Aggressor Russland, der den Ukrainern Frieden und Freiheit raubt, zählt nicht zu den Feinden Ungarns. Westliche Kritik an seinem antidemokratischen Kurs und seiner Verbrüderung mit dem Kriegsherrn Putin bezieht Orbán nicht auf sich, sondern verfälscht sie als Beleidigung des ungarischen Volkes.
Entlarvende Rechtfertigung
Kürzlich hatte, wie das Internetportal 444.hu berichtet, der Direktor einer Schule in Budapest in vorauseilendem Gehorsam eine Feier zum Nationalfeiertag am 15. März verboten und dies mit einem Bezug auf Orbán begründet: Der Vortrag eines Gedichts des Nationalhelden von 1848, Sándor Petöfi, hätte missverstanden werden können. In dem heißt es: „Zerschlagt die Throne, hängt die Fürsten auf!“ Die entlarvende Rechtfertigung des Direktors für die Selbstzensur: Da „würde ja ein jeder an Orbán denken“.
Petöfis Zorngedicht war gegen den Wiener Kaiser und seine ungarischen Vasallen gerichtet. Auch wenn es der Schuldirektor nicht so deutlich sagt, hält er Orbán offenbar für einen zeitgenössischen „Fürsten“, wie ihn Petöfi und seine „Pester Jugend“ bekämpft hätten. Tatsächlich residiert Orbán wie ein Feudalherr im aufwendig restaurierten Karmeliterkloster im Budapester Burgviertel, hoch über der Stadt.
Politische Sprengkraft eines Gedichts
Erstaunlich, welch politische Sprengkraft in Petöfis revolutionären Versen noch heute steckt. Orbáns „illiberale Demokratie“, wie er sein autoritäres System verschleiernd nennt, hätte bei den Märzrevolutionären keine Gnade gefunden. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Orbán der Name Petöfi kaum über die Lippen kommt, wenn er alle Jahre wieder an 1848 erinnert. Hingegen lassen es sich die Ungarn nicht verbieten, Petöfi als wahren Nationalhelden zu feiern. Denn er bezahlte den Kampf um die Freiheit, den die Habsburger nur mit Hilfe des russischen Zaren niederschlagen konnten, mit dem Leben.