Russland
Druck auf die „slawischen Brüder“
Russlands Präsident Wladimir Putin trifft sich – per Videokonferenz – mit seinem belorussischen Amtskollegen und „Freund“ Alexander Lukaschenko und sichert ihm „allseitige Hilfe“ gegen die Sanktionen des Westens zu. Gleichzeitig lässt der starke Mann im Kreml im Schwarzen Meer seine Kriegsschiffe auffahren, wo gerade Ukraine und USA ihre gemeinsame Militärübung „Sea Breeze“ abhalten.
Der Familiensegen hängt schief
Bei den drei slawischen Brudervölkern im Nordosten Europas steht es mit dem Familienfrieden nicht zum Besten. Der „große Bruder“ Russland hat offenbar eine innige Beziehung zu Belarus, während er seit Jahren versucht, der Ukraine Teile der Erbmasse aus Sowjetzeiten streitig zu machen.
„Rückkehr der orthodoxen Glaubensbrüder“
Die Wurzeln dieser Familienfehde liegen – wie so oft – weit zurück und wirken nach, obwohl sich womöglich längst keiner mehr an den genauen Anlass erinnern kann. Ein Blick in die Geschichte ist da hilfreich: Die östlichen Regionen der heutigen Ukraine waren bereits im 17. Jahrhundert vom Doppelstaat Polen-Litauen abgetrennt worden und befanden sich seitdem unter der Herrschaft Moskaus. 1795 verleibte sich das zaristische Russland schließlich den größten Teil des heutigen ukrainischen Staatsgebiets und das heutige Belarus ein. Diese Abspaltung vom – katholischen – Polen begreifen viele Russen noch heute als „Rückkehr der Glaubensbrüder in den Schoß der orthodoxen Kirche“. Galizien, die heutige Westukraine, fiel an die Habsburger.
1917/18, als das russische Zarenreich und die Habsburger Monarchie infolge des Ersten Weltkrieges zerfielen, waren sowohl Ukrainer als auch Belorussen zu schwach, um eigene Nationalstaaten zu bilden. Ihre Territorien wurden von Sowjetunion und Polen geschluckt. Die UdSSR holte schließlich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges den bei Polen verbliebenen Rest ins Sowjetreich. Belarus und Ukraine erhielten zu dieser Zeit in etwa ihre heutige territoriale Ausprägung – als Teilrepubliken der UdSSR. Das bleiben sie bis zum Zerfall der Sowjetunion 1990.
Auch Solschenizyn gegen Unabhängigkeit
In jenem Jahr schrieb der sowjetische Regimekritiker Alexander Solschenizyn den um Unabhängigkeit ringenden Ukrainern und Belorussen: „Unser Volk hat sich doch ausschließlich wegen der schrecklichen Katastrophe des Mongolenüberfalls und der polnischen Kolonisierung in drei Zweige gespalten, Brüder! Diese harte Trennung ist nicht nötig. Sie stellt eine aus den kommunistischen Jahren kommende Verfinsterung dar.“
Darauf bezog sich vor wenigen Tagen auch Russlands Präsident Wladimir Putin, der im Fernsehen betonte, Russen und Ukrainer seien ein Volk, das „unter dem Einfluss äußerer Faktoren getrennt“ worden sei. Ähnliche Aussagen sind auch immer wieder bezüglich der Belorussen zu hören.
Putin: Russen und Ukrainer „ein Volk“
Der belorussische Präsident Alexandr Lukaschenko, der sich nur mit wirtschaftlicher und militärischer Unterstützung des Kreml noch an der Macht halten kann, verfolgt seit Jahren einen Schlingerkurs zwischen Vasallentreue gegenüber dem „großen Bruder“ und der Betonung einer eigenständigen belorussischen Kultur, Sprache und Identität im Inneren. Die Opposition des Landes, die seit fast einem Jahr auf die Straße geht, pocht auf nationale Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von Russland. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wehrte sich jedoch heftig dagegen, dass Russen und Ukrainer ein Volk seien. Wenn die Russen Brüder seien, so Selenskyj, hätten sie nicht Krim und Donbas besetzt und gegen Ukrainer gekämpft, sagte er.
Das Verhältnis zwischen den „kleinen Brüdern“ Belarus und Ukraine ist weitaus besser, als es die medialen Ausfälle auf beiden Seiten vermuten lassen. Von Kiew wird Belarus gerne mal als Vasall der Russen beschimpft, die Führungsriege in Minsk verunglimpft die Ukraine immer wieder als gescheiterten Staat, in dem Armut Chaos und Krieg herrschten. Auf der anderen Seite pflegen die beiden unter dem Radar der Weltöffentlichkeit gute und stabile Wirtschaftsbeziehungen. Und als die Russen 2014 die Hand nach der Krim und der Ostukraine ausstreckten, bezeichnete Lukaschenko dies als „gefährlichen Präzedenzfall“. Da konnte man durchaus Angst vor den großrussischen Ambitionen des Kreml heraushören.