Meinung
Die Zeit läuft für Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin und seine Entourage haben sicher nicht damit gerechnet, dass der von ihnen angezettelte Angriffskrieg gegen die Ukraine auch nach über einem Jahr noch nicht zu Ende ist. Und das, ohne dass es auch nur eine halbwegs realistische Aussicht auf ein baldiges Ende des Blutvergießens gibt.
Je länger dieser Krieg dauert, umso größer wird das Risiko, dass das grausige Geschehen als zwar schlimme, aber irgendwie hinzunehmende Normalität wahrgenommen wird. Nicht von den Soldaten in den Schützengräben, nicht von den Zivilisten in den zerstörten ukrainischen Dörfern und Städten, nicht von den Millionen Flüchtlingen. Sondern von uns, die wir seit einem Jahr täglich Bilder aus dem geschundenen Land sehen, Berichte über Mord und Vergewaltigung, Not und Elend lesen. Wir werden mit einem Maß an Grauen konfrontiert, das für viele kaum noch erträglich ist. Längst hat dieser Krieg Einzug in unsere Köpfe und Herzen gehalten, in Form von Mitleid für die Betroffenen, von ohnmächtiger Wut auf die Verantwortlichen, von schmerzender Hilflosigkeit, von Angst, dass sich dieser Krieg über die Grenzen der Ukraine bis zu uns ausdehnen könnte.
Der Wunsch, der Krieg möge endlich enden, dürfte kaum in Erfüllung gehen
Je länger dieser Wahnsinn andauert, umso größer wird der Wunsch, er möge endlich enden. Dieser Wunsch dürfte aber kaum in Erfüllung gehen. Und so setzt bei vielen ein Mechanismus ein, der auch aus anderen Krisensituationen bekannt ist: Es wird verdrängt und weggeschaut oder, wenn das nicht gelingt, banalisiert.
Wer so reagiert, ist nicht automatisch ein schlechter oder gefühlskalter Mensch. Dieses Auf-Distanz-Gehen dient vielen vor allem als Selbstschutz, weil sie es sonst kaum aushalten. Diese Form des Ausblendens der Realität tritt vor allem dann auf, wenn Menschen das Gefühl haben, das sie belastende Geschehen selbst nicht beeinflussen zu können – ob es sich nun um Kriege, Hungersnöte oder Naturkatastrophen handelt.
Ein „Erschöpfungskrieg“
Im Falle des Ukraine-Kriegs, den Experten bereits der Kategorie „Erschöpfungskrieg“ zuordnen, könnte die mentale Erschöpfung von auf den ersten Blick Unbeteiligten auf längere Sicht gravierende Folgen für die Lage vor Ort haben. Dann nämlich, wenn immer mehr Menschen in den westlichen Ländern nichts mehr von diesem Krieg wissen wollen, weder aus den Medien noch von ihren Politikern. Letzteren würde es dann immer schwerer fallen, mit ihren Appellen zur Unterstützung der Ukraine Gehör zu finden. Das gilt vor allem für die schon jetzt umstrittene Hilfe mit militärischem Gerät.
Das wiederum würde sich unmittelbar auf die Situation in der Ukraine auswirken. Deren Streitkräfte sind auf westliche Waffen und Waffensystemen unbedingt angewiesen, wollen sie überhaupt eine Chance haben, den russischen Angreifern Paroli zu bieten.
Das alles weiß natürlich auch Wladimir Putin. Genauso wie er weiß, dass Politiker in Demokratien ihre Bürger und Wähler immer wieder von ihren Plänen und Vorhaben überzeugen müssen, was in einer Quasi-Diktatur wie Russland nicht notwendig ist. Und dass diese Überzeugungsarbeit umso schwerer wird, je länger dieser Krieg andauert. Die Zeit spielt, so ernüchternd das auch sein mag, derzeit für Putin.
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