Kalender RHEINPFALZ Plus Artikel Die Heimkehr der „Zehntausend“

Bewegender Empfang: Adenauer wird bei seiner Rückkehr von einer älteren Frau begrüßt, deren Sohn in der Sowjetunion vermisst wur
Bewegender Empfang: Adenauer wird bei seiner Rückkehr von einer älteren Frau begrüßt, deren Sohn in der Sowjetunion vermisst wurde.

Es gilt als einer der größten außenpolitischen Erfolge des ersten Bundeskanzlers: Im September 1955 nahm Konrad Adenauer eine überraschende Einladung nach Moskau an und kam mit der Zusage zurück, dass die letzten deutschen Kriegsgefangenen freigelassen werden. Ein Bluff half ihm dabei.

Die Ankunft am 14. September 1955 auf dem Kölner Flughafen wurde triumphal inszeniert. Eine ältere Frau, Mutter eines noch in Russland vermissten Soldaten, dankte Konrad Adenauer für dessen Einsatz. Der Bundeskanzler war ein Wagnis eingegangen und hatte gewonnen. Durch die Pariser Verträge, die im Mai 1955 in Kraft traten, war das Besatzungsstatut beendet. Kurz darauf lud die sowjetische Regierung Adenauer ein – zwecks Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Das war eine ungewöhnliche Vorgehensweise und überraschend angesichts der Politik der Westbindung des inzwischen 79-jährigen Kanzlers. Die Befürchtung war auch, dass Moskau vor einer Vier-Mächte-Konferenz Zwietracht zwischen Bonn und Washington säen wollte. Doch unter den Westmächten wie in der Bundesrepublik gab es kaum Zweifel, dass die Einladung angenommen werden sollte.

Olivenöl für die Trinkfestigkeit

Adenauer flog am 8. September 1955 Richtung Osten. Zwei Fragen drängten: die Freilassungen der letzten gefangenen deutschen Soldaten und verschleppten Zivilisten sowie die Wiedervereinigung. Weil es in Russland noch keine deutsche Botschaft gab, fuhr extra ein Sonderzug der großen Delegation hinterher – mit einer schalldichten Kabine abhörsicher ausgestattet für die Beratungen. Die Verhandlungen mit der neuen sowjetischen Führung um den Chef der Kommunistischen Partei, Nikita Chruschtschow, und den Ministerpräsidenten Nikolai Bulganin gestalteten sich schwierig und zäh. Kolportiert wird, dass die Deutschen zur Stärkung ihrer Trinkfestigkeit eifrig Olivenöl konsumierten.

Ehrenwort beim Festbankett

Eher ausschlaggebend dürfte allerdings ein Verhandlungstrick gewesen sein – zumindest stellten es die Teilnehmer der Delegation später so dar: Adenauer ließ durchblicken, dass er die vorzeitige Abreise vorbereite. Dabei wollte er sicher nicht mit leeren Händen wieder nach Deutschland kommen. Die sowjetische Seite wiederum hatte die Gefangenen als Pfand, die sie jedoch wohl sowieso loswerden wollte. In Sachen deutsche Einheit konnte kein Durchbruch erzielt werden, doch der Kanzler erhielt beim Festbankett das Ehrenwort der Gastgeber: Die Gefangenen dürften nach Hause.

Tatsächlich erreichten die ersten Heimkehrer im Oktober 1955 das Durchgangslager Friedland, bis Anfang 1956 kamen mehr als 9600 Kriegsgefangene (darunter auch Kriegsverbrecher) sowie 20.000 Zivilinternierte nach Deutschland zurück. Diese „Heimkehr der Zehntausend“ war ein emotionales Ereignis für die junge, gerade erst selbstständig agierende Republik. Adenauers Popularitätswerte stiegen.

Der Jubiläumskalender

DIE RHEINPFALZ feiert in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag. In diesem Kalender erinnern wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.

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