Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Die Generation Z und der Arbeitsmarkt: Wie kann das besser funktionieren?

Dass junge Menschen zu Vorstellungsgesprächen oder zum ersten Arbeitstag nicht erscheinen, ist keine Ausnahme mehr, sagt Unterne
Dass junge Menschen zu Vorstellungsgesprächen oder zum ersten Arbeitstag nicht erscheinen, ist keine Ausnahme mehr, sagt Unternehmensberaterin und Autorin Susanne Nickel.

Die Generation Z, zwischen 1995 und 2010 geboren, kommt auf den Arbeitsmarkt – und hat ganz andere Vorstellungen als die Älteren. Am besten eine Vier-Tage-Woche und bloß keine Verantwortung: Damit gefährden die jungen Leute den Wirtschaftsstandort Deutschland, schreibt die Autorin Susanne Nickel. Im Gespräch mit Elena Bruckner erklärt sie, wie es gelingen kann, den Generationenkonflikt in der Arbeitswelt zu lösen.

Frau Nickel, ich bin Jahrgang 1996, habe seit fast vier Jahren einen Vollzeitjob und bin auch noch nie zu einem Vorstellungsgespräch nicht aufgetaucht. Bin ich damit schon eine Ausnahme in meiner Generation?
Auf jeden Fall scheinen Sie sehr engagiert und zuverlässig zu sein. Die Dinge, die ich in meinem Buch beschrieben habe, sind natürlich auch sehr zugespitzt. Am Anfang dachte ich noch, wenn jemand zum Bewerbungsgespräch oder zum ersten Arbeitstag nicht erscheint, ist das eine totale Ausnahme. Dann habe ich mit vielen Unternehmen gesprochen und habe festgestellt: Es ist eben keine Ausnahme. Der Punkt ist, dass die Generation Z im Verhältnis zu meiner Generation eine sehr kleine Kohorte ist. In der Generation X (Jahrgänge 1965 bis 1980) war es so, dass wir viele Bewerbungen geschrieben haben und froh waren, überhaupt ein Jobangebot zu erhalten. Viele Juristen sind damals nach dem zweiten Staatsexamen sogar Taxi gefahren. Es gibt jetzt eine Generation der Mangelware, die sich viele Dinge aussuchen kann und somit mit den Füßen abstimmt. Daneben nehme ich eine Tendenz wahr, weniger statt mehr arbeiten zu wollen.

Wenn Sie selbst nach Ihrem Studium diese Auswahlmöglichkeiten gehabt hätten, hätten Sie dann nicht auch ganz genau hingeschaut, welcher Job der richtige für Sie ist?
Ja, total, und ich finde es auch richtig, das zu tun. Wenn ich ein besseres Angebot erhalte, ist es doch menschlich, das anzunehmen. Die Frage ist nur, wie kommuniziere ich? Dieses Job-Ghosting, bei dem Menschen am ersten Arbeitstag nicht erscheinen oder das Bewerbungsverfahren abbrechen, ohne in die Kommunikation zu gehen, ist das, was es so schwierig macht. Wenn ich einfach nicht erscheine, frisst das in den Unternehmen enorme Ressourcen und daneben gibt es auch kein Feedback für die Personaler und Führungskräfte, damit sie etwas verbessern könnten. Junge Menschen sind ja viel in den sozialen Medien unterwegs, aber das ist etwas ganz anderes, als in die persönliche Kommunikation zu gehen.

Ihr Buch heißt „Verzogen. Verweichlicht. Verletzt.“ Wer oder was hat denn die Generation Z so verzogen und verweichlicht?
Wie der Titel schon sagt – es ist ja nicht so, dass ich mich selbst verziehen kann. Ein großer Teil fällt natürlich auf die Erziehung zurück. Eltern wollen prinzipiell das Beste für ihr Kind, was auch gut ist. Nur gibt es mittlerweile einen Überprotektionismus. Der führt dazu, dass man will, dass das Kind keine Fehler macht, dass es nicht scheitert, dass es gelobt wird, auch wenn etwas nicht so gut klappt. Wenn ich als Elternteil alles übernehme, wenn das Kind keine eigenen Erfahrungen machen kann, dann kommen Menschen heraus, die denken, sie sind perfekt. Und wenn diese jungen Menschen im Unternehmen einmal schlechtes Feedback bekommen, können sie das gar nicht aushalten. Da werden Menschen großgezogen, die sich schwertun, sich unterzuordnen. Sie wollen überall mitreden, was im Prinzip auch nicht schlecht ist. Nur sind die Älteren anders sozialisiert. Da braucht man einen Dialog, damit man gemeinsam konstruktive Lösungen findet.

Welche Spannungen erleben Unternehmen zwischen Generation Z und Boomern?
Viele Dinge stoßen auf Unverständnis. Es ist zum Beispiel oft so, dass die Jüngeren manchmal ein bisschen bevorzugt behandelt werden, weil sie die Zukunft sind und man ihnen viele Incentives anbietet. Und da muss man extrem aufpassen, dass kein Konflikt entsteht. Häufig lehnen junge Menschen Leistungsorientierung ab mit dem nachvollziehbaren Argument: „Ich kriege sowieso keine Rente, warum soll ich mich überhaupt anstrengen?“ Und die Älteren sagen: „Aber unsere Leistungsorientierung hat uns da hin gebracht, dass es einen Aufschwung gab.“ Das sind einfach Dinge, über die man sprechen muss, damit sich der Generationskonflikt nicht weiter zuspitzt.

Die Schüler und Studierenden mussten während der Corona-Pandemie mit am meisten zurückstecken. Ist es nicht auch deshalb verständlich, dass diese Generation jetzt erstmal ihre eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund stellt?
Der Punkt ist: Viele junge Menschen sind wohlbehütet aufgewachsen und dann kam Corona. Es ist total verständlich dass junge Menschen, die noch nicht so viel Resilienz in ihrem Leben aufbauen konnten, total überfordert waren und erst einmal an die eigene Entwicklung denken. Nichtsdestotrotz warne ich auch vor einem Ego-Trip, denn das bringt uns als Wirtschaftsstandort und auch die Unternehmen nicht weiter. Natürlich sollten sich Leistung und Arbeit auch wieder lohnen. Es geht darum, zu schauen: Was kann ich für einen Beitrag leisten? Wenn ich junge Menschen sehe, die sagen: „Ich will mehr Coaching“, dann ist das ein guter Wunsch, aber Unternehmen sind nicht nur Coaching-Einrichtungen. Ich glaube, es braucht auch Führungskräfte, die junge Menschen wirklich anhören und mit ihren Interessen sehen, die sie emotional gut abholen und binden können.

Wie kann man den Leuten klarmachen, dass so etwas Abstraktes wie der Wirtschaftsstandort wichtiger ist als die eigene Vier-Tage-Woche?
Ich glaube, man muss einfach mal aufzeigen, wie ein Unternehmen funktioniert. Ich erlebe ganz oft, dass junge Menschen horrende Forderungen haben oder dass bei ihnen gar kein großes Interesse besteht, zu verstehen, wie ein Unternehmen wirtschaftet. Ich finde es wichtig, dass man das den jungen Menschen erklärt. Und zwar nicht nur die Zahlen, Daten, Fakten, sondern auf eine Art und Weise, wo sie in ihren Bedürfnissen und Interessen abgeholt werden. So könnte man auf die Sicherheit hinweisen, die ein Unternehmen bietet und auf den Erhalt der Arbeitsplätze, denn Sicherheit ist ein wichtiges Bedürfnis junger Menschen. Und da bin ich auch kritisch Unternehmen gegenüber: Viele sagen, sie sind sehr wertschätzend, sie haben eine tolle Führungskultur. Und wenn man ein bisschen tiefer gräbt, merkt man, es ist doch noch nicht ganz so. Da geht es sehr rau zu, nicht wirklich wertschätzend und respektvoll. Das funktioniert heutzutage einfach nicht mehr.

Wie muss sich die Rolle der Führungskräfte ändern?
Ich glaube, wir sind an einem Wendepunkt angelangt. Wir müssen das, was wir seit Jahren predigen, endlich umsetzen. Bei Veränderungen geht es nicht nur darum, dass die Technik funktioniert, sondern, dass die Menschen abgeholt werden. Es braucht Führungskräfte, die zugewandt sind, bei denen das wirkliche Interesse am Menschen eine große Rolle spielt, und die versuchen, Menschen so zu führen, dass sie gerne dort arbeiten. Wenn ich unzufrieden bin und mich nicht gesehen fühle, gebe ich keine Höchstleistung.

Was kann die Generation Z besser als Menschen aus älteren Generationen?
Die Z-ler sind total flexibel, was cool ist. Sie sind digital absolut affin, sind neugierig, wollen etwas bewegen. Ältere, die vielleicht schon jahrelang im Job sind – und wir wissen ja, wie das ist, die Macht der Gewohnheit – schauen manchmal nicht mehr so über den Tellerrand. Wenn wir das zusammentun, kann auch etwas Großes entstehen.

Zur Person

Susanne Nickel, 1967 in Ludwigshafen geboren, ist als niedergelassene Rechtsanwältin, selbstständige Unternehmensberaterin, Autorin, Coach und Speakerin tätig. Im März dieses Jahres erschien ihr achtes Buch „Verzogen. Verweichlicht. Verletzt. Wie die Generation Z die Arbeitswelt auf den Kopf stellt und uns zum Handeln zwingt.“, das in die Bestseller-Liste des „Spiegel“ aufgenommen wurde. Nickel lebt in München und am Tegernsee.

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