Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Die Atomkraft ist nicht zu beherrschen

In Deutschland werden die stillgelegten Kernkraftwerke zurückgebaut. Hier die Sprengung eines Kühlturms vom AKW Biblis im Februa
In Deutschland werden die stillgelegten Kernkraftwerke zurückgebaut. Hier die Sprengung eines Kühlturms vom AKW Biblis im Februar.

Der Jahrestag der Reaktor-Katastrophe in Japan ist eine gute Gelegenheit, die Argumente der Kernkraft-Befürworter unter die Lupe zu nehmen. So vieles wird dabei ausgeblendet.

Zwölf Jahre sind seit der Atomkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011 vergangen. Wobei die Europäer gerne vergessen, dass es ja eine Dreifach-Katastrophe war: Seebeben, Tsunami, dann die Reaktorkernschmelzen. In der Politik sind zwölf Jahre eine lange Zeit. Und so erinnern sich in Deutschland immer weniger Menschen daran, wie die damalige Bundeskanzlerin und studierte Physikerin Angela Merkel den Beschluss zum stufenweisen Ausstieg Deutschlands aus der Kernkraft begründete. Sie habe leider erkennen müssen, dass die Atomkraft nicht vom Menschen beherrschbar sei, sagte sie.

Doch einige Zeit später kündigten weltweit mehrere Regierungen den Neubau von Atomkraftwerken oder gar den Einstieg in diese Technologie an. Mal musste der sich verschärfende Klimawandel als Begründung herhalten (zumindest im Betrieb der Meiler wird kaum Kohlendioxid frei). Mal ging es um die vermeintliche Versorgungssicherheit, weil die Kernreaktoren rund um die Uhr laufen können. Im Falle der Europäer ist das Argument der Versorgungssicherheit indes verquer, weil die Brennstäbe oder deren Bestandteile häufig aus Russland stammen oder aus dessen Satellitenstaaten.

Kein Wasser zur Kühlung mehr

Immer wieder wird bei den Begründungen pro Kernkraft Entscheidendes ausgeblendet. Um darauf zu stoßen, muss man nicht weit zurückgehen. Was, zum Beispiel, wird nach dem verheerenden Erdbeben aus den vier Reaktoren, die die Türkei – mit russischer Hilfe – baut? Im Süden des Landes, nur 600 Kilometer vom Epizentrum entfernt. Krieg ist auch in Europa wieder zur Gefahr geworden. In Frankreich, das sich wie kein zweiter Staat der Atomkraft verschrieben hat, stand im vergangenen Jahr die Hälfte der Meiler still. Wegen Revisionsarbeiten, aber auch, weil die Flüsse kein Wasser mehr zur Kühlung liefern konnten. Dies war kein singuläres Ereignis, sondern ist schon öfter vorgekommen – und dann hilft insbesondere Deutschland mit Strom aus. Und nun das: Am Mittwoch wurde gemeldet, dass im Meiler Penly am Ärmelkanal an einer Leitung des Notkühlsystems ein langer Riss entdeckt wurde. Der Chef der Aufsichtsbehörde sprach bei einer Anhörung im französischen Senat von einem „gravierenden Problem“.

Gut, man mag nun argumentieren, dass dieses Beispiel (unter vielen anderen) zeigt, dass die Überwachung funktioniert. Doch der Befund zeigt eben auch, dass es keine 100-prozentige Sicherheit gibt. Schon gar nicht in Ländern mit nicht ganz so hohen Standards wie in Frankreich. Bei einer Hochrisikotechnologie ist dies – siehe Angela Merkel – brandgefährlich.

Erstes Endlager im dünnbesiedelten Finnland

Hinzu kommt, dass der Umgang mit den Hinterlassenschaften des Reaktorbetriebs in den (Aus-)Bauplänen einfach keine Rolle spielt. In allen Fällen ist es der Staat, der sich darum kümmern soll und muss, während die Stromherstellung vielfach gewinnbringend privatwirtschaftlich abläuft. Das erste Land, das derzeit überhaupt in die zeitliche Nähe eines funktionierenden Endlagers für hochradioaktiven Müll kommt, ist das dünnbesiedelte Finnland. Endlager bedeutet übrigens einen sicheren Verschluss über eine Million Jahre!

Die Atom-Befürworter reden sich den Einsatz dieser Technik schön mit Argumenten wie: Der Müll wird unter die Erde gebracht und ist dann „weg“. Oder: Bestimmt kann man den Abfall später einmal mit verbesserten Möglichkeiten unschädlich machen. In Wahrheit jedoch nutzen nun ein bis zwei Generationen den mit der Spaltung von Atomkernen erzeugten Strom – und kippen dann die hochgiftigen Überbleibsel den Nachfahren vor die Füße.

x