Gesundheit Depressionen: KI als beliebte Informationsquelle
Zum ersten Mal bemerkte Liv, dass etwas nicht stimmt, als sie mit 18 zum ersten Mal auf einem Festival war und gar keine Freude verspürte. „Da war ich schon etwas enttäuscht, aber ich wäre nicht darauf gekommen, dass das eine Depression ist“, sagt die heute 25-Jährige. Ein paar Jahre später, während des Studiums, kam die nächste depressive Phase. „Ich habe nur noch auf der Couch gelegen, konnte mich nur noch für meine Kurse und die Arbeit aufraffen. Und auch da hatte ich das Gefühl, ich versage“, sagt Liv.
Die ersten Anlaufstellen auf der Suche nach Hilfe waren die psychologische Beratungsstelle ihrer Hochschule – und die Google-Suche. So geht es vielen Betroffenen. Laut dem „Depressionsbarometer Deutschland“ der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die am Dienstag vorgestellt wurde, ist die Recherche mithilfe von Suchmaschinen für den Großteil der Betroffenen die wichtigste Methode, sich online über die Krankheit zu informieren.
Suchmaschinen als erste Anlaufstelle
Für die Studie wurden rund 5000 Erwachsene zwischen 18 und 69 Jahren und rund 100 Jugendliche im Alter von 16 bis 17 Jahren befragt. Davon gaben 24 Prozent an, schon einmal die Diagnose Depression erhalten zu haben. 78 Prozent der Betroffenen gaben an, im Internet nach Informationen zu der Krankheit gesucht zu haben. Sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Jugendlichen stehen dabei Suchmaschinen an erster Stelle. An zweiter und dritter Stelle geben Erwachsene an, sich gezielt auf Websites von Krankenkassen sowie Ärzten und Kliniken zu informieren. Bei den Jugendlichen stehen an zweiter und dritter Stelle dagegen soziale Medien und mit künstlicher Intelligenz betriebene Chatbots wie ChatGPT, die bei den Erwachsenen eher eine untergeordnete Rolle spielen.
„Wir sehen da eine ganz dramatische Entwicklung“, sagt der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Ulrich Hegerl. Menschen sähen die künstliche Intelligenz immer häufiger als eine Art Coach, mit dem sie in den Dialog treten könnten. „Damit geht wertvolle Zeit verloren, bis sie sich entscheiden, eine therapeutische Behandlung anzufangen“, sagt Hegerl. Er vermute auch, dass Betroffene im Umgang mit einem Computer weniger Schwierigkeiten hätten, sich zu öffnen, als mit einem menschlichen Therapeuten. Bisher gebe es allerdings wenig Forschungsergebnisse dazu, wie KI-Programme im therapeutischen Bereich nutzen oder schaden können.
Soziale Medien: Austausch und Negativspirale
Bei den sozialen Medien zeigt die Studie sowohl positive als auch negative Effekte für an Depressionen Erkrankte. Demnach gebe es zum einen die Möglichkeit zum Austausch mit anderen Betroffenen, wodurch man sich weniger einsam fühle. Zum anderen gaben Betroffene an, sich durch Erfahrungsberichte heruntergezogen zu fühlen und Erfolgsgeschichten anderer, die eine depressive Phase überwunden haben, als bedrückend zu empfinden.
Für Liv haben soziale Medien in der Zeit, als sie angefangen hat, sich Hilfe zu suchen, keine Rolle gespielt, sagt sie. „Ich habe in meiner depressiven Phase aber sehr viel Zeit damit verbracht, durch Instagram zu scrollen und mich dann schlecht gefühlt, weil ich zu viel Zeit verschwendet habe.“ Jetzt, wo sie eine therapeutische Behandlung hinter sich hat, folge sie in den sozialen Medien auch anderen Menschen, die offen mit ihrer Depression umgehen. Aus den Informationen, die in den sozialen Medien verfügbar sind, sehe sie vor allem einen Nutzen für Freunde und Angehörige von Betroffenen: „Viele wissen nicht, wie sie mit einer Person umgehen sollen, die an Depressionen erkrankt sind.“ Da könnten Erfahrungsberichte anderer weiterhelfen.