Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Corona-Restriktionen: Zeit für die große Freiheit

Wer sich impfen lässt, schützt nicht nur sich selbst, sondern übernimmt auch Verantwortung für seine Mitmenschen.
Wer sich impfen lässt, schützt nicht nur sich selbst, sondern übernimmt auch Verantwortung für seine Mitmenschen.

Alle Restriktionen aufzuheben, sobald jeder Bürger ein Impfangebot erhalten hat: Das ist kein Populismus. Der Staat ist nicht dafür da, Impfverweigern das Infektionsrisiko abzunehmen.

Die Deutschen gehen mindestens mit zwiespältigen, vielleicht gar mit unguten Gefühlen in ihren zweiten Corona-Sommer. Zwar eröffnet eine seit Langem sinkende Inzidenz, die sich nun stabilisiert, Möglichkeiten zu weitgehend unbeschwerten Ferien. Jedenfalls so lange sie in Deutschland verbracht werden. Hinzu kommt die immer weiter steigende Anzahl von Geimpften. Weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat schon eine Erstimpfung erhalten, was allein schon einen gewissen Schutz vor schweren Verläufen garantiert. Mehr als ein Drittel ist sogar schon vollständig geimpft. Das Versprechen der Bundesregierung, bis zum Ende des Sommers jedem Bürger ein Impfangebot zu machen, dürfte früher als erwartet erfüllt werden.

Aber andererseits gewinnt die Delta-Variante des Virus auch bei uns die Überhand. Und sie ist deutlich ansteckender als die bisherigen Typen. Es fällt nicht leicht, diese beiden gegenläufigen Tendenzen richtig einzuschätzen. Daraus resultiert gelegentlich eine manchmal leicht irrationale Sorge, die jeder Lockerung von coronabedingten Einschränkungen überaus kritisch gegenübersteht.

Zunge über Hirn?

In dieser emotional komplizierten Gemengelage erregt nun der Vorstoß von Heiko Maas (SPD) Aufsehen, der alle Restriktionen aufheben will, sobald jeder Bürger ein Impfangebot erhalten haben wird, womöglich also schon im August. Kein Maskenzwang mehr, kein Limit für die Innengastronomie, offene Theater und volle Fußballstadien. Ist das Populismus? Schließlich ist Wahlkampf und da siegt schon mal Zunge über Hirn.

Aber Maas hat recht und spricht eine Selbstverständlichkeit aus. Es ist an der Zeit, die Gretchenfrage der Corona-Politik ehrlich zu beantworten. Für die sehr einschneidenden Beschränkungen bis hin zu den Lockdowns gab es spätestens, nachdem die besonders gefährdeten Gruppen vor allem durch die Impfungen geschützt waren, überhaupt nur eine Begründung: die Überlastung der Kliniken und der Intensivstationen zu verhindern, die zu einem Kollaps des Gesundheitswesens hätten führen können. Der Staat muss dafür sorgen, dass dieses Gesundheitssystem weiter funktioniert.

Verantwortung übernehmen

Er ist aber – über die Bereitstellung eines Impfangebots hinaus – nicht dafür da, jedem Bürger das Infektionsrisiko abzunehmen. Hier nämlich beginnt die Eigenverantwortung. Wer es ablehnt, sich und andere per Impfung zu schützen, verhält sich nicht nur unsolidarisch, er muss auch mit dem Risiko leben. Vor allem aber haben Impfverweigerer nicht das Recht, geimpften Menschen ihr natürliches Recht auf freie Lebensentfaltung zu beschneiden.

Die Mediziner aber sagen uns, dass der Impfschutz dafür sorgen wird, dass selbst eine „vierte Welle“ mit vergleichbaren Inzidenzen wie in den vorherigen Hochphasen das Gesundheitssystem eben nicht überlasten wird, da sie wohl zu mehr Krankenständen, aber nicht zu sehr viel mehr Krankenhauseinweisungen führen werde. Daraus leitet Maas seine Forderung ab.

Kein Präsenzunterricht um jeden Preis

Zwei Dinge sind allerdings noch zu bedenken: Es gibt Menschen, für die es noch gar keinen zugelassenen Impfstoff gibt: Kinder unter zwölf Jahren. Für sie trägt der Staat und die Gesellschaft Verantwortung. Einen Präsenzunterricht „um jeden Preis“ darf es nicht geben, bei tragfähigen Konzepten aber sehr wohl.

Und zweitens muss man sich die Gruppe derer anschauen, die bislang noch nicht zur Impfung entschlossen sind. Das sind nicht nur Schwurbler, Träumer und Ideologen. Darunter gibt es auch sozial benachteiligte Menschen, die von keinem Angebot erreichbar waren. Und es gibt Zögernde, die sich noch mehr Aufklärung wünschen. Sie muss man überzeugen und nicht stigmatisieren.

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