Arbeitsmarkt RHEINPFALZ Plus Artikel Corona erschwert Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit

In Alten- und Pflegeheimen können ehemals Langzeitarbeitslose die Mitarbeiter bei deren Arbeit unterstützen.
In Alten- und Pflegeheimen können ehemals Langzeitarbeitslose die Mitarbeiter bei deren Arbeit unterstützen.

Über Jahre ist die Anzahl der Langzeitarbeitslosen stetig gesunken – dann kam Corona. Seitdem sind wieder mehr Menschen zwölf Monate und länger ohne Job. Das werden auch die Arbeitsmarktzahlen für Juni zeigen, die am Mittwoch vorgelegt werden. Aber es gibt auch ermutigende Beispiele lange Zeit Erwerbsloser, denen der Wiedereinstieg ins Berufsleben gelingt.

Schwer vermittelbar – so werden im Fachjargon Menschen bezeichnet, die vergleichsweise geringe Chancen haben, einen Job zu finden. Weil es ihnen an Qualifikationen und fachlichen oder auch sprachlichen Fähigkeiten mangelt. Weil sie krank sind. Oder alleinerziehend. Oder im fortgeschrittenen Alter. Oder schon länger aus dem Berufsleben raus. Besonders heikel wird es, wenn mehrere dieser Merkmale zusammenkommen. Betroffene finden sich dann leicht in der Gruppe der Langzeitarbeitslosen wieder, die schon ein Jahr und länger keiner Erwerbsarbeit nachgehen.

Katja Gebauer und Erich Holstenkamp* haben es trotzdem geschafft. Beide arbeiten seit einigen Monaten im Haus Christopherus, einem Seniorendomizil in Ludwigshafen-Rheingönheim. Die Mittfünfzigerin, eine gelernte Bürokauffrau, war zuvor bei einem Personaldienstleister beschäftigt – nach sieben Jahren Arbeitslosigkeit. Wie Gebauer ist auch der einige Jahre ältere Holstenkamp behindert. Nach sechs Jahren Arbeitslosigkeit fand er 2019 einen Job als Hausmeister, seit vergangenem Jahr ist er in dem Seniorenheim beschäftigt. Er lobt das „sehr gute Betriebsklima“ in dem Haus, hier werde er als ehemaliger Hartz-IV-Empfänger nicht „schief angeguckt“, sondern freundlich behandelt. Auch Katja Gebauer freut sich über die Chance; andere Arbeitgeber hätten auf ihre Schwerbehinderung des Öfteren abgeschreckt reagiert.

So mancher entpuppt sich als „Diamant“

Kai Strittmatter* ist deutlich jünger. Keine Ausbildung, Ein-Euro-Jobs – nun arbeitet er als Haustechniker im Haus Christopherus. Qualitätsmanagerin Kira Merkel meint auch ihn, wenn sie sagt, dass man unter Mitarbeitern, die zuvor lange Zeit arbeitslos waren, immer wieder auch „Diamanten“ entdecke. Strittmatter sei auch als „Person gewachsen“, verweist sie auf die Bedeutung, die Erwerbsarbeit – neben dem rein finanziellen Aspekt – für Menschen hat. Wie zur Bekräftigung sagt Strittmatter, dass er überlege, eine Umschulung oder eine Ausbildung zu machen. Das zeugt von Vertrauen in sich selbst und seine Fähigkeiten – eine ganz wichtige Ressource, die vielen Langzeitarbeitslosen aber nach und nach verloren geht.

Dank eines über Jahre boomenden Arbeitsmarkts nahm die Anzahl der Langzeitarbeitslosen in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten deutlich ab. Fielen 2006 noch 1,9 Millionen Erwerbslose in diese Kategorie, waren es zu Beginn der Corona-Pandemie nur noch 700.000. In Rheinland-Pfalz halbierten sich die Zahlen im gleichen Zeitraum von 55.000 auf 27.500.

Seitdem aber steigen die Zahlen erneut, haben bundesweit wieder die Millionen-Grenze erreicht. In Rheinland-Pfalz waren im Mai gut 42.700 Menschen langzeitarbeitslos – 12.000 beziehungsweise 39 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Sprich: Viel von dem, was in den vergangenen Jahren erreicht wurde, hat die Pandemie wieder zunichte gemacht.

Und die Zahlen werden wohl erst einmal auf hohem Niveau verbleiben, sagt Heidrun Schulz, Chefin der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit. Zwar habe es zuletzt wieder mehr freie Stellen gegeben – aber eben nicht für Langzeitarbeitslose. So handele es sich nur bei einem Fünftel der Stellen um Helferjobs – gerade dort aber können Menschen, die zuvor lange arbeitslos waren, wieder Fuß fassen. Denn viele von ihnen haben nie eine Berufsausbildung absolviert. Und selbst wenn die Konjunktur jetzt wieder anspringt, bedeute das nicht immer, dass Unternehmen neue Kräfte einstellten, erläutert Heidrun Schulz. Häufig gehe es zunächst darum, die eigene Belegschaft wieder aus der Kurzarbeit herauszuholen.

Ein Gesetz eröffnet neue Chancen

Menschen, die lange Zeit erwerbslos waren, wieder in Arbeit zu bringen, ist häufig ein für alle Beteiligten schwieriger Weg, der Geduld und Durchhaltevermögen erfordert. In den vergangenen Jahren wurden hierzu viele Maßnahmen und Konzepte ersonnen. Um die neuerdings gestiegene Langzeitarbeitslosigkeit wieder abzubauen, brauche es deshalb keine neuen Instrumente, sagt BA-Regionalchefin Heidrun Schulz. Engagement aber ist auf alle Fälle vonnöten. Haus Christopherus mit seinen 130 bis 140 Mitarbeitern sei ein „sehr sozialer Arbeitgeber“, mit dem man gerne zusammenarbeite, sagt Alexander Hornschuch, Bereichsleiter Markt & Integration beim Jobcenter Ludwigshafen-Vorderpfalz. Hier werde auch auf die Bedürfnisse der Beschäftigten eingegangen – und die sind nach langer Arbeitslosigkeit manchmal andere als bei Arbeitnehmern mit „normaler“ Erwerbsbiografie. Aber die Einrichtung sei keineswegs einzigartig, viele private und öffentliche Arbeitgeber in und um Ludwigshafen seien „Chancengeber“, sagt Hornschuch.

Katja Gebauer und ihre beiden Kollegen gehören zu jenem Personenkreis, für den 2019 das „Teilhabechancengesetz“ verabschiedet wurde. Ziel dieses Gesetzes ist es, die Aussichten von Langzeitarbeitslosen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern und sie in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu vermitteln. Stellt ein Arbeitgeber im Rahmen dieses Programms jemanden ein, der zwei Jahre und länger arbeitslos war, werden die Lohnkosten zunächst mit 75 Prozent, im zweiten Jahr mit 50 Prozent bezuschusst. Von diesem Instrument haben laut der BA-Regionaldirektion im Februar 2021 in Rheinland-Pfalz 544 Menschen profitiert.

Hat der Mitarbeiter in den vergangenen sieben Jahren sechs Jahre oder länger Hartz-IV-Leistungen bezogen, werden anfangs die gesamten Lohnkosten übernommen. Die Höhe der Zuschüsse sinkt innerhalb der maximal fünfjährigen Förderung. Auf diesem „sozialen Arbeitsmarkt“ wurden im Februar 2021 landesweit 1382 Personen gezählt.

„Es kann schön sein, zur Arbeit zu kommen“

In beiden Fällen werden die Beschäftigten betreut, wobei sich das Coaching ausdrücklich nicht auf den Job beschränkt, sondern auf die individuellen Problemlagen und Bedürfnisse eingeht. Das kann von Beratung bei Überschuldung und Suchtproblematik bis zur Hilfe bei Betreuungsmöglichkeiten für den Nachwuchs oder zu pflegende Angehörige reichen.

Diese umfassende Betreuung sieht Alexander Hornschuch – neben der Möglichkeit, sozialversicherungspflichtig zu arbeiten – als wichtigen Grund dafür, dass die Abbrecherquote bei diesem Programm vergleichsweise niedrig ist. Häufig fungierten die Coaches auch als Vermittler zwischen Beschäftigten und Arbeitgeber. Erich Holstenkamp jedenfalls ist sich sicher, dass er ohne dieses Gesetz keinen Job mehr bekommen hätte.

Bernd Liebenow, der das Haus Christopherus mit 102 Betten für Pflegebedürftige leitet, spricht mit Blick auf die Beschäftigung ehemals Langzeitarbeitsloser von einer „Win-win-Situation“, von der neben den Beschäftigten und dem Unternehmen vor allem auch die Bewohner profitierten. Denn diese Mitarbeiter, deren Beschäftigung staatlich gefördert wird, ersetzen nicht die Stammbelegschaft, sondern übernehmen ergänzende Aufgaben. „Wir wollen den Menschen aufzeigen, dass es schön sein kann, zur Arbeit zu kommen“, betont er. Und damit habe man „sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Liebenow, in dessen Einrichtung derzeit 25 Mitarbeiter im Rahmen des Teilhabechancengesetzes beschäftigt sind.

*Namen von der Redaktion geändert

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