Politik
Brenner: Tirol sperrt Urlaubern die Schleichwege nach Italien
Wer nach Italien will, muss sich am Brenner auf lange Staus einstellen. Etwa wegen der Baustelle auf der Europabrücke. Viele umfahren deshalb die Autobahn. Tirol sperrt den durchreisenden Urlaubern nun die Schleichwege. Unser Korrespondent war vor Ort und hat gefragt, was die Einheimischen davon halten. Als Deutscher musste er sich bei seiner Recherche so einiges anhören.
Das Panorama, ohne Frage, ist phänomenal. Aus dem Inntal steigt die Straße hoch. Vorbei geht es an mannshoch bewachsenen, getreidegoldenen Feldern und durch Dörfer mit alten, reichen Bauernhöfen, deren mächtige Holzgiebel weit auf die Straße vorragen. Vom Karwendelgebirge im Norden ist jeder Gipfel, jeder Grat, jede Schrunde zu sehen. Unten breitet sich Innsbruck aus.
Diese Straße ist die Hölle. Für alle, die an ihr wohnen. Jedes Wochenende, im Sommer auch noch häufiger. Da staut sich der Urlauberverkehr mehr als zwanzig Kilometer lang. Da ist kein Vorwärtskommen mehr und kein Zurück. Die L 38 oder „Römerstraße“, wie sie in Tirol offiziell heißt, windet sich hinauf zum Brennerpass. Sie gehört zu den meistbefahrenen Schleichwegen, wenn auf der Autobahn daneben – wegen der Baustelle auf der Europabrücke zum Beispiel – mal wieder gar nichts geht und die Navis zum Ausweichen raten. Oder wenn sich Leute die 9,50 Euro Brennermaut sparen wollen.
Behinderung des freien Reise- und Warenverkehrs
Genauer muss man sagen: Die Römerstraße war eine Ausweichstrecke, denn sie gehört zu denen, die das Land Tirol als „Notwehrmaßnahme gegen den Verkehrswahnsinn“ seit dem Pfingstwochenende für alle Durchreisenden geschlossen hat. Als „reine Schikane und unsägliches Verhalten“ geißelt der Verkehrsminister im Nachbarland Bayern, Hans Reichhart (CSU), diese Wochenendsperren. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will Tirol wegen „diskriminierender“ Behinderung des freien Reise- und Warenverkehrs gar vor ein EU-Gericht zerren.
Aber wen immer man in Tirol dieser Tage fragt: Da haben die Bayern ganz schlechte Karten. Die Deutschen überhaupt, die das Gros des Durchreiseverkehrs stellen. „Die stiefeln daheim ja auch nicht einfach durch den Garten des Nachbarn“, sagt eine Frau unten im Dorf Aldrans, wo die Römerstraße anfängt, „aber uns gegenüber gibt’s keinen Respekt“. Gerade Bayern habe sich mit seinem „Eindreschen“ auf das kleine Tirol „dermaßen unangenehm verhalten ...“ Da wäre „ein bisschen Demut“, sagt die Frau, schon ratsamer.
Vor dem „Mpreis“, dem Supermarkt in Aldrans. Die Dorfbewohner machen ihre Mittagseinkäufe und erzählen, wie es so ist, wenn die Urlauberlawine mal wieder heranrollt. Da könnten sie „nicht mehr über die eigene Straße“ gehen. Die Kinder von der Schule abholen sei eine Unmöglichkeit – drei Stunden brauchten sie bis nach Hause.
„Die Deutschen. Typisch.“
So viel Verkehr wie dieses Jahr, sagen sie in Aldrans außerdem, hätten sie noch nie erlebt. „Gefühlt alle zwei Wochen verdoppelt er sich.“ Neulich, erzählt eine junge Frau, sei ihr „sogar auf dem Schotterweg zur Mülldeponie“ ein holländisches Wohnmobil entgegengekommen: „Das Navi …“
Eine ältere Frau stürmt voller Wut auf den Reporter zu. Da habe ihr doch glatt ein Auto mit deutschem Kennzeichen die Einfahrt zum Supermarkt versperrt. „Das waren doch Sie, oder?“ Der Reporter kann schwören, wie er will, dass er unschuldig ist. Die Frau wütet dennoch weiter: „Die Deutschen. Typisch. Die meinen immer, es steht ihnen alles zu.“
Es hört sich so an, als hätte sich da einiges angestaut. Die Autos und mehr.
Warum empfehlen Navis eine solche Strecke?
Weiter nach oben. Immer enger wird die L 38. Einspurig zwängt sie sich zwischen den eng stehenden Bauernhöfen von Lans durch. Im Dörfchen Ellbögen entsprechen die Kurven dem Ortsnamen. So steile Stücke sind dabei, dass dort regelmäßig Wohnwagengespanne hängen bleiben. Rangieren können sie nicht. Man fragt sich: Warum empfehlen „kluge“ Navis eine solche Strecke?
An der Brennerstrecke, sagt Karl Mair, „haben wir immer vom Verkehr gelebt. Aber was zu viel ist, ist zu viel.“ Er erzählt von den Salzfuhrwerken, die seit tausend Jahren und mehr aus dem Inntal in Richtung Süden heraufgezogen sind. Viel breiter als für einzelne Salzfuhrwerke ist die heutige Straße auch nicht. Mair betreibt in Ellbögen den Gasthof Neuwirt, der vor 700 Jahren für Rast und Pferdewechsel eingerichtet worden sei: „Ob Heide, Jud oder Christ – hinein wer durstig ist“, steht seit alten Zeiten auf der Hauswand.
Heute ist der Neuwirt eine Ausflugsgaststätte – und Mair war gar nicht glücklich mit dem Fahrverbot am Wochenende: „Alle Gewerbetreibenden sind dagegen“, sagt er. Besser als die Totalsperre wäre gewesen, sagt Karl Mair, man hätte auf der Römerstraße endlich mal das „immer schon“ bestehende Fahrverbot für Wohnwagen durchgesetzt. Den Rest könnte man ja „dosieren“, also jeweils nur so viele Fahrzeuge durchlassen, wie fließend auf die Trasse passen.
Monat für Monat eine Million Autos
Stefan Siegele von der österreichischen Autobahngesellschaft Asfinag-Alpenstraßen rechnet vor, dass auf der Brennerautobahn Monat für Monat eine Million Autos unterwegs sind und allein der Zuwachs im Jahresvergleich bei drei Prozent liege: „Wir erreichen jetzt im Sommer unsere Kapazitätsgrenzen.“ Hinzu kommt die stetige, massive Steigerung beim Güterverkehr. Über den Brenner sind 2018 erstmals mehr Lastwagen gefahren als über alle dafür geeigneten Alpenpässe der Schweiz und Frankreichs zusammen. 2,4 Millionen Laster waren es, das sind 200.000 pro Monat. Zusätzlich zum Pkw-Verkehr.
Karl Mair vom Neuwirt gibt schon auch zu, dass in Tirol gerade der Freizeitverkehr auch hausgemacht ist, gerne gesehen sogar: „Es gibt viele Ausflugsgaststätten auf den Bergen. Es gibt die Seilbahnen. Die wollen ja alle erreicht werden.“
Mit dem zweifachen Doppelproblem – hausgemachter/fremder Verkehr beziehungsweise erwünschter/unerwünschter Tourismus – schlägt sich besonders die Stadt Reutte herum, die seit diesem Wochenende ebenfalls vom Durchzugsverkehr abgeriegelt ist. Wie auf der Brennerstrecke gilt: Wem die große Trasse zu voll ist, der versucht, über die Dörfer auszuweichen.
„Wir sind arme Schweine“
Das verhindert die Polizei nun auch in Reutte, und der kleine Biedermeier-Marktflecken, dessen enge, kastaniengesäumte Hauptstraße sich zwischen den Traditionsgasthäusern „Goldener Hirsch“ und „Schwarzer Adler“ erstreckt, atmet auf. „Für uns ist das fein“, sagen zwei junge Frauen vor der Dorfkirche. „Das tut uns gut“, bestätigen Geschäftsleute. „Wir hatten zuletzt immer mehr Verluste dadurch, dass sich unsere eigenen Leute zum Einkaufen nicht mehr ins Ortszentrum getraut haben vor lauter Stau.“
„Wir sind arme Schweine“, klagt eine Frau am Kreisverkehr vor dem „Goldenen Hirsch“. Und die „supergescheiten Bayern“, die sollten mal „ihren Mund halten“.
Von den Urlaubern, sagen sie in Reutte, bleibe sowieso niemand am Ort: „Die fahren alle durch.“ An Attraktionen könne man nur wenig bieten, und eigentlich habe man Tourismus auch nicht nötig. Es gebe ja reichlich Industrie am Ort, meint der Inhaber eines Eisenwarengeschäfts.
Freie Fahrt für freie Bürger?
Zurück nach Deutschland. Diesmal auf der Inntal-Autobahn über Kufstein. „Wartezeit bei der Einreise: 35 Minuten“, vermeldet der Bayerische Rundfunk. Und da ist der Stau auch schon, ein paar Kilometer vor der Innbrücke und dem Grenzübergang. Es liegt nicht an der Verstopfung durch allzu viele Fahrzeuge. Im Gegenteil: An diesem Wochentag fließt alles ruhig dahin.
Dass es sich staut, liegt an den bayerischen Grenzkontrollen. Und ein Ausweichen ist nicht mehr möglich. Auch im Bereich Kufstein-Kiefersfelden hat Tirol jetzt seine Schleichwege gesperrt – jedenfalls an den Wochenenden. Sollen doch alle heimreisenden Deutschen am eigenen Leib spüren, wie sehr sich Tirol ärgert über diese tagtäglichen Behinderungen an der Grenze, nicht nur am Wochenende. „Freie Fahrt für freie Bürger wollen die Bayern?“, höhnt ein österreichischer Polizist am Straßenrand: „Dann sollen sie doch mal …“