Politik Blickpunkt: Wiedervereinigung Zyperns – ein neuer Anlauf: Die Alten bleiben zurück
Seit 34 Jahren fehlt der Republik Zypern, die nur knapp halb so groß ist wie Rheinland-Pfalz, ein Drittel ihres Staatsgebiets. Mitten durch den EU-Mitgliedstaat und seine Hauptstadt verläuft eine von UN-Truppen gesicherte Grenze. Am Mittwoch wird erneut ein Versuch unternommen, den türkisch besetzten Nordteil mit dem Süden zu vereinigen. Eindrücke von der geteilten Insel, der die Jugend weggelaufen ist.
Dass Páphos, das 50.000-Einwohner-Städtchen im Süden Zyperns vor fünf Jahren zur Kulturhauptstadt Europas 2017 gewählt wurde, hatte auch politische Gründe. Die seit mehr als 40 Jahren währende Teilung der östlichsten Mittelmeerinsel ist angesichts der vielen Krisenherde auf der Welt völlig in Vergessenheit geraten. Dabei verläuft mitten durch den EU-Mitgliedstaat und seine Hauptstadt Nikosia eine von UN-Truppen abgesicherte Grenze, die Zyprer erst 2004 – also nach 30 Jahren Teilung – erstmals wieder überqueren konnten. „Kultur kann Grenzen überwinden“: Dies machten sich die Zyprer 2012 zum Motto für das Jahr, in dem ihr Páphos Kulturhauptstadt Europas sein würde – in der Hoffnung, dass das zarte Pflänzchen Entspannung weiterwachsen werde. Doch dann kam die Renaissance türkischen Machtstrebens unter Präsident Erdogan, die den Wiedervereinigungsprozess erst mal ausbremste. Denn ohne Ankara geht nichts auf der geteilten Insel. Seit der „Operation Attila“ 1974 halten türkische Truppen etwa ein Drittel des Staatsgebietes besetzt, allen Appellen der Vereinten Nationen zum Trotz, diese völkerrechtswidrige Okkupation zu beenden. Unzählige Verhandlungsrunden unter UN-Führung sind schon ergebnislos vertagt oder abgebrochen worden. Am Mittwoch steht nun die nächste an. Die Menschen auf Zypern, zumindest im Süden, scheinen die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung mehrheitlich fast aufgegeben haben. Sie haben sich mit der Teilung arrangiert und auch ganz andere Probleme. Die weltweite Finanzkrise hat die Insel 2008 schwer erwischt. Ziemlich einseitig hatte die zyprische Wirtschaft jahrelang auf den Bankenplatz Nikosia gesetzt. Mit verheerenden Folgen. 2012, kurz bevor Zypern den EU-Ratsvorsitz übernahm, musste es sich unter den Rettungsschirm begeben und hing jahrelang am Finanztropf der Europäischen Gemeinschaft. Jetzt steht Zypern wirtschaftlich wieder auf eigenen Beinen. Aber der Sanierungsprozess war schmerzhaft und die Bürger mussten große Opfer bringen. Und fast wäre sogar das Projekt Kulturhauptstadt wegen der Finanzkrise gescheitert. Doch die Zyprer gaben nicht auf. Auch wenn der Etat auf ein Drittel des ursprünglichen Betrages (8,5 Millionen Euro) gekürzt wurde und Páphos deswegen mit dem kleinsten Budget in der Geschichte der europäischen Kulturhauptstädte zurecht kommen musste, wurde ein bemerkenswertes Programm auf die Beine gestellt (www.pafos2017.eu). Doch die Wirtschaftskrise wirkt immer noch nach. Viele junge Menschen haben inzwischen eine bessere Zukunft im EU-Ausland gesucht und der Heimat den Rücken gekehrt. Auf Zypern gibt es Arbeit vor allem in der Hauptstadt Nikosia, dem Handelszentrum Limassol und in den Touristenzentren an der Küste. Die Dörfer dagegen sind hoffnungslos überaltert. Mit der Förderung des Tourismus auf dem Lande versucht die Regierung dem gegenzusteuern. Doch das ist schwer. „Meine Tochter Andrea ist das einzige Kind hier in Vasa“, erzählt die 32-jährige Anastasia. Sie hat mit viel Glück Arbeit gefunden, in dem kleinen Bergdorf, in dem sie lebt. Dessen Bürgermeister Michalis Mosfilis (65) stammt aus dem türkisch besetzten Famagusta und war bis zu seiner Pensionierung Polizist. Er versucht die jungen Leute im Ort zu halten, in dem, wie er sagt, mehr als 95 Prozent der 168 Einwohner bereits in Rente sind. Dabei setzt Mosfilis auf Individualurlauber, die Ruhe und Entspannung suchen. Seit kurzem gibt es in Vasa ein kleines Heimatmuseum, das auch die Geschichte des Zivania, des traditionellen Tresterbrands, beleuchtet, und einen Souvenirshop, in dem Anastasia arbeitet. Für sie käme es nie in Frage, ihren Heimatort oder gar die Insel zu verlassen, betont sie. Ähnlich denkt Stelios Efstathiou. Für den jungen Fremdenführer, der schon oft im Ausland unterwegs war, ist Zypern der einzige Ort, an dem er sich richtig wohlfühlt. Auch wenn er dafür finanzielle Abstriche machen muss. Für Stelios, der bald zum ersten Mal Vater wird, ist ein eigenen Häuschen mit Garten, in dem das Kleine einmal spielen kann, ein fast unerfüllbarer Traum. Reiche Chinesen und Russen haben dagegen in den vergangenen Jahren komplette Stadtteile und Küstenstriche aufgekauft. Chinesische oder kyrillische Schriftzüge in Geschäftsstraßen sieht man überall. Nicht zu vergessen die unzähligen Briten, die sich auf der sonnigen Insel niedergelassen haben, die hier Grundbesitz erworben und Unternehmen gegründet haben. Und die merkwürdigerweise so gar keine Angst vor dem Brexit haben, der sie aus der EU katapultieren wird. Aus der Gemeinschaft, zu der ihre Wahlheimat Zypern schließlich gehört. „Wir werden mit Zypern eigene Verträge aushandeln, und die werden sogar noch besser ausfallen als die bisherigen“, ist Simon Gale (55) überzeugt, der als Immobilienmakler vor allem britischen Touristen, von denen jährlich rund 1,16 Millionen (Stand 2016) auf die Insel kommen, Ferienimmobilen vermittelt. Wie 60.000 seiner Landsleute hat er sich dauerhaft in der Region Páphos niedergelassen. Heim nach England will er nicht mehr, aber dass Großbritannien die EU verlässt, das findet er gut. Dort gebe es inzwischen viel zu viele Ausländer, fügt er hinzu. Bleiben wird auf Zypern auf jeden Fall das britische Militär. Diese „Sovereign Base Areas“, auf denen 7500 britische Soldaten Dienst tun, umfassen 254 Quadratkilometer. Sie sind „Überseegebiet unter Herrschaft der Königin“, verwaltet von Militärkommandeuren und mit zyprischen Dörfern als Enklaven. Obwohl Zypern gar nicht weit von den Krisenherden in Nahost entfernt ist, kommen nur vereinzelt Flüchtlinge auf der Insel an. Diese wenigen Asylsuchenden haben sich offenbar recht gut in ihr neues Leben eingefunden. Sie erhalten in der Regel Hilfe von den muslimischen Gemeinden im Südteil der Insel, begründet durch Arbeitsmigranten wie den gebürtigen Syrer Ahmed, der vor 17 Jahren nach Zypern kam. „Wir kümmern uns um die Flüchtlinge“, sagt Ahmed. Auf diese Weise füllen sich die lange Zeit leerstehenden Moscheen im Süden wieder. Dass die türkischen Zyprer einmal in die Städte und Dörfer zurückkehren werden, die sie oder ihre Eltern 1974 verlassen haben, ist dagegen unwahrscheinlich. Und wenn, dann wäre das auch kein Problem, meint Christos aus Limassol, das nach der Teilung 1974 45.000 Flüchtlinge aus dem Norden beherbergt hat. „Wir Zyprer sind ein Mischvolk und haben schon immer Einwanderer und verschiedene kulturelle Einflüsse aufgenommen“, sagt der junge Mann, der bei einem Fahrradverleih arbeitet. „Warum sollte das mit unseren Landsleuten aus dem Norden nicht klappen?“ Die Gespräche über eine Wiedervereinigung sollen am Mittwoch fortgesetzt werden. Die Vertreter der griechischen und türkischen Zyprer, Nikos Anastasiades und Mustafa Akinci, werden im schweizerischen Genf zusammenkommen. Für Konfliktstoff in den Verhandlungen sorgen vor allem die 35.000 türkischen Soldaten im Norden der Insel, die laut Akinci die Sicherheit der türkisch-zyprischen Minderheit garantieren sollen. Die griechischen Zyprer fordern jedoch den Abzug aller Truppen. Ein EU-Land brauche keine Garantiemächte und Besatzungstruppen, argumentiert der zyprische Präsident Anastasiades. „Ein vollständiger Abzug der türkischen Soldaten kommt nicht in Frage“, hat der türkische Präsident Erdogan jedoch noch im Januar diesen Jahres klargestellt. Dann bleibt wohl nur noch die Kultur, um Grenzen zu überwinden. Die ersten Schritte sind schon getan. In Páphos beschäftigt sich eine Ausstellung mit den rund 400 türkischen Zyprern, die vor 1974 in den benachbarten Dörfern lebten. Ganz bewusst wurden auch Kulturschaffende aus dem Norden in das Projekt Kulturhauptstadt mit einbezogen, erzählt Andreas, Mitarbeiter bei „Paphos 2017“. Darüber hinaus wollen Künstler und Kunstinteressierte aus beiden Teilen Zyperns zusammen daran arbeiten, die gemeinsame Geschichte zu retten, denn viele der historischen Bauten der Insel sind inzwischen vom Verfall bedroht.